Zukunftssterben

Fergusson saß am Boden seines abgedunkelten Apartments. Ein riesiger, leerstehender Raum – monotone Wände und eine einzige, graue Tür als Fluchtpunkt zu jener großen Welt dort draußen. Wie die kleinen Terrarien im Zoo, so sah das aus. Drei dicke Plastikwände und eine gigantische Glasfront zur Straße. Nur fehlte in diesem Fall das Leben – eine Darbietung in dieser kleinen Box – die Präsentation eines Mottos im Inneren, wie ein Theater. Die leeren, strapazierten Augen des jungen Mannes in seinen engen Jeans und weißem Hemd, welcher sich das blonde, glänzende Haar sauber nach hinten gestrichen hatte – sie starrten durch das kalte Fenster hinaus in die pulsierende Welt. Während an der Scheibe dreckige Regentropfen hinabrinnten, füllten auf der breiten Straße verschiedenste Menschen das Viertel. Viele liefen in extravaganten, im Regen schillernden Mänteln umher – andere wiederum in schlichten, gar unscheinbaren Klamotten. Ein vielfältiges Spektrum an Kleidunsgsstilen konnte man in dieser Gegend der Stadt bewundern und das nicht grundlos. Es war einiges passiert seitdem im Jahr zweitausenddreißig der große Umbruch geschah. Man hätte es schon seit anbeginn des Jahrhunderts vorhersehen können, aber das war jenes Jahr, in welchem die Technik- und Unterhaltungsbranchen eine deutliche prozentuale Übermacht auf dem Arbeitsmarkt erlangten. Menschen waren zu Minimalisten geworden, unterhaltungsgierigen Monstern die ihre Zukunft in kleinen digitalen Geräten und einer kodierten Verbundenheit sahen. Von künstlichen, vermütterlichten Assistenten, welche einem das Denken abnahmen, bis hin zu einem ausführlicheren Wissen über das Leben der Bekannten, als viel mehr über das eigene; stellten die Problematik bloß. Die Macht der Einbildung gebildet zu sein, beflügelte das selbstbewusste Handeln und erblindete den Blick auf das große Ganze: Eine Welt für die Zukunft, eine gesunde Welt, ein langes Sein der Menschheit.

Was wurde aus der Blindheit der Schafe, unscheinbare Nutztiere unter der Herrschaft der wohlverdienenden Wölfen. Konzerne welche sich über die Bedürfnisse stellten, die Grundlagen lieferten und die Nachfrage überteuert beantworteten.

Nicht einmal diese Übermacht war im Stande dazu, klar voraus zu blicken – zu sehen, auf was dieses Pack an Lebewesen zusteuerte. Man machte Geld, mehr und mehr. Trillionen schwere Firmen waren schon bald keine Seltenheit mehr. Man produzierte unnütze Neuheiten, verdiente viel, zahlte mehr, gab mehr aus. Inflation, das erste Problem! Aber in welcher Gesellschaft? Wie sah diese aus, als sich die Problematik des vorangegangenen Jahrhunderts wiederholte – wie hatte sich die Welt verändert?

Die Metropolen waren digital mutiert.

Fergusson Hendry richtete sich auf, wie gelähmt wankte er der Tür entgegen und verließ die Wohnbox.

Gelangweilt wandelte er durch eine kleine Nebenstraße, mitten in NewYork. Der Hunger hatte den dürren Mann gepackt und zwang ihn, an diesem späten Abend noch einen Imbiss oder den Standort einer, vieler Fastfoodketten aufzusuchen. Hohe, dunkle Wände aus rauem Plastik stachen an den Seiten der knapp zwei Meter breiten Gasse empor. An deren Ende stach grelles, buntes Licht zusammen mit einem Rauschen aus Schritten, triebwerken und wilden Unterhaltungen hervor. Leuchtende Konturen zogen sich um seinen Körper, den hohen Kragen des langen Mantels, dessen grelles grün im Dunkeln der Gasse nicht zu erkennen war – und seine weiten Hosenbeine, deren Jeansstoff er an den Enden sorgfältig nach oben gefaltet hatte.

Fergusson bog aus der Gasse, ein in den wirren Trubel beschäftigter Menschen. Jede Person hatte etwas leuchtendes bei sich – Geräte, digitale Hilfsmittel.

Weit verbreitet waren Smartcards, kleine randlose Bildschirme welche alle wichtigen persönlichen Dokumente und alltägliche Programme speicherten, Nachfolger der ehemaligen Smartphones. Man hatte mittlerweile alles online, von Geld das in Papier- und Münzform nicht mehr akzeptiert wurde, bis hin zu der altbekannten Telefonfunktion – welche in einer solch überdigitalisierten Welt nicht mehr von nöten war. Manche trugen aber auch digitale Brillen – die wahrlich intelligente Alltagshilfe, versehen mit den verschiedenen Assistenten. Wenn man mal nicht auf menschlichen Kontakt aus war – und das waren reichlich wenige Leute, dann musste man nur mit seiner Brille sprechen. Überweisungen, Umgebungsinformationen, Stadtpläne oder auch das Reservieren von Restaurantplätzen. Paare analysierten während ihren Dates die Emotionen des Gegenüber, kommentierten nebenbei Urlaubserlebnisse der Besten und Politiker schauten belustigt Komödien während wichtigen Debatten.

Und all das wissen über die eignetliche Persönlichkeit trat man wiederwillig in den grollenden Schlund der Institutionen und Konzerne.

Solange man Geld für Unterhaltung hatte, lebte man ein zufriedens Leben und war bereit auf mehr zu verzichten, als man für möglich hielt. Und genau das hatten sich die großen Wirtschaftskonzerne zum Vorteil gemacht.

Jeder wollte ein Star sein, jeder wollte ein eigenes Statussymbol des Wohlstands präsentieren können. Jeder wollte so viel Geld machen, um sorglos zu leben. Die Antwort der Wölfe – eine kolossale Wendung.

Durch den eben erst im Bauwesen etablierten 3D-Druck angetrieben, stampfte man binnen kurzer Zeit rießige Gebäude aus dem Boden. In Großstädten und Vorstädten entstanden die Unterhaltungsterrarien, wie sie von Kritikern des Projekts geschimpft wurden. Wie die durchsichtigen Süßigkeiten-Regale in Kinos und Supermärkten, aus welchen man sich selbst schöpfen konnte, so sahen diese gigantischen Bauten aus. Quaderförmige Blockbauten, welche zu einer Seite komplett gläsern waren. Hinter den großen quadratischen Scheiben, welche die ebene Außenseite strukturierten, befanden sich kleine Wohnungen. Jeder der darin lebte, präsentierte sich, Tag und Nacht. Gestaffelt über drei Stockwerke, durchdacht, aufgeteilt in funktionale Etagen.

Wer etwas direkt präsentieren wollte, ein Geschick, eine Kunst, eine sonstige Begabung – der richtete sich in der unteren Etage ein. Aber auch Lokale oder Markteketten nutzten diese Präsentationsflächen. Man begann mit dem aktiven Geschäft zu werben – man sah in den Räumen der Fastfoodketten, wie sich Leute das Essen hinter verzierten Fenstern schmecken liesen und reagierte selbst interessiert. So konnte man direkt, mit den potentiellen Interessenten auf der Straße interagieren und diesen jene Aktion präsentieren, welche man so selbstsicher vertrat.

In der Mitte brachten sich digitale Sportler unter, einflussreiche Personen welche Mitteilungen machen wollten und kleine moderierte Gesprächsrunden, welche über beliebige Themen debattierten.

Die obere Etage war vergleichse privat. Man verkaufte seine freie Sicht auf die Stadt für gut bezahlte Werbeanzeigen, welche auf die Scheiben projeziert wurden und so eine gewisse Privatsphäre hinter verschwommen-leuchtenden Farben einer Werbeanzeige über das Neueste-vom-Neuen gewährleisteten.

Manche schalteten zusätzlich noch spezielle Kodierungen auf die Scheiben, über welche man an die jeweilige Darbietung Geld spenden konnte.

Wie Käfige zogen sich diese leuchtenden Mauern an den Seiten der Straßen und Gassen in die Höhe, bedrängten einen mit visueller Freiheit; und Vielfalt wurde neben all den Gleichgesinnten zu einem einseitigen Erlebnis.

Über die Jahre hinweg wurde dieses System der allzeitigen Unterhaltung immer beliebter, Interessenfelder schlossen sich der Präsentation an und die Geschmäcker weiteten sich ins absurde. Von Tieren, welche man in blinkenden Boxen einsperrte und sich an ihrem folglichen Verhalten amüsierte, über Eltern welche ihre Kinder öffentlich großzogen, bis hin zu erotischen Darbietungen über ganze Blocks hinweg. Man staffelte die Themengebiete in verschiedene Stadtteile und band die Gegenden an den öffentlichen Verkehr an. Gen Himmel protzten schon bald die breiten Schienen der Supraleitbahnen und verdunkelten die Gassen noch mehr.

Kinder drückten ihre kleinen Gesichter gegen die feuchten Scheiben der Bahnen, um einen Blick in die für sie verbotenen Unterhaltungsviertel zu werfen, während auf den kleinen implantierten Ohrstöpseln Hörbüchern über Stars und Sternchen liefen.

Fergusson ging es schlecht. Er gehörte einer der Aktivisten an, welche sich gruppiert hatten, um gegen dieses System anzutreten. Den Menschen wollten sie klar machen, dass dies nicht die Zukunft sein dürfte, schlimme Folgen haben würde und was es in dieser Welt für Alternativen Gäbe. Sie taten sich zusammen, mieteten ganze Straßenzüge um die Boxen dunkel zu halten. Eine ruhige Gegend, ohne all den digitalen Drang.

Doch es führte zu nichts, es machte ihn krank – jeden Tag dort zu sitzen, zu sehen wie die Menschen vorbeizogen – keinen Sinneswandel zeigten. Selbst als sie für längere Zeit ein überwältigendes Bild eines Waldes projezierten, welches sich über das Gesamte Bauwerk streckte war die einzige Reaktion der Masse, welche ein solches Naturwunder zum Teil noch nie bestaunt hatte, einen Schnappschuss zu machen und schnell weiter zu ziehen.

Die Inflation hatte auch Fergusson gepackt, sein Gehalt stieg nicht im Gegensatz zu den der meisten anderen. Von Tag zu Tag musste er mehr einsparen. Eine langsame Zermürbnis, der mit Wiederstand nichts entgegenzusetzen war.

Er würde bald ausziehen, hatte er sich vorgenommen. Ein kleines Haus auf dem Land drucken lassen und sich der Lebensmittelgenerierung anschließen.

Die Technik hatte den Menschen das Denken abgenommen. Aber sie dachte nicht mehr, als es die Menschen taten. Eine Schleife die ins Nichts führen würde mit der einzigen Möglichkeit sich zu retten – den eigenen Lebensstil dem leblosen Trend zu entziehen.

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Ep. 2 – Severin Fornier

Aus den Memoiren des Paranormalen

„Tote leben, Untote sterben“

 

Es war der zwanzigste Oktober, achtzehnhundertsiebzig. Kalte Winde fauchten im kleinen Schrebergarten vor dem Haus des alten Ehepaars Burher im kleinen hundert-Seelen-Örtchen Woasby, Ontario. Es war ein von hohen, dunklen Tannen und kniehohem Gestrüpp umwachsenes Grundstück. Nur am späten Nachmittag, wenn die Sonne auf der Höhe des kleinen, eisernen Gartentors stand, konnten sich ein paar wenige Strahlen an der Blockhütte vorbei, zu den kahlen, braunen Reben kämpfen. Irma Burher, die alte, knochige Frau, deren gebückter Gang von langwieriger Gartenarbeit zeugte und deren Hände von der Pflege der verwelkten Rosenbüsche am Eingang ganz verkratzt waren, rupfte gerade das Unkraut zwischen den Erdbeersträuchern aus. Der Boden war zu dieser Jahreszeit meist schon leicht gefroren und forderte von der gebrechlichen Dame viel Kraft, um die verwucherten Wurzeln aus ihrer festen, braunen Kruste zu rupfen. Immer wieder verlor sie das Gleichgewicht, wankte nach vorne und musste sich mit den Händen abfangen, um nicht zu stürtzen. Ihr Rücken bog sich dabei wie der Buckel einer bedrohten Katze.

Eduard Burher stand währenddessen im kleinen schiefen Holzschuppen zwischen den beiden besonders knorrigen Tannen des Gartens. Mit seinen starken Unterarmen, wuchtete der leidenschaftliche Koch mit finsterer Mine die Axt durch die Holzstücke hindurch. Wie vom Blitz getroffen, knackte das zukünftige Brennholz mit erfrischendem Klang inzwei. Vögel flogen aus der Bewaldung aus und sammelten sich am kalten Herbsthimmel zu dunklen, rauschenden Wolken.

Sie umflogen mich schützend, deckten meine Erscheinung vor den Bewohnern des Vororts.

Evelyn setzte die Feder ab und lauschte.

„Du musst wissen, meine Kleine, dass das alte Ehepaar einen verzogenen Enkel beherbergte. Seine Eltern, ein angesehener Arzt mittleren Alters, der mit der Tochter der Burhers, seiner deutlich jüngeren und sehr hübschen Gehilfin, die Ehe geschlossen hatte, wussten den Jungen nicht zu bändigen. Er verhielt sich schlimmer, ja grausamer als es die beiden vierbeinigen Köter es taten, welche ständig durch die Gänge der Vorstadt-Residenz streunten. Ein Bengel, der aufgrund der ständigen Abwesenheit seiner Eltern schlecht erzogen war, sich aber auch nicht um Fürsorge und Akte der Freundlichkeit scherte. So auch nicht um seine schwer kranke Urgroßmutter. Das alte Mütterchen litt an lepromatöser Lepra, der wohl schwersten Form der qualvollen Krankheit. Während es für das Ehepaar Burher sowie das jüngere elterliche Ärztepaar Fornier ein unheilbares Leid war, welchem sie zuschauen mussten ohne Aussichten der Frau helfen zu können – amüsierte sich das flegelhafte Kind an den Schmerzen und dem entstellten Körper der Urgroßmutter.“

Evelyn starrte mir gebannt in die leeren Augenhöhlen, während ich ihr gegenüberstand und die Geschichte des ungeratenen Severin Fornier erzählte. Das Mädchen aus frohem Hause und entgegenkommender Art hatte es schwer, sich ein solches Verhalten vorzustellen. Doch es war wahr, so wahr wie es nicht hätte sein dürfen.

„An jenem frühen Donnerstag Morgen, besuchte ich die dolore alte Frau vor der Blockhütte auf dem kleinen Grundstück. Zusammengekauert und eingehüllt in kratzige Wolldecken, blickte sie durch die kleine Öffnung ihres eng gebundenen Kopftuches in den blauen Himmel. Wie ein Rudel junger Wölfe, heulte der Wind durch die Tannenwälder.

Die Familie saß an diesem kalten Morgen noch in der Küche beisammen, aßen eine Suppe – Severin schaufelte sie ungebremst in seinen geweiteten Körper, während ich der alten Olivia Burher

ein letztes Mal frische Lebensenergie einhauchte, ehe ich sie von ihrem Leiden befreien würde. Und genau eine, ganz bestimmte Person, sollte sie in diesem frischen, unberechnbaren Zustand vorfinden. Severin.“

Evelyn blätterte um und setzte die frisch gefüllte Feder für die neue Seite an:

Mit äußerster Eile schlürfte der Junge am gezierten Esstisch den Rest Kürbissuppe aus dem mickrigen, handbemalten Topf. Seine Mundwinkel glänzten orangefarben, während er das Küchenutensil abstellte und sich zufriden zurücklehnte. Die Menge an Flüssigkeit stoß ihm in einen Moment mit tiefem Ton auf, ehe er die entsetzten, Eltern, welche zu Besuch waren um nach der Urgroßmutter zu sehen, zurücklies und entschloss, sich zu den älteren familiären Genossen in den Garten zu bewegen. An der quietschenden und durch die Kälte leicht verzogenen Tür machte er halt, um sich am Wäscheständer ein Stoffteil zu angeln, an welchem er seine feuchten Essensreste abputzen könnte. Es erwischte das Sonntagshemd des Großvaters, dessen chemischen Geruch Severin auf sich einwirken ließ, während er es mit orangener Soße versehen zurück auf den Bügel schmiss.

