Perfold

„…Symptome waren Gelenkschmerzen, Hautausschlag und Fieber.“ – las Agnus laut aus dem verstaubten Buch. Er fand es auf dem Dachboden, während er in den Sachen stöberte, welche seine Eltern dort aufbewahrten. Es war ein beeindruckendes Sammelsurium von interessanten und weniger interessanten Dingen, welche lange vor seiner Zeit relevant waren. Gelangweilt suchte er nach etwas, um die Zeit zu vertreiben. Beim Lesen wandte er sich ständig an seinen persönlichen Kommunikator, ein kleines, handliches Gerät, um nach der Bedeutung bestimmter Wörter zu suchen. Vieles aus den alten Schriftstücken des einundzwanzigsten Jahrhunderts, gehörte in seiner Zeit nicht mehr zum üblichen Sprachgebrauch. Seine Eltern erzählten ihm von damaligen Symptomen und Krankheiten, von denen er nie etwas gewusst hatte. Hautreizungen, Fieber und vielem mehr. Nie hatte er etwas solches erfahren müssen – und wollte dies auch nicht wirklich.

Es war aber eine seltsame Aufregung in ihm, jene Gefühle hervorzurufen, die er, wie auch ein Großteil seiner Mitmenschen, noch nie gespürt hatte. Wie konnte all das gewesen sein? Was waren chronische Schmerzen? Wie sind die Symptome aufgetreten? Wie haben die Ärzte sie verschwinden lassen?

Der Kommunikator begann zu summen.

Wenn man einen Anruf erhielt und Sie einen ins Drogenzentrum einberiefen, dann wusste man, dass etwas falsch mit dem eigenen Körper war. Dies war das erste Mal, dass Agnus den Anruf als vollends berechtigter Bürger erhielt. Bisher regelten diese Prozedur seine Eltern, er hatte keine Ahnung, was er erwarten sollte. Es war der Kommunikator, welcher inmitten einer Erklärung die Meldung bekundete. Jeder Bürger musste in weniger als drei Stunden nach dem Aufruf eingecheckt haben, andernfalls würde man ernsthaft bestraft werden. Niemand aus dem Bekanntenkreis des Jungen hatte es je riskiert. Er war nervös – gespannt und zugleich verängstigt von dem, was gleich auf ihn zukommen könnte. Vielleicht würde er die unbekannten Gefühle viel eher erfahren, als es ihm lieb war?

Ein Mann mit schwarzem Arztkittel durchsuchte einen Stapel schwarzer Boxen nach einer bestimmten Markierung. Als er die kleine Schachtel fand, auf welche ein weißer Strich aufgezeichnet war, wendete er sich damit zurück zu Agnus, welcher mit schweißigen Händen am Schalter des Wartebereichs stand. Er war der erste in einer langen Reihe von Menschen. Der Mann entnahm mit seinen dicken Fingern der kleinen Box drei rote Pillen und reichte sie dem Jungen.

„Das ist für dich.“

„Aber ich bin nicht krank.“ – erwiderte Agnus unzufrieden. Er betrachtete den Mann, der hinter dem breiten Schreibtisch voller Sensoren stand. Ausrüstung, die aussah wie eine wissenschaftliche Dokumentation und viele Bildschirme mit Informationen türmten sich im Hintergrund.

„Ich dachte, das war nur ein Check-up.“ – Er blickte unsicher um sich.

„Jetzt,…“ – betonte der Arzt, „jetzt sind sie noch gesund, das stimmt. Aber aufgrund Ihres Berichts sind Sie das in weniger als zwei Tagen nicht mehr. Berichte sind niemals irreführend und wir können kein Risiko eingehen. Ich bin sicher, Sie verstehen das.“

Agnus starrte ihn verständnislos an. Seine entgeisterten Blicke bohrten sich in die kalten, gelangweilten des Mannes.

„Was, wenn der Algorithmus fehlerhaft oder mein Bericht falsch ist?“

„Seien Sie nicht lächerlich! Sie kennen die Regeln. Die Vorsorge ist zum Wohl aller verpflichtend und unumgänglich!“, machte der Arzt deutlich.

„Bitte überprüfen Sie meinen Bericht noch einmal und lassen Sie mich meine Eltern anrufen.“

„Sie müssen diese Pillen nehmen. Jetzt! Oder ich muss die Offiziere rufen junger Mann.“, verdeutlichte er seine Aussage mit festem Tonfall.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Agnus keine Befehle befolgen will.

Es gibt einen Grund, warum Menschen ihn nie verstanden hatten.

Ohne Krankheiten, Schmerz, Armut und Kriminalität ist jeder in dieser schönen neuen globalisierten Welt zufrieden. Mit der Technologie von PERFOLD kann man erkennen, welche Krankheiten Menschen einnehmen, welche Merkmale sie haben und welche Entscheidungen sie treffen, basierend auf dem Code in ihrer DNA und allen Biomarkern vom Blut bis hin zu jeglichen Vitalzeichen. Alles ist mit Leichtigkeit vorhersehbar und die Gesellschaft kann sich auf jede Ungereimtheit vorbereiten. Seit Jahren haben Algorithmen keinen einzigen Fehler gemacht, so dass ihre Erfolgsbilanz beinahe eine gewisse Perfektion erreicht hat.