Vor dem Haus erblickte er seine Großeltern im Garten werkend, schaute sich suchend nach Unterhaltung um und bog dann schnell um die Hausecke. Er wollte zu der Bank, auf welcher die Urgroßmutter stehts schmerzvoll verharrte und wenigstens das letzte Bisschen ihres Lebens genoss. Vielleicht würde sie wieder krächzen, jaulen – wie ein getroffener doofer Hund – dachte Severin schmunzelnd bei sich. Denn wenn ihm einmal nicht nach dem Töten von Käfern, Ärgern von Nachbarskindern oder dem Vertauschen von Medikamenten im großen Haus seiner Eltern war, dann erwies sich Olivia als die beste Unterhaltung.

Während Severin sich genervt die Kopfhaut kratzte und dabei überprüfte, wie seine ungekämmte Frisur saß, bemerkte er die überwältigende Vogelschaar am wolkenlosen Himmel. Zu gern würde er nun die Flinte seines Vaters bei sich haben und den Raben dort oben zeigen wo sie hinzufliegen hatten, aber die war in einem Waffenschrank eingeschlossen und seit dem letzten Vorfall hatte man auch den Schlüssel versteckt.

Der Junge griff sich ein paar kleine Kieselsteine vom Boden auf und ging auf die kleine Bank zu, auf welcher das Menschliche Bündel sich im Schatten der Bäume niedergelassen hatte. Man sah ihr Gesicht kaum, aber dennoch spürte man die Anspannung der Frau. Eine Anspannung wütender Art, erbittert über das allzeit erniedrigende Vergehen Severins. Dieser setzte sich gegenüber von ihr auf den kalten Rasen. Als sie auch nach einigen Minuten der furoren Stimmung keine Laute von sich gab, begann er die kleinen Steinchen auf sie zu schmeißen.

Immer mehr Vögel versammelten sich am Himmel, das Krächzende Rauschen aus klappernden Schnäbeln ertönte immer lauter und hallte wie Donnergrollen durch die Lüfte hinab. Der Schwarm kreiste immer tiefer – wie eine Glocke senkte sich die Schar über dem kleinen Platz hinab, entzog das Licht wie die Luft aus einem Schröpfglas und lies dem nun doch verängstigten Jungen die Luft in hastigen Zügen aus den Lungenflügeln brausen. Das fliegende Gefolge des Paranormalen schuf ein Zelt der Finsternis um Severin, welcher sich nun furchtsam umblickte. Seine Knie waren weich geworden und schlackerten unsicher umher.

Das Kreischen der Tiere verklang und bald war nur noch das wilde Schlagen der federnen Flügel zu vernehmen.

Severin warf seine Steinchen beiseite, wollte sich durch den lebendigen Nebel kämpfen, doch die Tiere hielten ihn ab, drängten ihn zurück – Olivia Burher entgegen. Er schien zu realisiern was passierte, begann seine Urgroßmutter anzuflehen, sich zu entschuldigen und Besserung zu versichern. Doch dafür war es zu spät. Unter dem Kopftuch leuchteten zwei kleine weiße Punkte auf, unnatürliche Lichtquellen in der vollkommenen Finsternis. Die Decke glitt beiseite und enblößte die volkommene Zermürbnis der kleinen Kinderseele. Wie ein Messer stach der Schock Severin ins Herz – seine entstellte Urgroßmutter, welche er zum ersten Mal in seinem jungen Leben ohne das schützende Behängnis sah, stand aufrecht vor ihm – soweit man diese Haltung so bezeichnen konnte.

Der rechte Arm war gar nicht vorhanden, ein leerer, stinkender Ärmel hing an der Seite hinab und deutete den Bereich des fehlenden Gliedes. Um den Linken stand es nicht sonderlich besser – dunkel und zerfault, dem bitteren Verlust geweiht hing er wie gelähmt hinab, die Haut nur teils vorhanden, blutverschmiert, als hätte man ihn einer Folter unterzogen. Es war surreal, Severin Fornier war wie gelähmt. Das Gesicht war zerfressen, die leuchtend weißen Augen stachen teuflisch hervor, zogen den Jungen in einen fürchterlichen Bann. Dieser setzte zurück, versuchte dem Monster, als welches ihm die alte Frau nun erschien zu entfliehen, doch diese setzte ihre verstümmelten Beine in Bewegung, und schlürfte Severin ächtzend entgegen. Jene Geräusche, welche er sich vorher noch erhofft hatte, waren jetzt zu seinem übelsten Albtraum geworden. Immer schneller kroch sie ihm entgegen – er rannte, stolperte und fiel rücklings. Das enstellte, menschliche Wesen stürtzte über ihn und packte das nun ärmliche Kind mit der einzigen Hand am Hals. Blut und Speichel tropfte auf seine Haut hinab. Severin zuckte nur noch angeekelt, der Schreck hatte die Kontrolle über ihn ergriffen.

Grelles Licht strahlte durch seine Augenlieder, das Schrille Pfeiffen eines Tinitus hallte um ihn; und die Umrisse eines großen Mannes wedelten verschwommen mit den Armen, während er die Augen öffnete und begann, sich allmählich zu besinnen. Er identifizierte den Mann als seinen Vater, welcher sich zu ihm hinabbückte – seine Augen gerötet von Tränen und die Ärmel des feinen Anzugs zerknittert. Severin erinnerte sich – er brachte kein Wort hervor, richtete den Oberkörper nur auf und blickte sich unsicher um. Keine Vögel waren mehr zu sehen, kalte Stille umgab ihn, nur das Pfeiffen und das Heulen des Windes untermalten seine Wahrnehmung. Er war noch am selben Ort, doch etwas war anders.

Severin ging zu seinen Großeltern hinüber, sie knieten vor der leeren Bank. Etwas großes lag vor ihnen auf dem Boden und seine Mutter eilte soeben mit einer Decke herbei. Vorsichtig warf er einen flüchtigen Blick über die breite Schulter seines Großvaters. Auf dem Boden lag still und friedlich die Urgroßmutter. Sie war tot, von ihren Schmerzen erlöst.

Etwas stach Severin am Hinterkopf, er griff sich ins Haar und zog etwas heraus.

Eine große, schwarze Feder.

„Jedes mal, wenn ich einen Menschen richte“, sprach ich zu Evelyn – „jedes Mal verliere ich eine Feder an ihn. Und der letzte, wird mein Nachfolger werden!“

Ep. 1 – Evelyn Cortecker

Aus den Memoiren des Paranormalen

„Es gibt keinen Teufel, nur dich und mich“

 

Es dämmerte. Die Dunkelheit umschlang die Lande mit ihren dichten, schwarzen Flügeln aus Nebel und kaltem Dunst. Die Fassaden des kleinen überschaulichen Örtchens wankten ängstlich im flackernden Licht der Laternen und die Menschen zog es zurück in ihre Häuser. Die gelben Lichter der von Holzkreuzen geteilten Fenster erlhellten die gepflasterten Gehwege und tränkten die Gassen in ein wohliges Schummerlicht. Wenn man genau lauschte, konnte man hören, wie sich die kalten kleinen Wellen an den Hafen schlichen und sanft gegen die Brandung schlugen. Er war nicht weit weg, der Hafen von Lawcaster. Einige Meter unterhalb der bleichen Sandsteinklippen, auf welchen das wilde Gras im lauen Wind wehte. Wie knochige Tentakeln streckten sich die Halme dem Halbmond entgegen, zappelten, als auf einmal ein kleiner Mensch durch sie hindurch stapfte und einige von ihnen zertrat. Es war die zierliche Evelyn Cortecker. Ein junges, in bunter Strumpfhose und dicker, brauner Wolljacke eingepacktes Mädchen. Einer ihrer beiden Stiefel war offen, die Schnürsenkel sprangen im Takt der schnellen Schritte umher und nur kurze Zeit später verfing sich einer der flinken Bändel unter einem Stein. Sie stolperte, stürtzte vornüber. Das große, dicke Buch, welches sie eben noch fest an sich gedrückt hielt, flog in weitem Bogen über eine kleine Pfütze hinweg und blieb zwischen den tanzenden Halmen offen liegen. Evelyn richtete sich erschrocken auf. Sie zitterte vom kalten Nass des feuchten Bodens, rückte ihre Nickelbrille zurecht und grinste gequält dem Mond entgegen. Ihre weißen Zähne funkelten hinter der silbernen Spange. Sie war regelmäßig hier oben auf dem ‚kleinen Dämon‘, wie man die Klippe im Örtchen schimpfte. Damals, als es die Seeschlacht zwischen Orlesfield und dem einst groß gewesenen Lawcaster in einer Tragödie endete, hatte die Bevölkerung von hier oben zusehen müssen, wie ein Großteil der Hafenstadt von den erbarmungslosen Angreifern abgebrannt wurde. Nur die schwarzen Ruinen der steinernen Grundrisse waren bis heute noch erhalten geblieben, alles andere fiel den Flammen zum Opfer. Evelyn nutzte diesen Ort um für sich zu sein, las gerne aus Büchern über alte Sagen und fremde Wesen, genoss den Ausblick auf die Weiten von Land und Meer und stellte sich vor, wie es hatte sein müssen, damals vor dreihundert Jahren gelebt zu haben.

Sie senkte ihren Blick wieder, schaute suchend umher, bis sie ihr Buch erblickte. Schnell rückte Evelyn ihre Jacke zurecht und hechtete sogleich hinüber zu ihrem ledergebundenen Schatz. Es war ein Kapitelanfang, welcher darin aufgeschlagen war. Sie las ihn aufmerksam „Die keuchende Ruine“, einmal, zweimal, immer wieder. Als würde der Titel sie in seinen Bann ziehen. „Über den Wächter von Lawcaster und seinen wachsamen Geist“, schilderte der Untertitel den Inhalt der Geschichte. Evelyn blickte auf, im Augenwinkel blendete sie etwas, ein Licht aus unbekannter Gegend. Entsetzt fokussierten sich ihre erstarrten Blicke auf das monströse Gebilde. Inmitten des steinernen Friedhofs, dem abgebrannten Teil Lawcasters, stach ein kleiner Turm wie eine stumpfe Nadel aus dem Boden. Licht brannte.

Sie konnte ja nicht wissen, dass ich ihr in dieser Nacht hatte einen Besuch abstatten wollen.

Sie wankte unsicher durch die Ruinen hindurch, schützend das große Buch an die Brust gepresst und ihr Kopf wackelte zittrig, während sie einen unsicheren Schritt nach dem anderen machte. Jegliches Licht wurde von dem pechschwarzen Boden regelrecht verschluckt, Laternen gab es sowieso nicht und der Mond kauerte hinter dunklen, Unheil versprechenden Wolken. Die Luft war feucht und salzig, ein Vorzeichen für einen ordentlichen Regenschauer. Doch bevor dieser, die kleine Emely erwischen sollte, geschah etwas anderes. Das einzige Funkeln, welches in dem Schutt aus stechenden Erinnerungen den Weg wies, war das meines Turmes. Die Farbe wechselnd, begann es das Mädchen auf eine aufdringliche Art zu blenden, irritierte sie aber forderte auch den

Wissensdrang des Kindes heraus, zu erfahren, was dieses Gebilde beherberge. Desto näher sie kam, umso höher stach die monotone Ziegelsteinfassade aus dem toten Boden. Nur noch wenige Meter trennten das Mädchen von meinem Eingang, nur wenige Meter, ehe sie mit ihren kleinen Stoffschuhen über die Schwelle treten würde und ich sie willkommen heißen könnte. In der Stadt gingen immer mehr Lichter aus, viele waren Fischer, mussten früh aufstehen und gingen pünktlich zu Bett. So auch die Bewohner des kleinen Altbaus mit der Nummer zehn, das Haus der Corteckers. Niemand schien ein Interesse daran zu verspüren, eine Tochter zu suchen, welche zum Abendessen noch nicht aus den hohen Wiesen zurückgekehrt war.

Ich ging zur Tür, öffnete und verbeugte mich willkommend mit einem gekonnten Knicks. Evelyn sprang auf mich zu, ich hatte sie gepackt. Tief in ihrem Herzen umschlung ich sie mit meinen Armen aus übermächtiger Kraft und innigem Willen. Ihr Arm streifte meine Federn als sie eintrat, und staunend die Brille absetzte, um den Irrgarten eines Palastes zu bestaunen. Ich rückte meinen Hut zurecht, schritt an ihr vorbei und setzte mit einem Sprung zum Flug an. Einnige Runden flog ich im Kreis über der Eingangshalle, ehe ich mich am oberen Ende der Wendeltreppe niederließ. Von innen hatte der eigentlich beschauliche Turm ein viel ausgiebigeres Volumen, als es von außen schien.

Wie ich aussah? Fantastisch! Das schwarzes Rabengefieder überdeckte wie ein edler, maßgeschneidertes Frack meinen Oberkörper, von den Schultern ab über die Gliedmaßen hinweg bis hin zu den scharfen Fingerspitzen und Versen, welche ich in ein Paar brauner Pferdelederstiefel gesteckt hatte. Mein markant, fleischloses Gesicht hatte ich von den Augenhölen bis hin zu den klappernd, glänzenden Zahnreihen sauber poliert und das schwarze Band des Todes sorgfältig um den filzernen Zylinder gewickelt. Der wahrhaftig richtige Aufzug für den unwirklichen Gott über das unwirsche Vergehen der Menschen, ein Herrscher über verwirklichte Albträume und absurde Tragödien.

„Folge mir Evelyn!“, hallte meine dumpfe Stimme auf möglichst freundliche Art den Innenraum hinab. Ihre Augen blitzten im Licht des bunten Feuers, welches von der Decke in allen Farben hinabbrannte. Wie ein Flo, sprang das frische Menschlein die Stufen hinauf, ihr Buch immer noch fest umklammert, fasziniert von dem surrealen Erlebnis, welches sie gerade realisieren musste.

„Ich möchte dir deinen Platz in der Geschichte zeigen.“, sprach ich und stürtzte zu ihr hinab – griff sie etwas schroff an einer Hand, mit der anderen umklammerte sie noch immer den dicken Wälzer, und schwebte mit kräftigen Flügelschlägen den Flammen entgegen. Sie weiteten sich, bildeten einen Ring, wie ein Portal. Meine Erscheinung verblasste und verschwand kurz darauf komplett, doch Evelyn schwebte weiter mit ausgestreckter Hand den regenbogenfarbigen Flammen entgegen. Ein wahrscheinlich gespenstiger Anblick aus der Sicht eines Unbeteiligten.

Sie landete in einem kleinen Raum, die Flammen unter ihr verschlossen sich knisternd zu einem hölzernen Parkett. Evelyn verspürte wieder festen Boden unter den Füßen, atmete erleichtert durch -blickte sich um. Das kleine Herz raste. Eine solch fantastische Umgebung war es nicht gewohnt zu verarbeiten. Doch es war nicht das ihre. Evelyn Cortecker war tot.

An jenem Abend stürtzte das junge Blut von der Klippe des Dämons. Ich war ihr hinterher, diesem faszinierenden, kleinen Geschöpf. Mit ganzer Kraft hatte ich den toten Körper zurück auf die Wiese getragen und mit der mir gegebenen Kraft wieder erquickt. Nur kurz darauf richtete sie sich auf, immer noch gezeichnet von den grässlichen Wunden des Sturtzes und dennoch irgendwie befreit von einer unbekannten Last, welche zuvor noch auf ihr lag. Sie lebte!

Aber in keinster Weise war es eine Wiedergeburt. Sie wurde erweckt von einer Macht, einer unberechenbar starken Macht – der meinen! Eingegliedert in ein neues, verpflichtendes Beisammensein im Gegenzug für das Leben das sie nun führen konnte.

Aber nicht das Leben nach dem Tod, sondern das Leben mit ihm. Mit mir.

Sie stand in dem kleinen, von Glas umrahmten Raum. Wie das Laternengehäuse eines Leuchtturms, nur dass anstatt der Lichtquelle, ein hölzerner Sekretär in der Mitte thronte. Evelyn zog sich mit aller Kraft den weinroten Ohrensessel heran. Der Samt glänzte im Licht der Flammen, welche wie ein leuchtendes Band draußen um das gläserne Zimmer herum tanzten. Kleine goldene Kordeln zierten die Kanten und baumelten während des Schiebens fröhlich umher. Sie wuchtete ihr liebes Buch auf den Tisch und setzte sich nieder. „Du wirst mich auf meinen Erlebnissen begleiten, Evelyn“, sprach ich zu ihr – „und ich möchte, dass du deine Gabe nutzt, und alles niederschreibst.“ Ihr Gesicht strahlte bereitwillig. „Eine erste werde ich dir nun scchon erzählen.“, hallte meine Stimme im Raum wieder. Sie öffnete das Buch, ich begann zu erzählen. Das Mädchen tunkte die schwarze Rabenfeder elegant in das kleine Tintenfass. Wenige Tropfen entflohen der Hülse, träufelten auf das Weiß der aufgeschlagenen, leeren Seite.

Evelyn begann zu schreiben:

„Aus den Memoiren des Paranormalen. Episode eins, Evelyn Cortecker. Es gibt keinenTeufel, nur den Rabe und mich.“

Wieder tauchte die kleine Feder in die tiefschwarze Tinte.

Leseprobe

Aus den Memoiren des Paranormalen

„Es gibt keinen Teufel, nur dich und mich“

Es dämmerte. Die Dunkelheit umschlang die Lande mit ihren dichten, schwarzen Flügeln aus Nebel und kaltem Dunst. Die Fassaden des kleinen, beschaulichen Örtchens wankten ängstlich im flackernden Licht der Laternen und die Menschen zog es zurück in ihre Häuser. Die gelben Lichter der von Holzkreuzen geteilten Fenster erhellten die gepflasterten Gehwege und tränkten die Gassen in ein wohliges Schummerlicht. Wenn man genau lauschte, konnte man hören, wie sich die kalten kleinen Wellen an den Hafen schlichen und sanft gegen die Brandung schlugen. Er war nicht weit weg, der Hafen von Lawcaster. Einige Meter unterhalb der bleichen Sandsteinklippen, auf welchen das wilde Gras im lauen Wind wehte. Wie knochige Tentakeln streckten sich die Halme dem Halbmond entgegen, zappelten, als auf einmal ein kleiner Mensch durch sie hindurch stampfte und einige von ihnen zertrat. Es war die zierliche Evelyn Cortecker. Ein junges, in bunter Strumpfhose und dicker, brauner Wolljacke eingepacktes Mädchen. Einer ihrer beiden Stiefel war offen, die Schnürsenkel sprangen im Takt der schnellen Schritte umher und nur kurze Zeit später verfing sich einer der flinken Bändel unter einem Stein. Sie stolperte, stürzte vornüber. Das große, dicke Buch, welches sie eben noch fest an sich gedrückt hielt, flog in weitem Bogen über eine kleine Pfütze hinweg und blieb zwischen den tanzenden Halmen offen liegen. Evelyn richtete sich erschrocken auf. Sie zitterte vom kalten Nass des feuchten Bodens, rückte ihre Nickelbrille zurecht und grinste gequält dem Mond entgegen. Ihre weißen Zähne funkelten hinter der silbernen Spange. Sie war regelmäßig hier oben auf dem ‚kleinen Dämon‘, wie man die Klippe im Örtchen schimpfte. Damals, als es die Seeschlacht zwischen Orlesfield und dem einst groß gewesenen Lawcaster in einer Tragödie endete, hatte die Bevölkerung von hier oben zusehen müssen, wie ein Großteil der Hafenstadt von den erbarmungslosen Angreifern abgebrannt wurde. Nur die schwarzen Ruinen der steinernen Grundrisse waren bis heute noch erhalten geblieben, alles andere fiel den Flammen zum Opfer. Evelyn nutzte diesen Ort um für sich zu sein, las gerne aus Büchern über alte Sagen und fremde Wesen, genoss den Ausblick auf die Weiten von Land und Meer und stellte sich vor, wie es hatte sein müssen, damals vor dreihundert Jahren gelebt zu haben.

Sie senkte ihren Blick wieder, schaute suchend umher, bis sie ihr Buch erblickte. Schnell rückte Evelyn ihre Jacke zurecht und hechtete sogleich hinüber zu ihrem ledergebundenen Schatz. Es war ein Kapitelanfang, welcher darin aufgeschlagen war. Sie las ihn aufmerksam „Die keuchende Ruine“, einmal, zweimal, immer wieder. Als würde der Titel sie in seinen Bann ziehen. „Über den Wächter von Lawcaster und seinen wachsamen Geist“, schilderte der Untertitel den Inhalt der Geschichte. Evelyn blickte auf, im Augenwinkel blendete sie etwas, ein Licht aus unbekannter Gegend. Entsetzt fokussierten sich ihre erstarrten Blicke auf das monströse Gebilde. Inmitten des steinernen Friedhofs, dem abgebrannten Teil Lawcasters, stach ein kleiner Turm wie eine stumpfe Nadel aus dem Boden. Licht brannte.

Sie konnte ja nicht wissen, dass ich ihr in dieser Nacht hatte einen Besuch abstatten wollen.

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2098

Es regnet. Kalte Tropfen prasseln auf die etlichen, verrußten Rotorblätter der Windräder. Eine schleimige, schwarze Soße tropft wie Pech von den Bauwerken herab und sammelt sich in der dreckigen Gosse unter den Gebilden.

Ein kleiner Junge stapft entschlossen durch die kleinen Gassen des deutschen Arbeiterörtchens. Vorbei an den schäbigen Bungalows, welche die Industriekonzerne hatten aufstellen lassen, um alle unterzubringen. Graue Fassaden neben vertrockneten Büschen. Der kleine ist auf dem Weg zu seiner Frühschicht, bevor es am Mittag für wenige Stunden in die Schule geht. Das Geld für die neue Digitale Gesamtausstattung, welche alle zwei Jahre verkauft wird, können seine Eltern noch nicht auftreiben, was ihn zu dieser nicht ganz unüblichen Frühschicht treibt. Triefnass von dem unerwarteten Wetterwechsel, schlürft er am matschigen Straßenrand entlang und hält Ausschau nach einem Sorba der neuen, siebten Generation. Nur wenige können sich diesen Wagen leisten, seitdem die gesellschaftliche Situation sich vor zwanzig Jahren durch Inflation und Bildungsmangel so sehr verschlechtert hatte. Große Konzerne gingen Pleite und trieben einige der großen europäischen Länder in eine schwere, wirtschaftliche Lage. Wie ein Blutegel saugte damals der Automobil-Konzern Sorba mit seinen Niederlassungen die verbliebenen Arbeiter ein und half die Lage mit Unterkünften und guten Bezahlungen wieder einzuschaukeln. Wie nach einem Krieg, gilt es für Politik und verbliebene Wirtschaft nun, alles wieder ins Lot zu bringen und die Unterschicht in Richtung des Wohlstands zu leiten.

Für den kleinen Jungen wird all dies zu spät kommen. Genau jetzt bräuchte seine Familie die Hilfe um den Bungalow an Sorba abzahlen zu können, stattdessen arbeitet er nun ‚dank‘ der Gesetzesänderung mit seinen jungen Jahren in der örtlichen Textilfabrik. T-Shirts falten und verpacken ist seine Aufgabe – was einst Maschinen taten, muss jetzt von günstigeren Arbeitskräften erledigt werden. Und er ist einer davon. Export ist der eine Ansatz der Industrie; sich wieder an die Standards heran zu wagen. Man exportiert in die neu-industrialisierten Lande, nach Indien, China, Neom in Saudi Arabien, Brasilien und viele weitere – man wirbt mit der angeblich immer noch unvergleichlich guten, deutschen Qualität, obwohl der Standard schon lange gesunken ist. Vielleicht war man einmal in der Situation, von der nationalen Industrie ein solches Monopol bewerben zu können. Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Junge blickt auf. In seinen müden kleinen Augen schimmert eine verschwommene, silberne Reflektion. Er läuft schneller und erblickt eine Einfahrt weiter, einen Sorba-Sechs. Nicht wie erhofft der Neueste, aber dafür wunderbar gepflegt. Durch den verunreinigten Regen verschmiert, glänzt die Oberfläche des silber-schwarzen Wagens nur leicht. Doch das stört den Jungen nicht, er bestaunt seelenruhig die beeindruckenden Supraleit-Motoren. Elegant ziehen sie sich wie die Kufen eines Schlittens am Wagen entlang und runden das futuristische Aussehen wunderbar ab. Er streicht mit seinen kleinen, ausgebleichten Arbeiterfingern über das windschnittige Gefährt. Dem Querschnitt eines Flugzeug-Flügels hat man es nachempfunden, matt, schlank, elegant, wie einer der majestätischen Raubvögel aus den Schuldokumenten. Nachdenklich setzt er seinen Weg fort.

Durch leere Straßen, mit leeren Geschäften, von armen Menschen, mit leeren Börsen. Den Luxus lebt jeder mit Digital-Ausstattungen und Wagen mit Glanz, obwohl auch die Geldbörse digital, mit bitterer Leere dankt. Von den Herzen der Menschen bis hin zum Materiellen, nichts stützt mehr die Herzen, alles will überleben. Der Junge schlendert durch den Matsch der Stadt. Monotone Reklamen, lenken ihn nicht ab. Der Glanz des Wagens ist verschwunden. Nun brennen wieder alte Wunden. Zukunft, hatte man geplant. Simplizität ganz digital – doch wenn diese Säule einmal bricht, Gewesenes keinen Wert mehr verspricht.

Es ist das Jahr zweitausendachtundneunzig. Zeit ist vergangen…

Perfold

„…Symptome waren Gelenkschmerzen, Hautausschlag und Fieber.“ – las Agnus laut aus dem verstaubten Buch. Er fand es auf dem Dachboden, während er in den Sachen stöberte, welche seine Eltern dort aufbewahrten. Es war ein beeindruckendes Sammelsurium von interessanten und weniger interessanten Dingen, welche lange vor seiner Zeit relevant waren. Gelangweilt suchte er nach etwas, um die Zeit zu vertreiben. Beim Lesen wandte er sich ständig an seinen persönlichen Kommunikator, ein kleines, handliches Gerät, um nach der Bedeutung bestimmter Wörter zu suchen. Vieles aus den alten Schriftstücken des einundzwanzigsten Jahrhunderts, gehörte in seiner Zeit nicht mehr zum üblichen Sprachgebrauch. Seine Eltern erzählten ihm von damaligen Symptomen und Krankheiten, von denen er nie etwas gewusst hatte. Hautreizungen, Fieber und vielem mehr. Nie hatte er etwas solches erfahren müssen – und wollte dies auch nicht wirklich.

Es war aber eine seltsame Aufregung in ihm, jene Gefühle hervorzurufen, die er, wie auch ein Großteil seiner Mitmenschen, noch nie gespürt hatte. Wie konnte all das gewesen sein? Was waren chronische Schmerzen? Wie sind die Symptome aufgetreten? Wie haben die Ärzte sie verschwinden lassen?

Der Kommunikator begann zu summen.

Wenn man einen Anruf erhielt und Sie einen ins Drogenzentrum einberiefen, dann wusste man, dass etwas falsch mit dem eigenen Körper war. Dies war das erste Mal, dass Agnus den Anruf als vollends berechtigter Bürger erhielt. Bisher regelten diese Prozedur seine Eltern, er hatte keine Ahnung, was er erwarten sollte. Es war der Kommunikator, welcher inmitten einer Erklärung die Meldung bekundete. Jeder Bürger musste in weniger als drei Stunden nach dem Aufruf eingecheckt haben, andernfalls würde man ernsthaft bestraft werden. Niemand aus dem Bekanntenkreis des Jungen hatte es je riskiert. Er war nervös – gespannt und zugleich verängstigt von dem, was gleich auf ihn zukommen könnte. Vielleicht würde er die unbekannten Gefühle viel eher erfahren, als es ihm lieb war?

Ein Mann mit schwarzem Arztkittel durchsuchte einen Stapel schwarzer Boxen nach einer bestimmten Markierung. Als er die kleine Schachtel fand, auf welche ein weißer Strich aufgezeichnet war, wendete er sich damit zurück zu Agnus, welcher mit schweißigen Händen am Schalter des Wartebereichs stand. Er war der erste in einer langen Reihe von Menschen. Der Mann entnahm mit seinen dicken Fingern der kleinen Box drei rote Pillen und reichte sie dem Jungen.

„Das ist für dich.“

„Aber ich bin nicht krank.“ – erwiderte Agnus unzufrieden. Er betrachtete den Mann, der hinter dem breiten Schreibtisch voller Sensoren stand. Ausrüstung, die aussah wie eine wissenschaftliche Dokumentation und viele Bildschirme mit Informationen türmten sich im Hintergrund.

„Ich dachte, das war nur ein Check-up.“ – Er blickte unsicher um sich.

„Jetzt,…“ – betonte der Arzt, „jetzt sind sie noch gesund, das stimmt. Aber aufgrund Ihres Berichts sind Sie das in weniger als zwei Tagen nicht mehr. Berichte sind niemals irreführend und wir können kein Risiko eingehen. Ich bin sicher, Sie verstehen das.“

Agnus starrte ihn verständnislos an. Seine entgeisterten Blicke bohrten sich in die kalten, gelangweilten des Mannes.

„Was, wenn der Algorithmus fehlerhaft oder mein Bericht falsch ist?“

„Seien Sie nicht lächerlich! Sie kennen die Regeln. Die Vorsorge ist zum Wohl aller verpflichtend und unumgänglich!“, machte der Arzt deutlich.

„Bitte überprüfen Sie meinen Bericht noch einmal und lassen Sie mich meine Eltern anrufen.“

„Sie müssen diese Pillen nehmen. Jetzt! Oder ich muss die Offiziere rufen junger Mann.“, verdeutlichte er seine Aussage mit festem Tonfall.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Agnus keine Befehle befolgen will.

Es gibt einen Grund, warum Menschen ihn nie verstanden hatten.

Ohne Krankheiten, Schmerz, Armut und Kriminalität ist jeder in dieser schönen neuen globalisierten Welt zufrieden. Mit der Technologie von PERFOLD kann man erkennen, welche Krankheiten Menschen einnehmen, welche Merkmale sie haben und welche Entscheidungen sie treffen, basierend auf dem Code in ihrer DNA und allen Biomarkern vom Blut bis hin zu jeglichen Vitalzeichen. Alles ist mit Leichtigkeit vorhersehbar und die Gesellschaft kann sich auf jede Ungereimtheit vorbereiten. Seit Jahren haben Algorithmen keinen einzigen Fehler gemacht, so dass ihre Erfolgsbilanz beinahe eine gewisse Perfektion erreicht hat.