Seit über einer Generation gibt es keine Krankheiten mehr – über vier Jahrzehnte. Mit der Fertigstellung des individualisierten Genomprojekts im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wurde schließlich verstanden, wofür die menschliche DNA bestimmt ist. Jede Krankheit kann behandelt und später für immer verhindert werden, außerdem können Krankheiten, die bereits in die DNA codiert sind, rückentwickelt werden. Die Menschheit lernte, wie man das Leben programmiert und die Menschen gesund hält.

Ganze Industrien hatten sich gebildet, die auf dieser Idee aufbauen, und sich auf die Produktion der Wunderpillen und Seren spezialisiert hatten, um den Bauplan, welcher im Blut eingeprägt ist, zu ändern. Jeder kann ohne die Angst leben, krank zu werden oder nicht zu wissen, wann man sterben würde. Alle zukünftigen Lebensereignisse und Gesundheitsprobleme sind im persönlichen PERNOTE enthalten, den die Menschen am Tag ihrer Geburt zugeschrieben bekommen. Jeder lebt mit seinen Benachrichtigungen und folgt seinen Anweisungen.

 

Das Leben ist zum Programm geworden.

Und die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, Codes zum Leben zu erwecken. Niemand muss jemals wieder leiden aufgrund einer Allergie, einer unerwarteten Erkrankung oder einer schlechten Lebensstilentscheidung. Der Fortschritt, den die Menschheit seit Tausenden von Jahren versucht hat zu erreichen, ist endlich real.

Agnus wuchs darin auf, doch als Teenager fühlte er sich machtlos gegenüber diesem System aus Pharmazeutischer Kontrolle. Er begann zu rebellieren. Informierte sich über die Weltlage vor seiner Zeit und lehnte jegliche Behandlungen ab, soweit ihm die rechtliche Freiheit gegeben war.

Selbst seine Familie konnte nicht verstehen, warum er gegen all die Wunder war, welche die moderne Gesellschaft bereitstellte. Selbst wenn jemand bestimmte Befehle befolgen muss, scheint ein gesundes und langes Leben eine gute Belohnung zu sein. Die meisten Menschen denken so.

Agnus warf die Pillen weg und ging, während der nächste Patient schon eifrig seine Parameter dem stutzigen Arzt vorlegte.

Es ist seit Jahren eine zwanghafte Routine seines Lebens gewesen.

„Ich möchte nur meine eigenen Entscheidungen treffen.“, rief er, während ihm stämmige Offiziere nacheilten, wahrscheinlich um ihn ein paar Nächte in einer Zelle einzusperren und zu lehren, weshalb PERFOLD hier ist…

…um ihm zu helfen. (?)

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Verlorene Empathie

Die vibrierende SmartCard lenkte meine Aufmerksamkeit von der Arbeit ab.
Ich blinzelte in den scharfen Strahlen der Nachmittagssonne und war überrascht, dass das Konzert, welches ich am Abend mit Freunden hätte besuchen sollen, abgesagt wurde. Oder besser gesagt, POX, mein virtueller, künstlich intelligenter Assistent, hat es für mich abgebrochen. Das war vollkommen normal, da er Dinge früher wusste als ich. Mit den meisten Lebenszeichen und medizinischen Aufzeichnungen der Bevölkerung vernetzt, war er damit beauftragt, einen Großteil der entwickelten Welt gesund und kampffrei zu halten. Er ist wie ein allgegenwärtiges Sicherheitsnetz, das perfekt informierte Entscheidungen trifft.

So wie ich es in Erinnerung hatte, war in meinem Kalender ein Termin mit einem Onkologen für den Zeitraum nach dem Konzert eingetragen. POX macht Dinge nur absichtlich und erlaubt sich keinen Fehler. Genauso wie beim Einkaufen oder Organisieren meiner Arbeitstage. Aber ich war verblüfft – meine Genomsequenzierung zeigte keine Vorliebe für Krebs. Trotzdem konnte der riesige Reichtum an Daten, den POX über Lebensweise und Vitalzeichen vorweisen konnte, die Krankheit vorhersagen, bevor sie sich selbst manifestierte.

Ich klopfte die Benachrichtigung an, nur um herauszufinden, dass es mehr als nur ein einfacher Termin war. Er suchte und fand das Krankenhaus mit der höchsten Erfolgsrate bei der Behandlung von Lungenkrebs im Frühstadium. Lungenkrebs? Ich hatte keine Symptome und der Tropfen Blut, den ich bei meinem letzten geplanten Check-up gegeben hatte, kam vor ein paar Monaten wieder normal zurück. POX bestätigte noch immer meine Verwunderung und merkte an, dass mein Versicherungsplan dies deckte. Er hatte bereits vorangedacht, aber ich hatte Angst, Angst vor jener Erkrankung, welche er mir so plötzlich angekündigt hatte.

Ich wünschte, ich hätte eine menschliche Person nach der Diagnose fragen können. In einem persönlichen Gespräch darauf eingehen.

POX trifft Entscheidungen automatisch und seine Algorithmen stellen sicher, dass keine menschliche Interaktion während des Betriebs benötigt wird. Bisher habe ich immer die technische Eleganz, seine praktikable Art bestaunt. Aber diesmal stank die Effizienz, die ich schätzte, nur nach kalter, narkotischer Präzision. Er bot keinen Trost für meine unruhigen Gedanken.

Es gab nichts zu tun, als zum Onkologie-Termin zu gehen, um die Antworten zu bekommen, die ich auf verzweifelte Weise sehnte. Bevor ich die Einrichtung betrat, wurden alle Datenpunkte von den Sensoren in meiner schicken Kleidung, die digitalen Tätowierungen, die meine Arme und die Chips unter meiner Haut trugen, mit den Krankenakten synchronisiert, die sie über mich hatten.

Ich sah meine körperliche Aktivität, Schlafmustern, Essgewohnheiten, Blutdruck und Körpertemperatur – notiert ständig ohne meine Interaktion – auf dem Bildschirm, den ich im Wartezimmer vor mir aufleuchten hatte. Relevante Artikel aus meiner Krankengeschichte, eingenommene Medikamente und wichtige Gesundheitsereignisse meines Lebens erschienen und wiesen auf grundlegende Fragen hin, während ich auf die Krebsdiagnose wartete. Die Ergebnisse zeigten, dass ich zu oft mit Freunden trinke und am Tag danach nicht genug trainiere. Er kam zu dem Schluss, dass dieses Verhalten nicht zu meinem körperlichen Wohlbefinden beiträgt. Ich war anderer Meinung, das waren meine Lieblingstage.

Mir wurde ein PET-Scan verschrieben, den ein medizinischer Roboter sofort durchführte. Die Kombination der PET-Scan-Ergebnisse mit Biomarkern aus meinem Blut dauerte nur Sekunden für POX. Ich hatte Anzeichen von Lungenkrebs im Frühstadium. Ich fühlte mich am Boden zerstört.

Ich wusste, Krebs war nur eine chronische Krankheit.

Sicher, es könnte mit einer personalisierten Kombination von Therapien behandelt werden, aber ich fühlte mich immer benommen von der Tatsache. Der Raum um mich drehte sich und meine Knie wurden weich. Ich setzte mich. Die Roboter-Krankenschwester, die an meinem Befund Beileid bekundete, war darauf programmiert, aufmerksam und unterstützend zu sein, aber ich wollte nur ein menschliches Gesicht, mit dem ich sprechen konnte.

Ich erhielt eine Nachricht auf meiner SmartCard mit einer langen Liste von Dingen, welche es zu tun gab. POX sagte mir, welche personalisierten Medikamente ich zu nehmen hatte, wo sich die nächste automatisierte Apotheke, die dreidimensional drucken kann befand, wie viel sie kosten würden und wie effektiv sie sein sollten, basierend auf verschiedenen Studien.

Mein Kalender wurde sofort neu angeordnet, um sicherzustellen, dass mein Lebensstil die Chancen auf einen Schlag gegen die Krankheit maximierte. Keine Kampfkünste mehr für mich in absehbarer Zeit, aber tägliche, leichte Bewegung und eine bessere Ernährung, um die Nebenwirkungen der Medikamente zu mindern, falls es welche geben sollte.

Meine Versicherung wurde auf das Krebs-Paket aufgerüstet, was bedeutete, dass POX Zugang zu privaten Details meines Lebens bekam, von Urinqualität, sexuellen Gewohnheiten und vollständiger Kontrolle über meinen Tagesablauf. Es ist alles erledigt. Ich muss nur Anweisungen befolgen und auf Benachrichtigungen achten. Es schien, als würde ich die bestmögliche Behandlung erhalten, die auf meine molekulare Zusammensetzung und persönliche Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich war in guten Händen.

Ich wollte nichts mehr als meinen Freunden beizutreten – freundliche, einfühlsame Gesichter zu sehen.

Auf dem Bildschirm vor mir blinkte eine Anfrage auf, welche mit meinem Fingerabdruck zu bestätigen war. Ich zögerte, aber wusste, dass meine Versicherungsprämie hoch springen würde, wenn ich nicht den optimalen Behandlungsplan befolge. Also streckte ich meinen Finger auf das kalte Glas des Displays und wurde in wenigen Minuten zum Krebspatienten, während ich meiner Lieblingsband hätte zuhören sollen.

Ich sollte mich erleichtert fühlen, aber alles geschah so schnell und ich hatte keine Zeit, die Neuigkeiten zu verdauen. Etwas fehlte. Vielleicht ein Wort mit jemandem, der nach einer solchen Diagnose weiß, was er sagen soll. Aber das Krankenhaus hatte kein medizinisches Personal, das mich trösten konnte.