Seit über einer Generation gibt es keine Krankheiten mehr – über vier Jahrzehnte. Mit der Fertigstellung des individualisierten Genomprojekts im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wurde schließlich verstanden, wofür die menschliche DNA bestimmt ist. Jede Krankheit kann behandelt und später für immer verhindert werden, außerdem können Krankheiten, die bereits in die DNA codiert sind, rückentwickelt werden. Die Menschheit lernte, wie man das Leben programmiert und die Menschen gesund hält.

Ganze Industrien hatten sich gebildet, die auf dieser Idee aufbauen, und sich auf die Produktion der Wunderpillen und Seren spezialisiert hatten, um den Bauplan, welcher im Blut eingeprägt ist, zu ändern. Jeder kann ohne die Angst leben, krank zu werden oder nicht zu wissen, wann man sterben würde. Alle zukünftigen Lebensereignisse und Gesundheitsprobleme sind im persönlichen PERNOTE enthalten, den die Menschen am Tag ihrer Geburt zugeschrieben bekommen. Jeder lebt mit seinen Benachrichtigungen und folgt seinen Anweisungen.

 

Das Leben ist zum Programm geworden.

Und die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, Codes zum Leben zu erwecken. Niemand muss jemals wieder leiden aufgrund einer Allergie, einer unerwarteten Erkrankung oder einer schlechten Lebensstilentscheidung. Der Fortschritt, den die Menschheit seit Tausenden von Jahren versucht hat zu erreichen, ist endlich real.

Agnus wuchs darin auf, doch als Teenager fühlte er sich machtlos gegenüber diesem System aus Pharmazeutischer Kontrolle. Er begann zu rebellieren. Informierte sich über die Weltlage vor seiner Zeit und lehnte jegliche Behandlungen ab, soweit ihm die rechtliche Freiheit gegeben war.

Selbst seine Familie konnte nicht verstehen, warum er gegen all die Wunder war, welche die moderne Gesellschaft bereitstellte. Selbst wenn jemand bestimmte Befehle befolgen muss, scheint ein gesundes und langes Leben eine gute Belohnung zu sein. Die meisten Menschen denken so.

Agnus warf die Pillen weg und ging, während der nächste Patient schon eifrig seine Parameter dem stutzigen Arzt vorlegte.

Es ist seit Jahren eine zwanghafte Routine seines Lebens gewesen.

„Ich möchte nur meine eigenen Entscheidungen treffen.“, rief er, während ihm stämmige Offiziere nacheilten, wahrscheinlich um ihn ein paar Nächte in einer Zelle einzusperren und zu lehren, weshalb PERFOLD hier ist…

…um ihm zu helfen. (?)

Verlorene Empathie

Die vibrierende SmartCard lenkte meine Aufmerksamkeit von der Arbeit ab.
Ich blinzelte in den scharfen Strahlen der Nachmittagssonne und war überrascht, dass das Konzert, welches ich am Abend mit Freunden hätte besuchen sollen, abgesagt wurde. Oder besser gesagt, POX, mein virtueller, künstlich intelligenter Assistent, hat es für mich abgebrochen. Das war vollkommen normal, da er Dinge früher wusste als ich. Mit den meisten Lebenszeichen und medizinischen Aufzeichnungen der Bevölkerung vernetzt, war er damit beauftragt, einen Großteil der entwickelten Welt gesund und kampffrei zu halten. Er ist wie ein allgegenwärtiges Sicherheitsnetz, das perfekt informierte Entscheidungen trifft.

So wie ich es in Erinnerung hatte, war in meinem Kalender ein Termin mit einem Onkologen für den Zeitraum nach dem Konzert eingetragen. POX macht Dinge nur absichtlich und erlaubt sich keinen Fehler. Genauso wie beim Einkaufen oder Organisieren meiner Arbeitstage. Aber ich war verblüfft – meine Genomsequenzierung zeigte keine Vorliebe für Krebs. Trotzdem konnte der riesige Reichtum an Daten, den POX über Lebensweise und Vitalzeichen vorweisen konnte, die Krankheit vorhersagen, bevor sie sich selbst manifestierte.

Ich klopfte die Benachrichtigung an, nur um herauszufinden, dass es mehr als nur ein einfacher Termin war. Er suchte und fand das Krankenhaus mit der höchsten Erfolgsrate bei der Behandlung von Lungenkrebs im Frühstadium. Lungenkrebs? Ich hatte keine Symptome und der Tropfen Blut, den ich bei meinem letzten geplanten Check-up gegeben hatte, kam vor ein paar Monaten wieder normal zurück. POX bestätigte noch immer meine Verwunderung und merkte an, dass mein Versicherungsplan dies deckte. Er hatte bereits vorangedacht, aber ich hatte Angst, Angst vor jener Erkrankung, welche er mir so plötzlich angekündigt hatte.

Ich wünschte, ich hätte eine menschliche Person nach der Diagnose fragen können. In einem persönlichen Gespräch darauf eingehen.

POX trifft Entscheidungen automatisch und seine Algorithmen stellen sicher, dass keine menschliche Interaktion während des Betriebs benötigt wird. Bisher habe ich immer die technische Eleganz, seine praktikable Art bestaunt. Aber diesmal stank die Effizienz, die ich schätzte, nur nach kalter, narkotischer Präzision. Er bot keinen Trost für meine unruhigen Gedanken.

Es gab nichts zu tun, als zum Onkologie-Termin zu gehen, um die Antworten zu bekommen, die ich auf verzweifelte Weise sehnte. Bevor ich die Einrichtung betrat, wurden alle Datenpunkte von den Sensoren in meiner schicken Kleidung, die digitalen Tätowierungen, die meine Arme und die Chips unter meiner Haut trugen, mit den Krankenakten synchronisiert, die sie über mich hatten.

Ich sah meine körperliche Aktivität, Schlafmustern, Essgewohnheiten, Blutdruck und Körpertemperatur – notiert ständig ohne meine Interaktion – auf dem Bildschirm, den ich im Wartezimmer vor mir aufleuchten hatte. Relevante Artikel aus meiner Krankengeschichte, eingenommene Medikamente und wichtige Gesundheitsereignisse meines Lebens erschienen und wiesen auf grundlegende Fragen hin, während ich auf die Krebsdiagnose wartete. Die Ergebnisse zeigten, dass ich zu oft mit Freunden trinke und am Tag danach nicht genug trainiere. Er kam zu dem Schluss, dass dieses Verhalten nicht zu meinem körperlichen Wohlbefinden beiträgt. Ich war anderer Meinung, das waren meine Lieblingstage.

Mir wurde ein PET-Scan verschrieben, den ein medizinischer Roboter sofort durchführte. Die Kombination der PET-Scan-Ergebnisse mit Biomarkern aus meinem Blut dauerte nur Sekunden für POX. Ich hatte Anzeichen von Lungenkrebs im Frühstadium. Ich fühlte mich am Boden zerstört.

Ich wusste, Krebs war nur eine chronische Krankheit.

Sicher, es könnte mit einer personalisierten Kombination von Therapien behandelt werden, aber ich fühlte mich immer benommen von der Tatsache. Der Raum um mich drehte sich und meine Knie wurden weich. Ich setzte mich. Die Roboter-Krankenschwester, die an meinem Befund Beileid bekundete, war darauf programmiert, aufmerksam und unterstützend zu sein, aber ich wollte nur ein menschliches Gesicht, mit dem ich sprechen konnte.

Ich erhielt eine Nachricht auf meiner SmartCard mit einer langen Liste von Dingen, welche es zu tun gab. POX sagte mir, welche personalisierten Medikamente ich zu nehmen hatte, wo sich die nächste automatisierte Apotheke, die dreidimensional drucken kann befand, wie viel sie kosten würden und wie effektiv sie sein sollten, basierend auf verschiedenen Studien.

Mein Kalender wurde sofort neu angeordnet, um sicherzustellen, dass mein Lebensstil die Chancen auf einen Schlag gegen die Krankheit maximierte. Keine Kampfkünste mehr für mich in absehbarer Zeit, aber tägliche, leichte Bewegung und eine bessere Ernährung, um die Nebenwirkungen der Medikamente zu mindern, falls es welche geben sollte.

Meine Versicherung wurde auf das Krebs-Paket aufgerüstet, was bedeutete, dass POX Zugang zu privaten Details meines Lebens bekam, von Urinqualität, sexuellen Gewohnheiten und vollständiger Kontrolle über meinen Tagesablauf. Es ist alles erledigt. Ich muss nur Anweisungen befolgen und auf Benachrichtigungen achten. Es schien, als würde ich die bestmögliche Behandlung erhalten, die auf meine molekulare Zusammensetzung und persönliche Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich war in guten Händen.

Ich wollte nichts mehr als meinen Freunden beizutreten – freundliche, einfühlsame Gesichter zu sehen.

Auf dem Bildschirm vor mir blinkte eine Anfrage auf, welche mit meinem Fingerabdruck zu bestätigen war. Ich zögerte, aber wusste, dass meine Versicherungsprämie hoch springen würde, wenn ich nicht den optimalen Behandlungsplan befolge. Also streckte ich meinen Finger auf das kalte Glas des Displays und wurde in wenigen Minuten zum Krebspatienten, während ich meiner Lieblingsband hätte zuhören sollen.

Ich sollte mich erleichtert fühlen, aber alles geschah so schnell und ich hatte keine Zeit, die Neuigkeiten zu verdauen. Etwas fehlte. Vielleicht ein Wort mit jemandem, der nach einer solchen Diagnose weiß, was er sagen soll. Aber das Krankenhaus hatte kein medizinisches Personal, das mich trösten konnte.

Mein Großvater war ein Arzt in den 2000er Jahren, als es einer der am höchsten und geachteten Jobs war. Vater erzählte mir Geschichten darüber, wie der alte Mann Menschen behandelte und wie sehr sie ihn mochten. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Zeit barbarisch war. Opa musste sogar grundlegende gesundheitliche Parameter in der Klinik messen und die besten Behandlungsentscheidungen treffen, die auf ein paar Jahren Training und ein paar Dutzend Studien und medizinischen Fachzeitschriften basierten. Er hatte keine Ahnung, ob Patienten seine Therapie einhielten, weil es keine implantierten Mikrochips gab. Ohne POX konnten sie Krankheiten nicht frühzeitig erkennen. Das hat mich zuversichtlich in meine Gesundheit und die Aufmerksamkeit von POX gemacht. Aber aus irgendeinem Grund, mache ich mir nun Sorgen. Es wäre toll, mit jemandem zu sprechen, der das durchgemacht hat. Es gibt niemanden, der anruft. Ich weiß, meine Freunde haben eine Benachrichtigung über meine Diagnose erhalten, aber sie wissen auch, dass ich in guten Händen bin. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt. Sie werden vielleicht nicht einmal anrufen. Vielleicht haben wir auf dem Weg zu einem besseren Leben etwas verloren. Empathie. Vor POX gab es Apps, die Angst vor Patienten mit ernsthaften Diagnosen reduzieren sollten, indem sie sie durch den Prozess leiteten und Fragen sprechend beantworteten. Aber es war keine echte Person und eine App konnte Empathie nicht imitieren. Es hat nur die Benutzer sich nicht so alleine mit ihrer Situation fühlen lassen.

Als die künstliche Intelligenz unsere Gesundheit übernahm, stellte sich heraus, dass das Programmieren von empathischem Verhalten schwieriger war, als ein Programm zu lehren, wie man ein Flugzeug fliegt oder chirurgische Pläne entwirft. Ich denke, trotz aller technologischen Fortschritte sind wir immer noch Menschen im Inneren. Wir wollen immer noch, dass ein Mensch uns tröstet, wenn wir verletzlich sind und unser Leben sich gerade komplett verändert. Meine SmartCard vibrierte wieder. Meine Medikamente lagen an der Apotheke zur Abholung bereit.

Die Magd

Die Magd, die wunderhübsche Magd. Sie saß dort, jeden einzelnen Tag auf dem Holzpflock unter dem Fenster des Apothekers, flechtete ihre Körbe und strich sich durchs Haar. Ich kaufte immer die frischen, grünen Äpfel beim jungen Bronuld am Stand gegenüber. Fett war der Junge, wie ein aus der Form geratenes Wiesel. Aber besonders schlimm war, dass er seine Augen nicht von ihr lassen konnte. Ständig starrte er sie an. Sein gefrorener, dreckiger Blick bohrte sich tief in die Brust der jungen Frau, deren gläserne Augen so bezaubernd im morgendlichen Sonnenschein leuchteten.

Der Anblick des Spektakels erzürnte mich jeden Tag mehr. Sie waren so ungleich; ein Engel und ein mit dem Erzeugnis des Wohlstands vollgesaugtes Blutekel, deren Blicke sich umklammerten.

„Hör auf sie zu betrachten! Geh deiner armseligen Arbeit nach und schau sie nicht an!“

Es schoss aus mir heraus, wie das Gift einer Natter.

Die Stille legte sich wie ein fester Pelzmantel über den Markt. Sie verschlung das Wort eines jeden und zwang die Masse dazu, mit ihren Blicken die Situation zu argumentieren. Gebannt starrte das bäuerliche Gefolge auf die im Lichte gleisende Klinge meines gezückten Dolches. Die Spitze der Waffe dehnte die Haut, welche den Kehlkopf Bronulds überdeckte.

„Dir gefallen ihre hübschen, braunen Locken, nicht wahr? Sie imponieren dir, deiner Fantasie. Weißt du Bronuld“, seine Glieder bebten unter den prall mit Adrenalin durchflossenen Adern „Du wirst sie nicht haben können. Ein Toter kann nicht begehren!“

Sein Schrei nach Vergebung ertrank in einem Schwall aus Blut, welcher aus dem Schlitz in seinem Hals meinen Arm hinunterlief.

Schmähend blickte ich hinter mich. Meine Blicke durchforsteten die erstarrte Menschenmasse auf dem kleinen Vorplatz. Die Magd, sie war verschwunden. Eine Blutlache zog sich von ihrem Holzpflock aus durch die Menschenmenge, schlängelte sich zwischen Beinen und Stöcken hindurch. Wie gebannt folgten meine zittrigen Blicke der rot-braunen Spur.

Sie endete, bei den Obstkörben hindurch, unter den klumpigen Blutstropfen Bronulds. Meine dunklen Pupillen weiteten sich. Ich riss meine Klinge verängstigt aus seinem Fleisch. Mit beiden Händen hielt ich den leblosen Körper des korpulenten Mannes und blickte ihm tief in die von Schmerz gezeichneten Augen. Da war etwas, ein Flackern, ein Zucken in seiner Iris. Ein grüner Blitz, so klein wie er nicht mehr hätte sein können.

„Er war ein einfacher Bauernsohn. Du hälst dich für den Handlanger der Majestät? Du bist ein Metzger. Und gleich bist du es gewesen!“

Ich wagte es nicht auszuweichen, als das teuflische Wesen dem leblosen Körper Bronulds entfuhr. Arme schossen aus seiner Brust und seinem Gesicht enthob sich ein neues. Fingernägel bohrten sich in meine Wangen, schoben mich auf Distanz und liesen mich die Erscheinung im ganzen betrachten.

Es war die Magd, entblöst wie man sie geschaffen hatte, breitbeinig über dem rießigen Körper Bronulds stehen. Ihre eisig blauen Augen starrten wie die eines Wiedergeborenen zu mir und wie ein wildes Tier, fletschte sie die Zähne. Die Umrisse des schlanken, gar knochigen Gesichts des bildhübschen Teufels näherten sich mir. Kein Mensch rührte sich.