Mein Großvater war ein Arzt in den 2000er Jahren, als es einer der am höchsten und geachteten Jobs war. Vater erzählte mir Geschichten darüber, wie der alte Mann Menschen behandelte und wie sehr sie ihn mochten. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Zeit barbarisch war. Opa musste sogar grundlegende gesundheitliche Parameter in der Klinik messen und die besten Behandlungsentscheidungen treffen, die auf ein paar Jahren Training und ein paar Dutzend Studien und medizinischen Fachzeitschriften basierten. Er hatte keine Ahnung, ob Patienten seine Therapie einhielten, weil es keine implantierten Mikrochips gab. Ohne POX konnten sie Krankheiten nicht frühzeitig erkennen. Das hat mich zuversichtlich in meine Gesundheit und die Aufmerksamkeit von POX gemacht. Aber aus irgendeinem Grund, mache ich mir nun Sorgen. Es wäre toll, mit jemandem zu sprechen, der das durchgemacht hat. Es gibt niemanden, der anruft. Ich weiß, meine Freunde haben eine Benachrichtigung über meine Diagnose erhalten, aber sie wissen auch, dass ich in guten Händen bin. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt. Sie werden vielleicht nicht einmal anrufen. Vielleicht haben wir auf dem Weg zu einem besseren Leben etwas verloren. Empathie. Vor POX gab es Apps, die Angst vor Patienten mit ernsthaften Diagnosen reduzieren sollten, indem sie sie durch den Prozess leiteten und Fragen sprechend beantworteten. Aber es war keine echte Person und eine App konnte Empathie nicht imitieren. Es hat nur die Benutzer sich nicht so alleine mit ihrer Situation fühlen lassen.

Als die künstliche Intelligenz unsere Gesundheit übernahm, stellte sich heraus, dass das Programmieren von empathischem Verhalten schwieriger war, als ein Programm zu lehren, wie man ein Flugzeug fliegt oder chirurgische Pläne entwirft. Ich denke, trotz aller technologischen Fortschritte sind wir immer noch Menschen im Inneren. Wir wollen immer noch, dass ein Mensch uns tröstet, wenn wir verletzlich sind und unser Leben sich gerade komplett verändert. Meine SmartCard vibrierte wieder. Meine Medikamente lagen an der Apotheke zur Abholung bereit.

Lorian

Dies ist nur ein Auszug, aus einer längeren Geschichte an welcher ich momentan arbeite. Über Rückmeldungen, ob dieser Teil das Interesse des Lesers weckt, würde ich mich sehr freuen.

 

Im letzten Moment, bevor ER auch noch über meinen letzten lebenden Anhaltspunkt herfallen konnte, stach ich mir den so wunderschön blau glänzenden Dolch in meine Brust. Blutrot ummantelte er sich und meine Gedanken verschwommen im dumpfen nichts. Ich sah IHN noch auf mich zuspringen in seiner entstellten, gedoppelten Gestalt, ehe sich mein Umfeld in hüpfende Lichtpunkte verwandelte.

Ich dachte mich wieder an die Teufelsgruft zurück, mein eigens geschaffenes Jenseits um ein zweites Mal meinem imaginären Tod zu entfliehen. Und auch dieses zweite Mal, gelang alles.

Wieder stand ich vor dem großen hölzernen Tor mit dem eingeprägten Drachenkopf – irgendwo im Nichts meiner fantasievollen Vorstellungskraft. Mit einem tiefen, knackenden Knarzen schwang der rechte Flügel auf und gewährte mir Zutritt zu dem hohen, verwunschenen Raum.

Die weinroten Efeublätter wucherten von den Wänden und der Decke herab und der Marmorboden spiegelte das gleisende aber unscheinbare Licht, welches von einer Sonnenartigen Kugel an der Zimmerdecke abging.

Kühl kam es mir vor. Eigentlich konnte ich solche Wahrnehmungen nur schwer bestätigen in diesem Zustand, jedoch war es anders als noch einige Zeit zuvor. Ich blickte zu den drei Türen. Die mittlere war diejenige, welche mich in die Abgründe führte – und genau diese, müsste ich auch gleich wieder nehmen. Ich musste schlucken. Wüsste ich, dass dieser Traum vorübergehen würde, dann hätte ich mich wohl schon längst in eine Ecke gekauert und würde zitternd auf das Vorübergehen der Geschehnisse warten. Stattdessen müsste ich meinen Albträumen Gegenüberstehen und das Monster finden, welches mich einst in diese Lage gebracht hatte.

Ohne weiter nachzudenken, riss ich mit aller Kraft die mittlere der drei nebeneinander positionierten Türen auf und rannte den langen, schwarzen Gang entlang. Mehrmals blickte ich über meine Schulter, versicherte mich, dass mir nichts und niemand folgte – doch alles war in monotones schwarz gehüllt. Nur der weiße Lichtschimmer der geöffneten Türe war noch zu erkennen.

Da erstarrte ich.