„Habe keine Angst. Ich bin nicht die Person welche dir schaden wird. Genieße deinen Albtraum, es wird dein letzter sein.“

Bronulds Blut begann sich zu sammeln. Es verklumpte mit dem Dreck des Bodens und Floss mir entgegen. Langsam kroch es wie die Haut einer Schlange meine Beine hinauf, umschlang meine Hüften und umfloss meine Gelenke, hinauf zu den Löchern in meinen Wangen. Ich spürte den festen Druck ihrer dünnen Finger, welche meine Lippen geschlossen hielten, während die dreckige Masse meinen Gaumen hinablief.

Ein unwohles Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, als ich merkte, wie meine Körpermaße sich zu dehnen begannen.

Die glänzenden Umrisse von Sir Norring rissen mich aus meinen Gedanken. Wie gebannt musste ich auf die wunderhübsche junge Magd gegenüber gestarrt haben. Sie erinnerte mich an jemanden, doch mir fiel bei bestem Willen nicht ein, wer es sein könnte.

Meine speckigen Unterarme griffen nach dem Obstkorb.

Wie jeden Tag kam Sir Norring, um die frischen, grünen Äpfel zu kaufen.

Rote Rosen

Es war einmal eine alte, arme und dennoch sehr gutmütige Witwe. Sie hatte drei Töchter welche im Dorf als die drei Frühlingssprossen bekannt waren. Trotz ihres jeweiligen Altersunterschiedes war es so geschehen, dass sie allesamt in der Blütezeit des Jahres geboren worden waren. Die Mädchen waren wundervoll und mussten sich keiner Schuld bekunden. Ein Jeder im Dorf mochte sie; die älteste, groß gewachsene Lua mit ihrem sommerblonden Haar welches sie meist vom Wind über ihre kantigen Wangenknochen streichen lies. Lia, die mittlere der drei Töchter, mit ihrem wohligen Lächeln, schlanken Beinen und den düsteren Augen deren Tönung sich den Kastanienbraunen Haaren anpasste. Und zuletzt auch die jüngste der drei, Lora. Das kleine unerfahrene Mädchen mit einem solch aufgeweckten Gemüt wie es ihr keiner nachzuahmen pflegte. Sie sprach und sprang, las und sang. Es war ein wahres Vergnügen der jungen Brünette mit ihren schulterlangen Locken bei ihren Erlebnissen zuzusehen.

Nun ereignete es sich wie jedes Jahr, dass die Geburtstage der drei vor der Tür standen und die Mutter nicht recht wusste, wie sie ihnen eine Freude hätte bereiten können. Es war der zur Volljährigkeit überleitende, achtzehnte Geburtstag der Großen und das erste Mal, dass sie einen Wunsch äußerte. “Mutter, nichts wünsche ich mir mehr, als einmal eine Rose aus dem Garten der lieben Frau Lubé zu erhalten. Es sind die einzigen die hier gedeihen, sie sind wunderschön und ich werde besonders auf sie acht geben.”

Die Freude der alten Frau über einen geäußerten Wunsch war schon bald nach Beendigung des Satzes verflogen. Wohl wahr, gab es keine schöneren Rosen weit und breit als die der guten Frau Lubé, jedoch hatte dies auch seinen Preis. Nicht umsonst war die Dame eine der wohlhabendsten Dorfbewohnerinnen, nirgendwo sonst wuchsen rote Rosen in dieser Gegend. Männer kauften sie für ihre Frauen, alte Leute für die Gräber ihrer Verstorbenen und junge Paare für ihre Hochzeiten. Nie hatte jemand erfahren, wie es der Französin möglich war, die Blumen so wunderschön und groß gedeihen zu lassen.

Es kostete die Witwe das gesamte beiseite gelegte Geld, welches sie für den Geburtstag der großen angespart hatte. Mit einer behutsam verpackten Roten Rose kam sie am Abend vor dem Geburtstag zurück zum Haus der Familie.

Es lag ein wenig abseits des Ortes. Ein kleines, hölzernes Gebäude mit steinernem Fundament, schief und alt aber dennoch ein wohliger Platz für die vier. Drei Fichten umgaben das Grundstück, jede für je eine der Töchter gepflanzt. Manchmal konnte man sie nachts flüstern hören, es war das Rascheln und Knacken der Nadeln welches die Bäume kommunizieren lies.

Das Haus betreten, huschte die alte Mutter die hölzernen Stufen hinauf und platzierte das glänzend rote Blumenwerk in einer verzierten, schlanken Vase auf dem Nachttisch der Tochter. Freudig ließ sie ihre müden Blicke durch das Zimmer tanzen. Groß war Lua geworden, einen Freund und Gatten würde sie wohl bald finden und dann auch Kinder bekommen. Ihre Enkelkinder. Dass sie das noch erleben dürfte. Behutsam schlich sie sich rücklings aus dem Zimmer hinaus und lies die Tür angelehnt.

Es war mitten in der Nacht. Ein schmerzlicher Schrei erklang. Dann war es still. Niemand hatte es gehört, niemand war erwacht, niemand sah nach, was geschehen war.

Erst am nächsten Morgen, das Entsetzen stand der jüngsten ins Gesicht geschrieben. Kreidebleich stand sie im Türrahmen des Schlafzimmers und starrte Wortlos ihre Mutter an. “Was ist los mein Kind, Lora, was ist geschehen?”, versuchte die Mutter sich zu erkundigen. “Schau selbst!”, zischte es durch ihre zitternden Zähne. Sie schoss davon, vorbei an der Küche, in welcher bereits die kleine Torte stand, welche Ludwig der kleinwüchsige und etwas korpulente Konditor so herzlich gebacken hatte. Lora schoss die Treppe nach oben, den kurzen Gang entlang zu Luas Zimmer und verharrte dort in derselben Starre wie einige Momente zuvor schon. Keuchend kam die Mutter hinterdrein, warf hastig einen Blick in das kleine Zimmer und brach weinend zusammen. Es war ein grausamer Anblick der sich den Frauen bot: Da lag die hübsche Lua mit von schlimmen Schrecken verzerrten Gesicht auf ihrer kleinen Matratze. Ihr Rücken war steif gebogen als hätte sie sich wehren wollen gegen was auch immer sie am Hals gepackt hatte. Wie die Markung eines Raubtiers, zeichnete sich eine ovale Schnittwunde an der rechten, zur Türe gekehrten Seite des Halses. Ein kleiner getrockneter Blutstropfen war das letzte, was ihr von dem roten Lebenstrank noch geblieben war. Kreidebleich war sie, keine Ader war zu erkennen, kein Lebenszeichen zu sehen. Wie ausgepresst lag sie da, und auf ihrer Brust, eine schwarze Rose.

Aus dem Geburtstag wurde eine Trauerfeier und aus der erhofften Hochzeit eine Beerdigung. Die ganze Stadt war gekommen, jeder der Lua kannte oder gute Bekanntschaft mit ihr hatte machen dürfen. Auf dem Sarg, eine Rote Rose. Frau Lubé hatte sie aus Mitleidsbekundung und Unwissen über die unerklärliche Verfärbung gespendet.

Es rumorte unter den Gästen, wie kam es zu dem Tod, wer hatte der jungen Frau nach dem Leben getrachtet. Man wurde sich nicht einig, Geschichten entstanden und färbten ihre Vielfalt. Mord eines unbekannten Liebhabers, Angriff eines hungrigen wilden Tieres, Fledermausmenschen und gar Selbstmord waren Teile der Vermutungen. Doch die Gemeinschaft wurde sich nicht einig.

So kam es, dass man das schreckliche Geschehen, trotz des wertvollen Verlustes schon bald vergaß.

“Ich habe denselben Wunsch Mutter, ich möchte auch gerne eine Rote Rose haben. So wie sie Lua gerne an ihrem Geburtstag gesehen hätte.”, verkündete Lia entschlossen ihren Wunsch.

Die Mutter wollte Diesen zumindest Lia erfüllen können und einen schönen sechzehnten Geburtstag bescheren. So machte sie sich wieder auf zu der Rosenverkäuferin. Wie immer blühten ihre romantischen Gewächse wie kleine Wunderwerke. Saftig getränkte, dunkle Erde überdeckte die zarten Wurzeln der Pflanzen. Geübt schnitt Frau Lubé einen Halm durch und reichte wenig später der Mutter die gut verpackte Rote Rose. “Bewahren Sie sie besser über die Nacht im Garten auf, ich bin mir nicht sicher, ob meinen Schnittblumen die dunkle Nacht ohne natürliche Frische bekommt.”, gab die Verkäuferin ihr mit auf den Weg. Die Dame bedankte sich nickend und machte sich auf den Rückweg nach Hause. Dort angekommen, lehnte sie das filigrane Paket unter der Treppe im Gras an das feuchte Gemäuer.

Kein Auge tat die Mutter zu, die ganze Nacht über lag sie wach, horchte, bangte dass ihren Töchtern nichts zustoßen möge und schreckte bei jedem kleinen Laut auf.

Das Krähen des Hahns deutete die frühen Morgenstunden an. Die Nacht war überstanden. Wie mit jung gewordenem Körper sprang die besorgte Mutter die Stufen hinauf zu ihren Töchtern. Beide waren sie wohlauf, umarmten die alte Frau und freuten sich über Lias Geburtstag.

Es war eine wunderbare Feier, die Rote Rose zierte den gut gedeckten Esstisch und Freunde und Verwandte waren gekommen, um mit der kleinen Familie zu feiern. Bis in die späten Abendstunden hinein aßen und tranken sie alle, amüsierten sich und freuten sich über das Leben.

Am nächsten Morgen war Lia tot.

Das gleiche Schicksal war ihr widerfahren, wie auch ihrer Schwester. Ein schlaffer und leerer Körper, wenn nicht gar vielmehr die Hülle eines Körpers war es, was die kleine Lora am Morgen vorfand. Auf dem Brustkorb, eine schwarze Rose. Der alte Berthold kam wieder herbeigeeilt, ein weiteres Mal zu oft, wie es Lora formulierte. Er war der einzige mit den Künsten der Medizin belehrte Mensch im Umkreis. Ihre Mutter war mit den Nerven hinüber. Wie erstarrt saß sie gebeugt auf einem der Schemel und starrte die blanke Wand des Flurs an. Wer tat ihr nur solche Schmerzen an, wie kam es zu einem solchen Vergehen und was hatten ihre Töchter nur getan um sich ein solches Leid einzufangen.

Lora ging es weniger bedrückt, als vielmehr verwundert. Erschrocken verwundert über die Vorkommnisse. Sie würde die nächste sein, wenn sich das so fortsetzen sollte. Unter keinen Umständen wollte sie, dass es so weit kommen könnte. Sie zog sich zurück und durchdachte das erlebte. Es schien irreal, verzaubert, aber von dunkler Kraft. Ein Tier mag es wohl kaum gewesen sein, man hätte Spuren eines solch großen Tieres sehen müssen, das imstande war einen Mensch zu erlegen. Magie spielte hier nach Loras Ansicht eine Rolle, düstere, unkontrollierte Magie die ohne Herr und Schöpfer sich ihre Opfer zu ersuchen vermochte.

Lora legte sich schnell auf diesen Gedankengang fest. Noch am selben Tag schnappte sie sich die verfärbte Rose und sprang in Richtung Ortsmitte. Lora wollte zu Demias. Er war die wahrscheinlich einzige Person, welche Licht ins Dunkle um die beiden unvorhersehbaren Tode ihrer Schwestern bringen könnte.

Lora steuerte stur auf den kleinen Kirchturm zu. Die Hintertür war allzeit geöffnet da der alte Pfarrer meist seine Schlüssel vergaß und dann nicht zum Gottesdienst läuten konnte. Für Lora bedeutete das eine ungefährliche Möglichkeit, zu Demias zu gelangen. Er hauste meist in Rabenform unter der großen, massiven Turmglocke.

Es war eine Anstrengung wenn nicht sogar Zumutung die vielen engen Stufen hinaufzusteigen, doch es gelang ihr und schon bald erblickte sie den Raben, wessen weißer dünner Strich sich vom Schnabel bis zum Schwanzende des zog und so den Zauberer von einem regulären Tier unterschied.

“Ich habe es versucht Lora”, erschrak er sie durch sein abruptes Anreden. “Nach dem Tod von Lua, war ich schon skeptisch. Schon einmal hatte ich von einem solchen Hergang gehört. Ich wachte die ganze Woche über in den Fichten vor eurem Haus. Beobachtete Lia bei was sie auch tat. Doch trotzdem kam ich zu spät. Alsbald ich den ihren Aufschrei in der Nacht hörte und in das Zimmer spähte, war es bereits geschehen. Die Rose verfärbt und deine Schwester tot.”

“Aber was soll ich nun tun? Ich bin die nächste in der Reihe. Ich werde sterben!”

Demias starrte mit seinen kleinen schwarzen Augen in die verbitterten Loras’. “Nein, das wirst du nicht. Ich sage dir was du tun wirst. Solange du wachsam bist mein Kind, kann niemandem etwas geschehen. Ich spüre die Nähe eines Wesens. Ich weiß nicht was für eines es ist, aber es lebt in dieser Stadt. Womöglich kennt es sein eigen Schicksal nicht.”

Es war der Abend vor Loras vierzehnten Geburtstags. Mutter schlief bereits als Lora aus dem knarzenden Bett kroch und die Treppe hinabschlich. Wie erwartet hatte sie auch für die jüngste eine Rose besorgt, welche wieder unter der Treppe deponiert war. Lora schnappte sich eine Vase, stellte die Rose hinein und nahm sie mit in ihr Zimmer.

Mit weit geöffneten Augen legte sie sich ruhig auf die Seite und schaute hinüber zu der mittlerweile beängstigenden Pflanze.

Einige Zeit verging und die Müdigkeit drängte sich in die Augen des jungen Mädchens. Tapfer hielt sie sich wach und wurde schon bald mit einem Schrecken belohnt.

Ein Schatten zuckte in der Dunkelheit, es war der Schatten der Rose. Wie von Zauberhand begann sie plötzlich zu wachsen. Stieg wie ein schlangenartiges Monster der Zimmerdecke entgegen. Die Blütenblätter öffneten sich und brachten ein erschreckendes Bild zum Vorschein. Aus gehärtetem Wurzelwerk hatte sich in der Blüte eine Art Gebiss, kleine scharfe Zähne gebildet. Ehe Lora die Szene realisierte, von welcher sie ungewollt Teil wurde, schoss die Blüte wie ein Greifvogel auf Beutejagd ihr entgegen.

Im letzten Moment gelang es ihr, zu dem bereitgelegten Küchenmesser zu greifen. Mit von Angst gestärkter Wucht ließ sie die Klinge durch die Blüte schnellen und teilte sie in zwei. Schockiert saß Lora auf ihrer Bettkante. Demias kam durch das offene Fenster ins Zimmer geflogen und verwandelte sich auf der grauen Matratze zu seiner menschlichen, freundlich jungen Herrengestalt. Er nahm die erschrockene Loa in den Arm, wiegte sie auf seinem Schoß und wartete mit ihr, bis die Sonne mit ihren hellen Strahlen den neuen Tag erweckte.

Schon bald kam die von Angst gezeichnete Mutter die Treppe hinaufgeschossen. Sie hatte die Rose unter der Treppe nicht finden können und vermutete Lora als ebenfalls tot. Umso größer war ihre Freude, über das quicklebendige Mädchen, welches neben der zerschnittenen Pflanze auf dem Bett saß und einem kleinen Raben einige Brotkrümel auf die Fensterbank streute.

Mit tränenden Augen umschlang die alte Frau ihre Tochter. Gratulierte ihr und dankte, dass sie am Leben war.

Zusammen mit Berthold und dem Botaniker Gesellen Emil, machten sich Mutter und Tochter noch vor der Feier auf, die mutierte Pflanze Frau Lubé zu präsentieren. Doch was sie vorfanden, war unerwartet verstörend und beängstigend zugleich. Demias kam ihnen aus dem kleinen Geschäft entgegen, riet allen, bis auf Berthold davon ab es zu betreten, doch erntete mit der Bitte keinen Erfolg. Der Laden war gespeißt von einem sauren Geruch, stechend und ungewohnt. Frau Lubé war nicht zu sehen, zuerst nicht. “Es ist hinten”, wies Demias den Weg. Vorsichtig tastete sich Berthold voran durch den engen Durchgang zum Gewächshaus. Er stieß einen dumpfen Schrei aus, als er sah, was sich vor ihm aufbot.

Frau Lubé lag inmitten des großen Rosenbeetes, ihr Kopf war sauber in zwei Hälften gespalten, das Blut floss heraus, mitten in das Beet.

In jenem Bereich wuchsen die Rosen größer und röter als alles andere, sie leuchteten beinahe, so kräftig waren ihre Farben.

Lora warf einen Blick auf ihre geteilte Rose, danach auf Frau Lubé.

“Sie trug keine Schuld, ein wilder Zauber hatte sie befallen”, kam eine versuchte Besänftigung von Demias.

Man hätte sich einbilden können, die Blumen pulsierten ein Wenig, während sie die Rote Lache in sich aufsaugten.

Kleine Welt

Es war früh am Morgen. Langsam erhob sich die Sonne aus ihrem dunklen Wolkenbett und lies ihre Strahlen über die verschlafene kleine Welt scheinen. Sie war noch jung, frisch entstanden, erstrahlte jedoch wunderschön glänzend im gleisenden Licht. Die Konturen der kleinen Fassaden der Welt verschwammen in seichtem Einklang mit dem bleichen, herbstlichen Morgenhimmel. Ein kleines entfärbtes Laubblatt schaukelte sich durch die Luft und landete behutsam auf der Außenwand des neobarocken Kinogebäudes. In großen Lettern war der Titel der aktuellen Vorstellung in die Zeilen der großen Tafel gefügt. Ein Lichtschimmer umrahmte die Buchstaben und lenkte von den rostigen Konturen der kleinen Zeichen ab. Ein alter Herr mit vollem Bart und dicken Bauch taumelte der edlen Flügeltür des Gebäudes entgegen. Rasselnd angelte seine Hand einen großen Schlüsselbund aus der Seitentasche seiner Pelzweste. Gemächlich schloss er die Türe auf und betrat den weiten Flur.

Die Straße der kleinen Welt füllte sich, geschäftliches Treiben erweckte die wenigen Läden und Menschen marschierten ihre Wege entlang. Kleine Tierchen krabbelten vorsichtig den Rand entlang und eine Amsel erquickte sich am lebhaften Trank der kleinen Welt. Ein Rosenblatt fiel ihr entgegen und erzeugte eine besänftigende Schwingung, welche unter der nun früh mittäglichen Sonne die Welt hatte erstrahlen lassen. Es entfloh einem Rosenstrauß der einem überglücklichen jungen Mann gehörte, welcher zu Gast war und aus dem Stande heraus ein paar flüchtige Blicke durch die kleine Welt schweifen ließ, wobei er sich immer wieder durch die gepflegte Haartolle strich. Er winkte, und einen kurzen Moment darauf sprang ihm ein blonder Engel in die Arme. Sie sprang freudig mitten hinein in die Welt und der Tanz der beiden mischte das kleine Stadtbild kunstvoll auf. Es beruhigte sich erst wieder als das Paar sie wieder verlassen hatte. Die kleine Welt war geschrumpft. Es kostete sie eine Menge Lebensenergie, Lebewesen in sich aufzunehmen. Sie war nur klein und unscheinbar im Vergleich zu den Großen auf dem weiten Lande.

Es war Nachmittag geworden, die Sonne hatte sich durch die morgendlichen Wolkenwände kämpfen können und stand nun senkrecht am Himmel. Das junge Paar kehrte für eine letzte Szene wieder. Der Kerl hatte zwei graue Kärtchen in den Händen und wedelte damit vor der strahlenden Dame umher. Sie fiel ihm um den Hals, schwang ihre Beine in die Höhe und wie ein Kreisel wirbelten die beiden umher. Amüsiert öffnete hinter ihnen der korpulente Kinobesitzer eine der dunklen Türen. Mit einem Knarzen schwang sie auf. Ein verbeugender Handschwung des Herren deutete den beiden, dass sie hereinkommen könnten. Sie kamen ihm entgegen, er entwertete die Karten und gefolgt von vielen anderen betrat das Paar den Eingang und verschwand schon bald im dunklen Innenraum.

Der Glanz der kleinen Welt war verschwunden, sie hatte keine Konturen mehr, bestand nur noch aus dunklen Flecken auf dem Grund einer großen Szenerie.

Wolken hatten sich gebildet, die Sonne näherte sich dem Horizont, die Pfütze war vertrocknet.

Lena

Wir saßen am Esstisch, aßen zu abend. Die Rollos waren herabgelassen und die düstere Stimmung umschlung mich mit einem melancholischen Schleier. Zum zweiten Mal die Woche gab es Ratatoulli. Das Gericht mag eine geschmackliche Vielfalt ohnesgleichen sein, jedoch nicht wenn man es zum abertsten Male die Woche aufgetischt bekam. Mutter hatte zu viel für eine selten zusammenkommende Familie gekocht, war immer zu optimistisch bei der Wochenplanung und zu großzügig bei der Zubereitung. Parallel zwangen wir uns die persönlichen Wochenberichte auf und stocherten in dem wiederaufgewärmten Essen herum. Vater hatte wohl zum abertsten Male dieses unangenehme Gespräch mit seinem Abteilungsleiter. Ein wiedergeborenes Wesen der Unterwelt, wie er ihn schimpfte – er beschwerte sich über nicht bearbeitete Auftraggeberprobleme. Es war immer dasselbe. Seitens meiner Mutter war es nicht besser. Ich wollte garnicht zuhören als sie erzählte, wie sie zum schon wieder den Beichtstuhl ausfegen musste da der werte Herr Pfarrer die Kunst des Schuhe Abputzens nicht zu beherrschen wusste. Er war mir allgemein nicht sonderlich sympathisch, ein Unmensch im Umgang mit anderen und das Sprechen war auch keine göttliche Gabe die ihm gegeben war. Was ich zu erzählen hatte war in verhältnismäßig wenigen Sätzen angebracht. Ich hatte die Woche über in meinem Zimmer am Schreibtisch gesessen, gelesen und ab und an eine Partie Schach mit dem berüchtigten Gegner, meiner selbst, gespielt. Ich war an den Rollstuhl gebunden, seit Geburt an konnte ich meine Beine nicht bewegen. Viel mit mir anzufangen wusste ich in den Ferien nicht.

Bei meiner kleinen Schwester wurde die Erzählung jedoch interessant. Sie war zehn Jahre jung und ihr Name ist Mona. Sie räusperte sich sachte, legte ihr kleines Besteck beiseite und schaute erwartungsvoll in die Runde, als würde sie etwas wichtiges verkünden wollen. Mona berichtete, dass sie eine neue Freundin habe. Freudig sprach sie von der Glückseligkeit der uns Unbekannten und dass sie meist zusammen Kekse aßen und Verstecke spielten. Meine Mutter nickte befürwortend, ein schwaches Lächeln zog sich über ihre trockenen Mundwinkel. „Es freut uns sehr, dass du so schön mit deinen Sachen spielst meine Kleine.“, kam es von Vater. Beide waren offensichtlich desinteressiert an der Tatsache, dass Mona das Ganze mit einer besonderen Überzeugung erzählte und durch ihre kleine Nase anschließend erleichtert ausatmete. Wie eine Last die von ihr abfiel.

Es war dunkel, ein Lichtschimmer weckte mich aus meinem traumlosen Schlaf. Die Tür meines kleinen Zimmers war einen Spalt weit geöffnet und gewährte mir einen flüchtigen Blick auf den hölzernen Flur. Wenige Minuten waren es, bis die Uhr zwei Uhr schlagen würde. Ich stand auf, zog mir ein Paar Strümpfe über und erhob mich von der Bettkante. Mit wackeligen Schritten taumelte ich der Tür entgegen und öffnete sie. Ein langer Lichtstreifen zog sich durch den Flur, dem Zimmer meiner Schwester entgegen. Unsicher stapfte ich dessen Tür entgegen. Die beleuchteten Holzdielen knarzten wie gequält unter meinen Sohlen. Die Türe zu Monas Raum stand weit offen so dass es mir möglich war einen vorsichtigen Blick um den Türrahmen zu werfen. Eine einschüchternde Atmosphäre hatte den Raum gefüllt. Die kleine Deckenleuchte strahlte hell und erzeugte schmale leuchtende Umrisse, jedoch waren die restlichen Bereiche des Zimmers düster und liesen keinerlei Anschein dessen, von einer Lampe erhellt zu sein. Mona schien keine Notiz von mir zu nehmen trotz dessen, dass ich mittlerweile offensichtlich auf der Türschwelle stand. Rücksichtslos steuerte ich auf die Mitte des Raumes zu um die eigenartige Leuchte genauer unter Augenschein zu nehmen. Während ich mich nährte vernahm ich ein ruhiges Rieseln oder viel eher Prasseln. Desto näher ich der Lichtquelle kam desto lauter wurde auch das eigenartige Geräusch. Dann sah ich es! Kleine Krümel, winzige Teile von irgeneinem Süßgebäck. Ich ersuchte durch das nähere betrachten mir Klarheit zu verschaffen zu können, formte meine Hand zu einer Schalenform und hob sie unter die Lampe. „Bitte tu‘ ihm nichts, Lena! Er wusste nichts davon. Ich habe ihm nichts gesagt.“ Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter. Mein Blut gefror förmlich in den Adern. Mein Blick erstarrte und ich wagte es nicht, auch nur eine Wimper zucken zu lassen. Wie ein Hilfeschrei kamen die beiden Sätze aus meiner Schwester geschossen. Sie starrte angebannt hinter mich. In die Richtung, aus welcher plötzlich knorrige Laute zu vernehmen waren.

„Albtraum und Gewissen im Schlechten vereint, auch wenn die Jüngste im Raum hier nicht weint. Hab trotzdem Respekt, und seh mich nun an, auf dass ich dir Mut und Gewissheit nehmen kann.“

Meine Glieder zitterten, meine Zähne drohten meine Zunge vor Schaudern zu zerbeisen. Eine krächzende und zittrige helle Stimme war es die zu mir gesprochen hatte, zumindest vermutete ich mich als Adressaten jener Worte. Denn außer meiner Selbst vernahm ich keine weitere Person, welche mit dem Rücken zum Eingang gekehrt war.

In einer zähen Drehung kehrte ich mich in Richtung des riesigen Schrankes, von welchem ich wusste, dass er dort neben der Tür stand. Bedacht senkte ich meinen Blick in der Hoffnung, meinen Schrecken nicht noch zu verschlimmern. Den nun gerade verlaufenden Dielen entnahm ich, dass ich mich nun genau auf den Schrank gerichtet haben musste. Das Knirschen von Zähnen war zu hören und verleitete mich dazu aufzuschauen.

Es war kein Anblick des Schreckens welchen es mir auftat. Es war ein Bild das sich mir als verstörend einprägen würde. Eine Figur in einer Szenerie, wie sie sich ein irrer nicht besser hätte ausdenken können. Leere ovale Augen starrten mich mit ihren nachtschwarzen Pupillen an. Sie stachen wie Stiele aus dem kreidebleichen Gesicht hervor und bohrten sich in mein Gewissen. Die Ohren der Gestalt, welche ich als eine Frau einschätzte wegen ihres markant weiblichen Körperbaus und nicht zuletzt aufgrund des Namensausrufs seitens meiner Schwester, waren spitz und groß wie die einer Fledermaus. Sie stand leicht nach vorne gebeugt in dem großen, zuvor leeren Kleiderschrank, dessen Barocker Stil die Situation auch nicht verharmlosen konnte. Es war genau die Art eines Schrankes, in welchem man seine Albträume immer vernommen hatte wiederzutreffen. Und nun, stand ein nie geträumter in voller Größe da. Umgeben von verstaubten Spinnweben und abgestorbenen Insekten. Doch das schlimmste an ihr waren die Haare, manch einer würde vielleicht sagen, sie gleiche schlichtweg der Figur des Struppelpeters aus dem gleichnamigen Märchen. Es war schlimmer. Schrecklich lange verklebte Haare standen tiefschwarz von ihrer Kopfhaut ab. Wie spitze, bissige Zähne bohrten sie sich in das luftige Nichts über der Gestalt. Sie schien mir alles gesagt zu haben. Kein laut verließ mehr ihre Lippen. Nur das Knirschen der Zähne und das prasseln der Krümel durchbrach die Stille.

Sie starrte mich einen Augenblick lang mit entstellten Gesichtszügen an ehe sie plötzlich unkontrolliert auf mich zuschoss und mich am Arm packte.

Ich fuhr hoch. Verwirrt starrte ich in die Runde der mich anlächelnden Gesichter meiner Familie. Die Sonne schien in das freundliche, helle Esszimmer und man konnte einige Drosseln ihre Lieder trällern hören. „Möchtest du noch ein wenig Pudding mein Schatz?“, fragte Mutter. Die kleine und etwas stabiler gebaute Frau mit den grauen schulterlangen Haaren reichte mir lächelnd die Schale. „Ich habe heute Urlaub beantragt und es sieht gut aus.“, erzählte Vater – „Der Auftraggeber ist wie immer höchst zufrieden mit unserer Leistung!“ Ich griff an die Seiten meines Stuhls. Er hatte keine Räder, es war ein ganz normaler Stuhl. Ich schaute Mona an. Strahlend schaufelte sie sich eine Ladung Pudding in den Mund und grinste mich dabei an. „Mona hat Lena heute zu uns eingeladen, sie ist neu in ihrer Klasse. Könntst du später auf die beiden aufpassen während Vater und ich ein paar Besorgungen machen?“, fragte mich Mutter. Ich legte unentschlossen mein Besteck nieder. Dabei viel mein Blick auf meinen Unterarm. Zwei große lange Kratzer zogen sich vom Handballen aus bis hin zum Ellenbogen. Die Kratzer waren schwarz, Pechschwarz.

Mona schielte grinsend zu mir hinüber.

Kalter Schweiß perlte von meiner Stirn.