Abrupt hielt ich an. Blickte mich um. Vor mir der Lichtpunkt, welcher das Ende anzeigte. Hinter mir, der Schein, welcher die offene Tür markierte. Die offene Tür. Sie hätte nicht geschlossen sein dürfen. Beim letzten Zutritt hatte ich sie ebenso offen stehen lassen. Jemand musste hier gewesen sein, während ich auf dem Basar war und….

Es lief mir bitterkalt den Rücken hinab.

…der Geist des Dougall. Als ich ihn aus seinem Haus hinaus durch die dritte Tür in den Teufelsgrund lockte musste er umgekehrt sein während meiner Flucht. Er war hier und hat meinen Zugang genutzt. – Er war auf dem Basar!

Ich kochte vor Wut, Wut auf meinen eigenen Leichtsinn. Meine Situation war sowieso schon absolut unvorteilhaft und jeder weitere Fehler, könnte mir die Rückkehr in die reale Welt verwähren. Aber dies – dies war nicht irgendein Fehler. Über ein Jahrzehnt hatten sie den Geist in einer isolierten Erinnerung gefangen gehalten und nun habe ich ihn freigelassen. Meinen schlimmsten Albtraum.

Ich torkelte weiter den Gang entlang. Hastig wankte ich umher, mir war übel von der Vorstellung. Immerwieder blitzten weiße Augenpaare im nichts auf und verschwanden dann wieder. Einbildung, oder womöglich doch der Geist? Ich erfuhr es nicht – wahrscheinlich jedoch, hatte ich mir das in der Aufregung nur eingebildet.

Ich hatte das Ende erreicht. An der Stelle, an welcher ich mir ein kleines Loch in die Bretter geschlagen hatte um mich in den dahinter liegenden Raum zu zwängen, war auf eine besonders grobe Art die komplette Wand durchbrochen. Spitze Holzlatten standen steil hervor und zerbrochene Leisten lagen auf dem Boden verteilt. Manche der Fenster waren gesprungen und eines, welches eindeutig den schnellen Ausgang für IHN gebildet hatte, war komplett entrissen.

Bangend taumelte ich diesem entgegen um einen vorsichtigen Blick hinaus zu werfen.

Kreischende, ächtzende, schreiende – sämtliche verstörende Laute schallten zu mir hinauf. Ich waagte es kaum meinen Kopf aus der Öffnung zu strecken. Es dämmerte – nie zuvor dämmerte es auf dem Basar. Doch nun tat es das. Etwas wurde seiner Routine entrissen. Ich blickte hinter mich.

Wie beim letzten mal auch, war von dem Durchgang nichts mehr zu erkennen. Die Wand war von dieser Seite aus komplett verschlossen und ließ keinen Durchgang zum Tunnel zu.

Ein Schrei lies mich erschüttert auf die Knie fallen. Es ging mir wahrhaftig durch Mark und Bein, jenes Geräusch, welches ich eben zu hören bekommen hatte.

Es schauderte mir einen Gedanke daran zu verschwenden. Aber ich musste zu der Wahrsagerin. Zu ihrem Turm, um dem Bazar ein weiteres Mal in die Welt des Dougalls zu entkommen und ihm eine entgültige Falle zu stellen.

Ich ging zurück zum Fenster. Blickte hinaus.

Es traf mich wie ein Pfeil ins Herz.

Der Anblick ließ meine Finger zittern, meinen Schweiß sprudeln und mein Blut pulsieren.

Der Basar hatte sich einer Wendung unterlaufen. Einer tödlichen Wendung. Von den Händlern war keine Spur mehr – auf jeden Fall keine lebendige. Teils erkannte ich ihre Köpfe, gehäuft in ihren einstigen Körben.

Die Albträume, welche sie noch zuvor beherbergten waren frei. Sie keuchten und fleuchten auf dem Platz umher, tummelten sich in rießigen Schaaren und gaben erschütternde Laute von sich, wei man sie nie sich hätte vorstellen können. Zweibeiner mit Krokodilsköpfen, wilde Raubtiere, Fabelwesen aus gesehenen Filmen und sprechende Puppen. Alles erdenkliche was sich in meinen Erinnerungen als erschreckend und verängstigend eingeprägt hatte, lief nun mit mir auf Augenhöhe umher.

Der Turm war gut erkenntlich auf der anderen Seite des Basars. Ich müsste ihn überqueren, um dorthin zu gelangen. Das war der einzige Weg, womöglich der Schrecklichste meines vielleicht kurzen Lebens.

Und ob die Wahrsagerin noch lebte? Darüber war ich mir bei bestem Willen nicht sicher. Aber ich musste dorthin – um selbst wieder leben zu können!

Die Magd

Die Magd, die wunderhübsche Magd. Sie saß dort, jeden einzelnen Tag auf dem Holzpflock unter dem Fenster des Apothekers, flechtete ihre Körbe und strich sich durchs Haar. Ich kaufte immer die frischen, grünen Äpfel beim jungen Bronuld am Stand gegenüber. Fett war der Junge, wie ein aus der Form geratenes Wiesel. Aber besonders schlimm war, dass er seine Augen nicht von ihr lassen konnte. Ständig starrte er sie an. Sein gefrorener, dreckiger Blick bohrte sich tief in die Brust der jungen Frau, deren gläserne Augen so bezaubernd im morgendlichen Sonnenschein leuchteten.