Das Sörp

Ein Scharren, ein Ziehen, ein lautes Pfeiffen. Der Höllenschlund hatte sich wieder geöffnet. Langsam zog er sich über die weite ebene Fläche zwischen den markanten und immer anderen Höhen der kleinen Welt. Er sog alles in sich, was nicht groß oder stark genug war sich zu wehren oder davonzukommen. Vorsichtig ließ sich das Sörp auf dem neuen Versorgungsrand nieder. Der Bottich war heute gut gefüllt und man musste nicht in die klebrige Masse steigen. Langsam schlürfte es das rote Elexier in seinen Mundraum und betrachtete nebenbei aufmerksam die raue Umgebung. Das kalte Portal war wieder offen, es war eine ebenso teuflische Sache wie auch der Höllenschlund. Entweder ergriff man seine Chance direkt wenn es sich öffnete oder man prallte schmerzvoll dagegen und holte sich schlimme Verletzungen. Gefahren gab es in jeder Hinsicht genug, nicht abzusehen von den festen Netzen welche zu unbestimmten Zeitpunkten aus dem Nichts erschienen. Jedoch war es ein erfülltes Leben für das Sörp. Man war immer bedient mit Unterhaltung und Nahrung und das in vielfältigster Weiße. Morgens gab es meist einen gut gesüßten Sirup, welcher half nach der anstrengenden Nacht, in der man sich zuerst auf den Leuchtflächen vergnügte und danach einen Schlafplatz ohne Kneifer suchen musste, wieder neue Energie zu tanken. Die Sörps lebten in diesem wohligen Umfeld besser als so manch andere Rasse. Sie hatten sich gut eingelebt und die Gefahren erkannt. Das einzelne Sörp gehörte sogar zu den Erkundern. Sie schwärmten Täglich in kleinen Gruppen aus und kundschafteten die vielen Täler und Hürden aus, im Interesse dessen, möglichst viel zu erfahren in ihrer kurzen Zeit. Wahrlich war ihre Lebenserwartung abgesehen von den oftmals auftretenden Unglücken deutlich höher, als die eines wilden Sörps. Allerdings war ihre Art immernoch in einem frühen Stadium der Evolution, wie es die Woocher zu sagen pflegten. Woocher waren die ältesten einer Gruppe Sörps, sie waren erfahren, wussten über alles bescheid und hatten bereits viele Sörps zur Welt gebracht. Sie belehrten die jungen in den ersten Momenten und wiesen sie in ihre Aufgaben, Bedürfnisse und Pflichten ein. Alles weitere galt es stehts selbst zu erkunden. Das einsame Sörp hatte seine Mahlzeit genossen und starrte weiterhin gespannt dem Höllenschlund zu. Man konnte solche Momente genießen, war man nicht gerade in der Nähe eines solchen Monstrums. Solange der wütete waren nämlich die meisten anderen Gefahren wie ausgenockt. Das Sörp musste sich aufmachen, die Gelegenheit war gut und bot sich nicht oft. Es wollte herausfinden, was die Greifer mit all den Unglücken zu tun hatten. Übermittelt war nur, dass sie stehts in der Nähe von solch unguten Geschehnissen waren. Jedoch kam nie ein Sörp, welches Näheres erfahren hatte zurück, um es persönlich zu erzählen. Alle starben früher oder später bei dem Versuch. Das kleine Sörp wollte das erste sein, es war schnell und flink. Wendig genug um Greifern ausweichen zu können. Während einer derselben mit dem Höllenschlund beschäftigt war, welchen es bis eben beobachtet hatte, schlich sich das Sörp vorsichtig von hinten an. Es war ein weiter Flug, jedoch machbar und ungefährlich. Er führte an mehreren gesschlossenen Portalen entlang und auch an jenem Tal, in welchem sie gestern noch mit den Leuchtflächen gespielt hatten. Es kannte sich hier gut aus. Das Sörp stieg gen Himmel welcher in diesem Tal angenehm beige war und setze sich auf eine der drei Sonnen. Vorsichtig blickte es hinab, wischte sich den Dreck aus den Augen und machte die Flügel bereit für einen frontalen Anflug. Es war bereit, bereit wie nie zuvor. Vielleicht würde es selbst bald ein Woocher sein und den jungen von seinen Erfahrungen berichten können. Es sprang ab, steuerte auf den obrigen Teil des Greifers zu. Alles schien gut zu verlaufen, doch plötzlich geschah etwas unerwartetes. Der Greifer teilte den Hals des Höllenschlundes und richtete ihn den Sonnen entgegen. Ein plötzlicher Sog kam auf, das Sörp flatterte so gut es konnte. Es versuchte zur Seite zu schwenken, doch der Höllenschlund war zu mächtig. Es wurde ihm dunkel vor Augen, alles um das Sörp herum wirbelte, seine Flügel schmerzten. Es fiel dem Schlund entgegen. In seinem letzten Augenblick vernahm es ein Geräusch. Unkontrollierte Laute, welche aus dem Maul des Greifers ausgestoßen wurden. Der Hals des Höllenschlunds wackelte, während das Sörp in ihn hineingezogen wurde. Lachen, Lachen hatte ein Woocher diese laute einst beschrieben. Es war die Freude der Greifer, über ein besonderes Unglück.

Rätsel

Gegeben ward es gar nicht jedem,

vermuten mag es jeder nur.

Doch zu sehen ist es stehts,

gestützt von Überzeugung nur.

Wer es hat der weiß es schon

und muss es nicht bekunden,

der and’re der begehrt es nur,

doch gibt aus frohe Kunde.

Gespalten ist die Menschheit doch,

so war es immer schon.

Denn wer am Ende oben steht,

den führte es auf den Thron.

Nun erhebet euch aus eurer Kluft

und schaut über den Wall,

den man sich baut aus Kissen

welche stechen bitter kalt.

So kommt ihr drauf dann seid ihr schonein kleiner Teil davon

Was wohl der größte Reichtum ist,es selbst zu haben lohnt.

Lebendig

Es war ein wahrlich schönes Haus auf das ich hier gestoßen war. Eine schmale, kniehohe Natursteinmauer schulterte die Pfähle des fuchsroten Zauns welcher an der ruhigen Landstraße durch verschlafene, kleine Ortschaft im Norden der Toscana führte. Ein kleines Gebüsch drängte seine zarten, grellen grünen Zweige durch die Holzlatten und erfrischte das graue Gemäuer in seiner Farbgebung. Eine schmale Stufe welche aus nichts weiter als einer einzigen Natursteinplatte bestand, bot einen Durchgang zu dem kurvigen Kiesweg, welcher zu dem Anwesen führte. Am Rand wuchsen junge Rosenbüsche welche an den Seiten eine Art kleine Allee bildeten. Durch den gepflegten grünen Rasen bohrten sich einige gelbe Pfauenblumen und weiter hinten wuchsen drei gruppierte Zitronenbäume, wenn es nicht eher Bäumchen waren. Sie schienen das bescheidene Herz des Gartens zu bilden, während einige Akazien beinahe unscheinbar verteilt im Garten wuchsen. Versteckt hinter einem weiten, blühenden Affenbrotbaum versteckte sich schließlich der Eingang. Das Gebäude schied sich in zwei Teile. Der von meiner Position aus Linke, war komplett aus Naturstein gebaut. Über die circa sechs Meter breite Hauswand, erstreckte sich eine weite Flügeltür aus dunklem Eichenholz welche von einem kleinen Ziegeldach geschützt war, das sich wiederum auf zwei dicke Pfeiler stützte, welche von Efeu Strängen umschlungen waren. Die Linke Außenwand besaß einen markanten französischen Balkon welcher, wie ich noch vermutet hatte, eine sagenhafte Aussicht auf die kleine Gebirgskette im entfernten Süden des Anwesens gewähren musste. Der rechte Teil des Hauses war einige Meter höher gelegen, da ein kleiner Hügel direkt hinter dem vorderen Bereich des Gebäudes anstieg. Bis zur Höhe des von alten Eichenpfählen getragenen Schieferdachs des Vorderhauses war auch der Rechte Teil aus Naturstein, darüber jedoch aus einem Standard typischen Gemäuer aus Backstein und Fassade. Es war in etwa doppelter Breite und besaß einen eigenen Eingang, welcher zu der weiter oben parallel verlaufenden Landstraße führte. Ein kleiner Kamin aus grauem, glatt geschmirgelten Beton thronte auf dem selbig konzipierten Dach aus bräunlichen Ziegeln mit der typisch südländischen vertieften Kerben. Der Regenschutz des Kamins ähnelte einem kleinen Vogelhaus, sowohl aufgrund des hölzernen Materials, als auch der hausähnlichen Form. An der Fassade befanden sich auf der zu mir gerichteten Seite zwei Fenster, welche von einem grau geriffelten Betonguss umrahmt waren. Ebenso auch die Gestaltung der beiden auf der Linken, welche anders als die vorderen, übereinander positioniert waren und somit das obere einen noch besseren Weitblick bot als der im Vorbau darunter eingebaute französische Balkon. Die ausgebleichten braunen Fensterläden waren an die Hauswand gelehnt, die Fenster selbst jedoch alle, trotz der kaum auszustehenden Hitze geschlossen. Die kleinere Hellbraune Holztür, welche den Haupteingang zum Oberhaus bildete, war von einem schmalen, gläsernen Lichteinlass umrahmt.

Ich ging um den Böschungsanstieg herum um mich dem unteren Eingang zu nähren. Der momentane Besitzer des Hauses, Adelfio, er war ein Herr hohen Alters und wollte mich hier empfangen und umher führen. Wie aufs Stichwort öffneten sich die beiden Flügel der Tür, sie wurde gar regelrecht aufgestoßen. Ein Mann, welcher wohl Adelfio sein musste trat mit viel Elan hervor und reckte begrüßend seine Arme in die Höhe. “Ciao, Victor, come stai, wie geht es dir?” Ich kam ihm freudig grinsend näher.

Der alte Mann mit dem spitz gezupften, grauen Schnurrbart, welchen er ebenso sauber gepflegt hatte, wie auch die imposante Haarpracht welche glatt vom Scheitel aus zur linken Seite gekämmt war, trug ein sehr einprägsames Exemplar eines Monokels auf dem Auge. Die Zeitung, welche er in seinen kräftigen Händen hielt, schien nicht gerade von gestern gewesen zu sein, erklärte jedoch, warum er die türkis umrahmte Sehhilfe in jenem Moment noch trug. Er musste Schreiner gewesen sein, darauf deuteten zumindest seine bereits erwähnten Bärenpranken als auch seine breiten Unterarme hin. Vom Ellenbogen aus war er in ein weißes Hemd gekleidet, dessen Ärmel sorgsam hochgekrempelt waren. Darüber hatte er sich eine leichte Weste aus einem sehr feinen Material gezogen. Es mochte Seide sein, jedoch bin ich mir dessen nicht sicher. Der beige Farbton harmonierte jedoch besonders mit der luftigen Hose, welche lässig weit geschnitten war und vom Schwung seiner Schritte und der leichten Brise wild zerflettert wurde. Die Lederschuhe mit den kunstvoll angebrachten Schmucknähten, waren in ihrem Braun etwas ausgebleicht, gaben allerdings trotzdem noch einen schönen Eindruck von sich.

“Danke sehr, mir geht es hervorragend. Ein wundervolles Wetter für eine solche Hausbesichtigung. In München hat es gestern noch stark geregnet, da ist mir das hier doch schon viel lieber!”

“Wollen wir es uns anschauen?”

“Gerne!”, bejahte ich seine Frage und trat über die Türschwelle.

“Dann komm doch gerne herein.”

Wir hatten den Rundgang zu meiner höchsten Zufriedenheit abgeschlossen und saßen nun im gemütlichen Aufenthaltsraum mit dem Blick auf die in der Ferne liegende Bergkette. Ich war sehr beschwingt, da dieses Gebäude genau meinen Vorstellungen eines eigenen Ferienhauses mit seinen großen und hellen Zimmern entsprach. So verzaubernd es auch von außen war, der Innenbereich zeigte sich als noch verwunschener. Eingerichtet wie ein kleines Schloss vom Eingangsbereich bis zu den privaten Gemächern. Ich war fasziniert!

Adelfio hatte einen Barolo aus Piemont mit exzellentem Jahrgang aus dem Keller geholt und schenkte uns beiden ein. Der dunkle Wein sprudelte aus der Flasche heraus und floss mit dem Klang eines kleinen Baches in das rundliche Glas.

Wir stießen an und Adelfio begann die Geschichte zu erzählen, welche er bereits einige Zeit zuvor angekündigt hatte.

“Weißt du Victor, dieses Haus bedeutet viel für mich. Mein Vater baute es damals ganz nach den Wünschen meiner Mutter. Sie hatten von der Bepflanzung des Gartens, über die Natursteine bis hin zur Zimmereinteilung und der Einrichtung alles lange geplant und ganz nach ihren Wünschen gestaltet. Mein Vater, so erzählte man es mir, investierte sehr viel Zeit um selbst am Bau des Hauses zu helfen. Es hätte ein Traum sein können, wäre es nicht zum Krieg gekommen. Mein Vater wurde, bevor er das Ergebnis seiner Arbeiten genießen konnte in den Krieg einberufen, und kämpfte in den erbarmungslosen Stollen des Lagazuoi gegen die österreichischen Kaiserjäger. Er wurde jedoch nicht in einer Kriegshandlung getötet. Er half einer kleinen Gruppe von etwa einem Dutzend Männern, neue Gänge zu sprengen. Eine Sprengladung Dynamit zündete zu früh und mein Vater wurde unter einem Haufen Gestein begraben.”

“Das tut mir sehr leid”, versuchte ich mein Mitleid zu bekunden. Ich war ein wenig verwundert, wie alt mochte Adelfio sein, wenn sein Vater als ein erwachsener Mann im ersten Weltkrieg kämpfte.

“Das muss es nicht, ich denke, es war so beinahe besser. Er hätte qualvoll im Gefecht sterben können, so hatte er einen beinahe friedlichen Tot. Meine Mutter zog mich danach alleine groß und heiratete kein weiteres Mal. Ich fragte damals oft nach meinem Vater, wo er sei, ob er zurückkommen würde. Als Antwort gab man mir stets, dass er unter uns lebe. Er habe sich ein eigenes Zimmer gebaut und würde nachts durch unser Haus wandern, um auf uns aufzupassen. Oft hatte ich nach der Türe gesucht, oder war wach geblieben, um ihn wiederzusehen. Natürlich passierte nichts, was ich irgendwann auch begriff. Meine Mutter starb mit dem Erreichen meines achtzehnten Lebensjahres, auf dem Sterbebett erzählte sie mir, dass ihr ihre Pflicht erfüllt habe und sie nun mit in das Zimmer meines Vaters ziehen wollte. Ich hatte den Auftrag bekommen gut auf das Haus aufzupassen und wenn die Zeit kommen sollte, einen würdigen Nachfolger zu finden.

Nun, Victor, ich habe nie Kinder bekommen – daher möchte ich das Haus jemand anderem anvertrauen. Nicht nur, dass es nur wenige Interessenten gibt. Du bist mir auch sehr sympathisch – ein würdevoller Nachfolger – und wenn du mir erlauben würdest, dich ab und an noch zu besuchen, ließe ich es dir hiermit offen, den Preis zu bestimmen”

Ich war vollkommen perplex. Ich hatte eine familiäre Geschichte erwartet, jedoch nicht eine solch emotionale, gar verwunschene. Ich glaubte nicht an Geister, oder verfolge einen sonstigen Aberglauben. Jedoch fiel es mir schwer, eine passende Antwort zu finden.

“Mein guter Adelfio”, setze ich zögerlich an. “Ich danke dir sehr dafür, dass du mir deine Geschichte anvertraust. Ich bin überaus begeistert von dem Gebäude und beabsichtige daher auch es zu kaufen. Aber einen Preis festzulegen, das fällt mir doch sehr schwer, gerade weil du so emotional daran hängst. Wenn es für dich in Ordnung wäre, würde ich mir die Freiheit nehmen, und darüber zuvor noch eine Nacht schlafen und dann morgen alles weitere mit dir besprechen.”

Ich nahm einen letzten Schluck aus meinem Weinglas und machte ein Anzeichen, dass ich es nun dabei belassen wollte und die Rückkehr ins Hotel antreten würde. Adelfio nickte mir zu. Er erhob sich langsam.

“Ich bin sehr erfreut das zu hören. Natürlich darfst du dir die Zeit nehmen, aber bedenke, ich bin ein Alter Mann, Victor. Wir wollen das doch gerne abschließen, ehe auch das vorbei ist.”

“Davon sollte man nicht sprechen”, gab ich belehrend zurück.

Ich bat ihn sitzen zu bleiben, die enge Treppe zum tiefer gelegenen Ausgang wollte ich ihm am späten Abend nicht noch aufzwingen. Eine verabschiedende Umarmung, ehe ich den Raum verließ und die Treppe hinab ging. An der vorletzten Stufe stockte ich. Ein Kratzen, als schiebe jemand etwas Schweres umher, war zu hören. Im Augenwinkel meinte ich, einen bewegten Stein zu sehen. Verwarf diesen Unsinn jedoch recht bald.

Neben der Tür hing ein kleines, gerahmtes Bild. Ich hatte es am Nachmittag nicht sehen könne, da es vom linken Flügel der Tür verdeckt war. Ich kam näher heran. Es war ein Bild von Adelfio, ich erkannte es umgehend an den gepflegten Haaren und dem Monokel, welches er, wie er mir erzählte, mit dem Schmuck seiner verstorbenen Mutter hatte verzieren lassen. Mir blieb der Atem stehen, als ich die Bildunterschrift las. Auf schwarzem Hintergrund war mit weißer Schrift gedruckt: “Ruhe in Frieden – Adelfio Grattoni – zehnter Mai, neunzehnhundertsechsundachtzig”. Ich kehrte um, ging in eiligen Schritten die Treppe hinauf und huschte in den Aufenthaltsraum, in welchem wir uns eben noch unterhielten. Adelfio war verschwunden. Ebenso war es auch der Wein und nur das Sitzkissen des Stuhles, auf welchem ich selbst saß, war eingedrückt.

Erneut hörte ich ein kratzendes Geräusch aus der Richtung, in welcher das Treppenhaus lag. Das Treppenhaus, in dem die Todesurkunde des Mannes hing, welcher eben noch quicklebendig mit mir sprach.

Wie ein Blitz schoss ich zur Haustür, riss diese mit einer unsäglichen Wucht auf und rannte soweit meine Beine mich trugen.

Heimat

Es war schon später Abend in Bretford. Die letzten Strahlen der roten, untergehenden Sonne bohrten sich durch die dicken, schwarzen Rauchschwaden welche über der Jupitanen Kolonie hingen. Zäh quollen sie aus den glatten, von Ruß geschwärzten Kaminen der Fabrik, ehe sie langsam auf die Straßen sanken. Eine metallene Glocke begann zu läuten. In einem irrsinnigen Tempo schlug der kleine goldene Hammer, gegen die blassen roten Backen, welche einen schrillen Ton erzeugten. Nur Sekunden später, zeichneten sich vage, von Licht gerahmte Umrisse von einigen dutzend Menschen in der schwarzen, stinkenden Nebelwolke auf. Sie kamen aus einer breiten Senke, welche den Ein- und Ausgang zu der riesigen, kochenden Fabrik bildete. Auf der rechten Seite befand sich eine kahle und unscheinbare graue Mauer, welche nicht minder denn zehn Meter Höhe verzeichnete. Auf der Linken war das Blickfeld frei. Direkt am Wegesrand, befand sich eine Strum-Allee, jenes Baumartige gewächs, was man auf dem Jupiter so liebgewonnen hatte. Dahinter ein überhängender Zaun mit Spitzen Zacken an der Oberseite. Die weite Fläche dahinter, welche direkt an die Fassade der Fabrikhalle angrenzte, war ein einziger Gastümpel. Jene gefährliche und dennoch nützliche Fläche, welche es eigentlich in Massen gab. Jedoch war nur diese eine umstandslos erreichbar. Alle anderen befanden sich außerhalb der Mauern und gehörten somit der unerforschten Mutationsebene an.

Lui beschleunigte seinen Schritt und stieß aus der Gruppe von Arbeitern hervor. Hinter dem langen Zaun bog er zackig in eine kleine Seitengasse ein, welche zwischen den grauen Betonhäusern hindurch führte. Die Organischen Lichtwände der Gebäude ließen sein Erscheinen aufleuchten. Er war ein kleinerer Mann mit einem Körperbau, welcher eine gute sportliche Genetik aufwies. Seine Haut war grau verfärbt von den Chemikalien der Fabrik, seine Kleidung von Ruß verschmutzt. Die krumme Nase deutete Spitz auf den gepflegten, dunkelbraunen Schnurrbart. Auf dem Kopf trug er eine Nackenkappe welche im selben bläulichen Farbton, wie auch die Funktionsjacke und die, zur Uniform gehörende Hose hatten. Lui krempelte seinen Kragen hoch und lief zügig weiter. An einer kleinen Wegkreuzung, welche sich genau in der Mitte vierer Häuser befand, machte er halt. Die symmetrischen, langen spitzen Kanten der Wohngebilde ließen die Szene wie ein Kunstwerk wirken. Pyramidenförmige Lichtstrahlen zeichneten sich auf dem Boden ab, Lui in deren Mitte. Er wartete.

Nur wenige Sekunden später bewegte sich aus einer Lichtgasse eine Dunkle Gestalt auf die Kreuzung zu. Die Schmale Taille und elegante Gangart ließen das Geschlecht einer Frau unter dem dunkelbraunen Mantel vermuten, wie ihn einst die Militärs auf der Erde trugen. Eine Hand bewegte sie aufmerksam schrittgleich, die andere steckte tief in einer Manteltasche. Die Gestalt betrat die Ebene des Lichtspiels und kam vor der Brust von Lui zum Stehen. Die beiden schauten sich um. Ihre Blicke durchschweiften die Umgebung, ehe sie sicher schien. Die Gestalt hob ihren Kopf und zupfte mit den schlanken Fingern an der Rückseite der Kapuze, bis diese sich ein wenig aus dem Gesicht entfernte. Ein Lichtstreifen strahlte auf die Wangen der Person und erhellte das gesamte Gesicht.

Die glänzend grünen Augen von Aura strahlten Lui an. “Ich habe ihn bekommen, Lui!”, kam es aus ihrem Mund. Die schmalen Lippen schlossen sich und Aura griff erneut in ihre Tasche. Sie zog etwas kleines, gelbes hervor und überreichte es Ihm vorsichtig. Lui hob seine Hand den Lichtstrahlen entgegen um das unbekannte Ding genauer betrachten zu können. Seine Blicke waren skeptisch. Es war ein Exemplar eines Schlüssels.

Ein Schlüssel, wie ihn jeder Jupitane Kolonialist hatte haben sollen. Es war ein kleines Stück Plastik, nur wenige Zentimeter lang. Mittig des dünnen Schlüssels, war ein unscheinbarer Chip integriert. Es war keine Sache, der man gerne traute. Eine Sache, welche man nicht einmal gerne in den Händen hielt. Aber sie war revolutionär, genial – und vor allem Platz- und Geldsparend. Es handelte sich dabei um den Zugangsschlüssel zu den Privaten Räumlichkeiten der Kolonialisten. Sobald man ihn an der Türe eines Betonblocks einsteckte, wandelte sich das Innere des Hauses zu einer materiellen Illusion der eigenen vier Wände. Der Chip speicherte alles ab, was beim letzten Verlassen des Hauses vorhanden war und welche Zustände herrschten. So konnte man überall daheim sein, ohne einen Umzug zu organisieren. Doch auch eine geniale Idee hatte ihre negativen Seiten. So kam es, dass Menschen verschwanden, die beim Abschließen und somit Ausloggen noch in der Wohnung waren. Und wer seinen Schlüssel verlor, verlor sein ganzes Heim dazu und landete auf der Straße. Nur selten war es der IT möglich, Wohnungen wiederherzustellen. In ein Haus konnten sich unendlich viele Menschen einloggen, jedoch nicht zur selben Zeit. Gelöst hatte die Regierung der Jupitanen Kolonie dieses Problem sehr einfach. Es wurden achtzehn-Stunden-Tage eingeführt. Somit schoben die Menschen lange Schichten und hatten alle nur einen viertel Tag um in ein Gebäude einzukehren. Es gab regelmäßige Proteste dagegen.

Doch Lui und auch Aura hatten ganz andere Sorgen.

Sie beide waren keine Kolonialisten erster Ordnung, sondern sie gehörten der Zweiten an. Die neue Generation, welche nie die Erde gesehen hatte, stattdessen in einer kleinen Praxis in der Kolonie geboren worden waren. Die Erde hatte man ihnen erzählt, sei eine blaue Natur voller Freiheiten. Man konnte gehen so weit man wollte, durch Ländereien und mit Booten über Ozeane. Mit Tieren und Pflanzen in einer ungewissen Vielfalt.

Auf dem Jupiter war dies unmöglich. Gefangen, war man in dieser beengten Zelle, welche sich Kolonie schimpfte. Umgeben von einer massiven Mauer, welche vollzeit bewacht war. Weshalb, das wusste keiner der normalen Bewohner. Man erzählte sich Geschichten von Geistern aus Gasen, mutierten Lebewesen und abstrakten, furchigen Landschaften. Doch keiner hatte je auch nur einen Blick darauf geworfen. Jeder der es schaffte, einen Blick hinter die Mauern zu werfen, kam nicht wieder zurück.

Lui und Aura wollten die Welt hinter der Mauer kennenlernen. Egal was passieren würde, selbst der Tod war für die beiden die Erfahrung wert. Einmal die Weite sehen.

Es gab die Schlüssel in Grau, für den üblichen Kolonialist – und in blau, für die hochrangigen Bewohner, welchen damit ein vollzeit Zutritt zu ihren Eigenheimen gewährt war.

Der Schlüssel, den Lui in der Hand hielt war gelb. Jemand musste ihn angemalt haben. Der Jemand, welcher auch in krakeliger, schwarzer Schrift das Wort ‘Paradies’ darauf geschrieben hatte.

“Es ist der richtige, lass uns gehen, die Sachen stehen hinter dem Block.” Lui steckte den Schlüssel in seine Innentasche und griff nach Auras Hand. Das Paar bog in eine der vier beleuchteten Gassen ein. Ihre Umrisse wurden in der Ferne vom grellen Licht verschluckt.

Einige Minuten später erreichten sie eine der ältesten Straßen der Kolonie. Sie wurde am Anfang als Start- und Landeplatz für die Frachtschiffe genutzt, bevor später die Monotonen Betonbauten an den Seiten platziert wurden. Strum-Halme wuchsen wie Unkraut aus dem Asphalt und die Häuser besaßen noch nicht die angenehm gerade Anordnung, wie es in den modernen Gebieten der Fall war. Sie waren krumm und schief gebaut, wie es die Natur damals zugelassen hatte. Es war eine gespenstische Gegend. Betonblöcke mit schweren Türen, jedoch ohne Fenster. Verwucherte Wegränder. Kaputte Laternen und flackernde Türknäufe.

Lui steuerte gezielt auf einen Block etwas weiter abseits der Straße zu. Er lag im Schatten der Mauer, das einzige Licht ging vom glasklaren Sternenhimmel aus, als auch von dem neon-grün leuchtenden Türknauf. Er signalisierte, dass momentan niemand in das Gebäude eingeloggt war. Das war in dieser Ecke sowiso unwahrscheinlich. Die meisten Eingänge waren defekt, blinkten rot, wechselten die Farben oder waren gar komplett deaktiviert.

“Warte hier”, zischte Lui Aura zu. Wie ein Schatten huschte er um die Ecke, an der Wand entlang in Richtung der Rückseite des Hauses. Er stockte, hielt die Luft an. Es war kein Laut zu hören. Direkt vor ihm befand sich die Mauer, doch kein Laut drang hindurch. Er griff nach dem braunen Lederrucksack, welchen er im grünen Gestrüpp am vergangenen Tag versteckt hatte und ging den Weg zurück zur Türe. “Ist uns jemand gefolgt?” “Nein, wir können loslegen. Endlich!”, antwortete Aura. Lui nickte ihr zu und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Er blickte sich nochmals um, ehe er das gelbe Plastikteil in Richtung Türknauf führte. Keiner der beiden wusste, was sie in der Simulation erwarten würde. Sicher war, in dieser Speicherung gab es einen Gang, welcher durch die Wand führte und somit die Flucht ermöglichte. Aura hatte den Schlüssel über mehrere Kontaktpersonen zugespielt bekommen. Man rumorte, dass er von den Sicherheitsleuten selbst in den Umlauf gebracht wurde. Jedoch konnte sich niemand einen sinnvollen Grund erdenken.

Das klicken eines Relays ertönte, als Lui den dünnen Stift des Schlüssels in den Knauf schob. Die Farbe wechselte von neon-grün zu einem grell leuchtenden blau, blinkte kurz. Nach einigen Sekunden färbte sich der Knauf rot und die Tür sprang einige Zentimeter auf. Es hatte funktioniert, sie waren drin.

Lui und Aura warfen letzte verabschiedende Blicke zurück, keiner wusste ob oder wann sie zurückkehren würden. Dann öffneten sie die große Metalltüre und schlichen sich ins Innere.

Die Tür schlug zu. Sie standen im Dunkeln. Ein Lichtschalter war nicht zu finden, dafür war ein lautes rattern von der rechten Seite aus zu hören. Lui kramte eine Taschenlampe aus einer der Seitentaschen und schaltete sie an. Der Lichtkegel wanderte den kahlen Boden ab, suchte nach etwas markanten. Die Wände waren Fensterlos und grau, bis auf eine. Diese eine Wand, welche direkt gegenüber des Eingangs lag schien defekt. Sie wechselte in kurzen Intervallen zwischen verschiedene Aussehen und kam nicht zum Stillstand. Es war genau die Wand, welche in Richtung der Mauer gerichtet war. Das Paar näherte sich ihr. Lui schaute eine Weile dem Spektakel zu bis ihm etwas markantes auffiel. Es gab zwei Faustgroße Stellen, welche immer gleich blieben. Er drückte Aura die Lampe in die Hand und legte vorsichtig seine Hand an die Stellen. Mit seinen Handballen übte er Druck aus.

Ein Knarzen, Rattern, die Wand spaltete sich in der Mitte und wie eine edle Flügeltüre klappte die Wand auf. Aura und Lui schlangen sich durch den schmalen Spalt. Hinter ihnen schloss sich die Wand und sie fanden sich in einem dunklen Raum wieder. Es war der Bereich, in dem die Mauer durchgraben sein musste. Durch ein kleines Loch drang ein schwaches Licht. Auf allen Vieren kroch Lui, dicht gefolgt von Aura hindurch. Ein Schmerz durchzog seinen Körper, ein anhaltender Schmerz. Schonend gekrümmt versuchte er sich aufzurichten. Auch Aura begann über Schmerzen zu klagen, ihre Haut brannte schrecklich. Lui holte tief Luft, hob seinen Blick und betrachtete die Umgebung. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, matschige, dunkelbraune Landschaft. Der unebene Boden führte zu ihrer Linken zu einem kahlen Waldstück. Wie eine Insel erhob sich der kleine, saftig grün bewachsene Hügel aus der Landschaft. In wenigen Metern Entfernung entdeckte er etwas Ungewöhnliches. Er näherte sich dem Gebilde, sein Herz stockte als er sah und las. Ein einsames Schild stand mitten in der Landschaft. In ausgebleichter Schrift stand darauf gedruckt: “Nuklear verseuchtes Gebiet – Paris Zone 3”. Er wollte sich umdrehen, etwas knackte unter seinen Stiefeln. “Aura!” Lui blickte nach unten, hob seinen Fuß. Ein zerbrochener, grauer Knochen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er auf, blickte zur Mauer. Aura tat es ihm gleich. Menschliche Skelette klammerten sich an die Wand, braune Blutspuren überdeckten das monotone Grau. Erst jetzt entdeckten die Beiden die riesige Kuppel, welche über der Kolonie angebracht war. Von innen war sie nie ersichtlich gewesen.

Lui versuchte den schock zu überwinden, sprintete zur Luke, in den dunklen Raum. Doch der Eingang war verschlossen.