Der Anblick des Spektakels erzürnte mich jeden Tag mehr. Sie waren so ungleich; ein Engel und ein mit dem Erzeugnis des Wohlstands vollgesaugtes Blutekel, deren Blicke sich umklammerten.

„Hör auf sie zu betrachten! Geh deiner armseligen Arbeit nach und schau sie nicht an!“

Es schoss aus mir heraus, wie das Gift einer Natter.

Die Stille legte sich wie ein fester Pelzmantel über den Markt. Sie verschlung das Wort eines jeden und zwang die Masse dazu, mit ihren Blicken die Situation zu argumentieren. Gebannt starrte das bäuerliche Gefolge auf die im Lichte gleisende Klinge meines gezückten Dolches. Die Spitze der Waffe dehnte die Haut, welche den Kehlkopf Bronulds überdeckte.

„Dir gefallen ihre hübschen, braunen Locken, nicht wahr? Sie imponieren dir, deiner Fantasie. Weißt du Bronuld“, seine Glieder bebten unter den prall mit Adrenalin durchflossenen Adern „Du wirst sie nicht haben können. Ein Toter kann nicht begehren!“

Sein Schrei nach Vergebung ertrank in einem Schwall aus Blut, welcher aus dem Schlitz in seinem Hals meinen Arm hinunterlief.

Schmähend blickte ich hinter mich. Meine Blicke durchforsteten die erstarrte Menschenmasse auf dem kleinen Vorplatz. Die Magd, sie war verschwunden. Eine Blutlache zog sich von ihrem Holzpflock aus durch die Menschenmenge, schlängelte sich zwischen Beinen und Stöcken hindurch. Wie gebannt folgten meine zittrigen Blicke der rot-braunen Spur.

Sie endete, bei den Obstkörben hindurch, unter den klumpigen Blutstropfen Bronulds. Meine dunklen Pupillen weiteten sich. Ich riss meine Klinge verängstigt aus seinem Fleisch. Mit beiden Händen hielt ich den leblosen Körper des korpulenten Mannes und blickte ihm tief in die von Schmerz gezeichneten Augen. Da war etwas, ein Flackern, ein Zucken in seiner Iris. Ein grüner Blitz, so klein wie er nicht mehr hätte sein können.

„Er war ein einfacher Bauernsohn. Du hälst dich für den Handlanger der Majestät? Du bist ein Metzger. Und gleich bist du es gewesen!“

Ich wagte es nicht auszuweichen, als das teuflische Wesen dem leblosen Körper Bronulds entfuhr. Arme schossen aus seiner Brust und seinem Gesicht enthob sich ein neues. Fingernägel bohrten sich in meine Wangen, schoben mich auf Distanz und liesen mich die Erscheinung im ganzen betrachten.

Es war die Magd, entblöst wie man sie geschaffen hatte, breitbeinig über dem rießigen Körper Bronulds stehen. Ihre eisig blauen Augen starrten wie die eines Wiedergeborenen zu mir und wie ein wildes Tier, fletschte sie die Zähne. Die Umrisse des schlanken, gar knochigen Gesichts des bildhübschen Teufels näherten sich mir. Kein Mensch rührte sich.

„Habe keine Angst. Ich bin nicht die Person welche dir schaden wird. Genieße deinen Albtraum, es wird dein letzter sein.“

Bronulds Blut begann sich zu sammeln. Es verklumpte mit dem Dreck des Bodens und Floss mir entgegen. Langsam kroch es wie die Haut einer Schlange meine Beine hinauf, umschlang meine Hüften und umfloss meine Gelenke, hinauf zu den Löchern in meinen Wangen. Ich spürte den festen Druck ihrer dünnen Finger, welche meine Lippen geschlossen hielten, während die dreckige Masse meinen Gaumen hinablief.

Ein unwohles Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, als ich merkte, wie meine Körpermaße sich zu dehnen begannen.

Die glänzenden Umrisse von Sir Norring rissen mich aus meinen Gedanken. Wie gebannt musste ich auf die wunderhübsche junge Magd gegenüber gestarrt haben. Sie erinnerte mich an jemanden, doch mir fiel bei bestem Willen nicht ein, wer es sein könnte.

Meine speckigen Unterarme griffen nach dem Obstkorb.

Wie jeden Tag kam Sir Norring, um die frischen, grünen Äpfel zu kaufen.

Rote Rosen

Es war einmal eine alte, arme und dennoch sehr gutmütige Witwe. Sie hatte drei Töchter welche im Dorf als die drei Frühlingssprossen bekannt waren. Trotz ihres jeweiligen Altersunterschiedes war es so geschehen, dass sie allesamt in der Blütezeit des Jahres geboren worden waren. Die Mädchen waren wundervoll und mussten sich keiner Schuld bekunden. Ein Jeder im Dorf mochte sie; die älteste, groß gewachsene Lua mit ihrem sommerblonden Haar welches sie meist vom Wind über ihre kantigen Wangenknochen streichen lies. Lia, die mittlere der drei Töchter, mit ihrem wohligen Lächeln, schlanken Beinen und den düsteren Augen deren Tönung sich den Kastanienbraunen Haaren anpasste. Und zuletzt auch die jüngste der drei, Lora. Das kleine unerfahrene Mädchen mit einem solch aufgeweckten Gemüt wie es ihr keiner nachzuahmen pflegte. Sie sprach und sprang, las und sang. Es war ein wahres Vergnügen der jungen Brünette mit ihren schulterlangen Locken bei ihren Erlebnissen zuzusehen.

Nun ereignete es sich wie jedes Jahr, dass die Geburtstage der drei vor der Tür standen und die Mutter nicht recht wusste, wie sie ihnen eine Freude hätte bereiten können. Es war der zur Volljährigkeit überleitende, achtzehnte Geburtstag der Großen und das erste Mal, dass sie einen Wunsch äußerte. “Mutter, nichts wünsche ich mir mehr, als einmal eine Rose aus dem Garten der lieben Frau Lubé zu erhalten. Es sind die einzigen die hier gedeihen, sie sind wunderschön und ich werde besonders auf sie acht geben.”

Die Freude der alten Frau über einen geäußerten Wunsch war schon bald nach Beendigung des Satzes verflogen. Wohl wahr, gab es keine schöneren Rosen weit und breit als die der guten Frau Lubé, jedoch hatte dies auch seinen Preis. Nicht umsonst war die Dame eine der wohlhabendsten Dorfbewohnerinnen, nirgendwo sonst wuchsen rote Rosen in dieser Gegend. Männer kauften sie für ihre Frauen, alte Leute für die Gräber ihrer Verstorbenen und junge Paare für ihre Hochzeiten. Nie hatte jemand erfahren, wie es der Französin möglich war, die Blumen so wunderschön und groß gedeihen zu lassen.

Es kostete die Witwe das gesamte beiseite gelegte Geld, welches sie für den Geburtstag der großen angespart hatte. Mit einer behutsam verpackten Roten Rose kam sie am Abend vor dem Geburtstag zurück zum Haus der Familie.

Es lag ein wenig abseits des Ortes. Ein kleines, hölzernes Gebäude mit steinernem Fundament, schief und alt aber dennoch ein wohliger Platz für die vier. Drei Fichten umgaben das Grundstück, jede für je eine der Töchter gepflanzt. Manchmal konnte man sie nachts flüstern hören, es war das Rascheln und Knacken der Nadeln welches die Bäume kommunizieren lies.

Das Haus betreten, huschte die alte Mutter die hölzernen Stufen hinauf und platzierte das glänzend rote Blumenwerk in einer verzierten, schlanken Vase auf dem Nachttisch der Tochter. Freudig ließ sie ihre müden Blicke durch das Zimmer tanzen. Groß war Lua geworden, einen Freund und Gatten würde sie wohl bald finden und dann auch Kinder bekommen. Ihre Enkelkinder. Dass sie das noch erleben dürfte. Behutsam schlich sie sich rücklings aus dem Zimmer hinaus und lies die Tür angelehnt.

Es war mitten in der Nacht. Ein schmerzlicher Schrei erklang. Dann war es still. Niemand hatte es gehört, niemand war erwacht, niemand sah nach, was geschehen war.

Erst am nächsten Morgen, das Entsetzen stand der jüngsten ins Gesicht geschrieben. Kreidebleich stand sie im Türrahmen des Schlafzimmers und starrte Wortlos ihre Mutter an. “Was ist los mein Kind, Lora, was ist geschehen?”, versuchte die Mutter sich zu erkundigen. “Schau selbst!”, zischte es durch ihre zitternden Zähne. Sie schoss davon, vorbei an der Küche, in welcher bereits die kleine Torte stand, welche Ludwig der kleinwüchsige und etwas korpulente Konditor so herzlich gebacken hatte. Lora schoss die Treppe nach oben, den kurzen Gang entlang zu Luas Zimmer und verharrte dort in derselben Starre wie einige Momente zuvor schon. Keuchend kam die Mutter hinterdrein, warf hastig einen Blick in das kleine Zimmer und brach weinend zusammen. Es war ein grausamer Anblick der sich den Frauen bot: Da lag die hübsche Lua mit von schlimmen Schrecken verzerrten Gesicht auf ihrer kleinen Matratze. Ihr Rücken war steif gebogen als hätte sie sich wehren wollen gegen was auch immer sie am Hals gepackt hatte. Wie die Markung eines Raubtiers, zeichnete sich eine ovale Schnittwunde an der rechten, zur Türe gekehrten Seite des Halses. Ein kleiner getrockneter Blutstropfen war das letzte, was ihr von dem roten Lebenstrank noch geblieben war. Kreidebleich war sie, keine Ader war zu erkennen, kein Lebenszeichen zu sehen. Wie ausgepresst lag sie da, und auf ihrer Brust, eine schwarze Rose.

Aus dem Geburtstag wurde eine Trauerfeier und aus der erhofften Hochzeit eine Beerdigung. Die ganze Stadt war gekommen, jeder der Lua kannte oder gute Bekanntschaft mit ihr hatte machen dürfen. Auf dem Sarg, eine Rote Rose. Frau Lubé hatte sie aus Mitleidsbekundung und Unwissen über die unerklärliche Verfärbung gespendet.

Es rumorte unter den Gästen, wie kam es zu dem Tod, wer hatte der jungen Frau nach dem Leben getrachtet. Man wurde sich nicht einig, Geschichten entstanden und färbten ihre Vielfalt. Mord eines unbekannten Liebhabers, Angriff eines hungrigen wilden Tieres, Fledermausmenschen und gar Selbstmord waren Teile der Vermutungen. Doch die Gemeinschaft wurde sich nicht einig.

So kam es, dass man das schreckliche Geschehen, trotz des wertvollen Verlustes schon bald vergaß.

“Ich habe denselben Wunsch Mutter, ich möchte auch gerne eine Rote Rose haben. So wie sie Lua gerne an ihrem Geburtstag gesehen hätte.”, verkündete Lia entschlossen ihren Wunsch.

Die Mutter wollte Diesen zumindest Lia erfüllen können und einen schönen sechzehnten Geburtstag bescheren. So machte sie sich wieder auf zu der Rosenverkäuferin. Wie immer blühten ihre romantischen Gewächse wie kleine Wunderwerke. Saftig getränkte, dunkle Erde überdeckte die zarten Wurzeln der Pflanzen. Geübt schnitt Frau Lubé einen Halm durch und reichte wenig später der Mutter die gut verpackte Rote Rose. “Bewahren Sie sie besser über die Nacht im Garten auf, ich bin mir nicht sicher, ob meinen Schnittblumen die dunkle Nacht ohne natürliche Frische bekommt.”, gab die Verkäuferin ihr mit auf den Weg. Die Dame bedankte sich nickend und machte sich auf den Rückweg nach Hause. Dort angekommen, lehnte sie das filigrane Paket unter der Treppe im Gras an das feuchte Gemäuer.

Kein Auge tat die Mutter zu, die ganze Nacht über lag sie wach, horchte, bangte dass ihren Töchtern nichts zustoßen möge und schreckte bei jedem kleinen Laut auf.

Das Krähen des Hahns deutete die frühen Morgenstunden an. Die Nacht war überstanden. Wie mit jung gewordenem Körper sprang die besorgte Mutter die Stufen hinauf zu ihren Töchtern. Beide waren sie wohlauf, umarmten die alte Frau und freuten sich über Lias Geburtstag.

Es war eine wunderbare Feier, die Rote Rose zierte den gut gedeckten Esstisch und Freunde und Verwandte waren gekommen, um mit der kleinen Familie zu feiern. Bis in die späten Abendstunden hinein aßen und tranken sie alle, amüsierten sich und freuten sich über das Leben.

Am nächsten Morgen war Lia tot.

Das gleiche Schicksal war ihr widerfahren, wie auch ihrer Schwester. Ein schlaffer und leerer Körper, wenn nicht gar vielmehr die Hülle eines Körpers war es, was die kleine Lora am Morgen vorfand. Auf dem Brustkorb, eine schwarze Rose. Der alte Berthold kam wieder herbeigeeilt, ein weiteres Mal zu oft, wie es Lora formulierte. Er war der einzige mit den Künsten der Medizin belehrte Mensch im Umkreis. Ihre Mutter war mit den Nerven hinüber. Wie erstarrt saß sie gebeugt auf einem der Schemel und starrte die blanke Wand des Flurs an. Wer tat ihr nur solche Schmerzen an, wie kam es zu einem solchen Vergehen und was hatten ihre Töchter nur getan um sich ein solches Leid einzufangen.

Lora ging es weniger bedrückt, als vielmehr verwundert. Erschrocken verwundert über die Vorkommnisse. Sie würde die nächste sein, wenn sich das so fortsetzen sollte. Unter keinen Umständen wollte sie, dass es so weit kommen könnte. Sie zog sich zurück und durchdachte das erlebte. Es schien irreal, verzaubert, aber von dunkler Kraft. Ein Tier mag es wohl kaum gewesen sein, man hätte Spuren eines solch großen Tieres sehen müssen, das imstande war einen Mensch zu erlegen. Magie spielte hier nach Loras Ansicht eine Rolle, düstere, unkontrollierte Magie die ohne Herr und Schöpfer sich ihre Opfer zu ersuchen vermochte.

Lora legte sich schnell auf diesen Gedankengang fest. Noch am selben Tag schnappte sie sich die verfärbte Rose und sprang in Richtung Ortsmitte. Lora wollte zu Demias. Er war die wahrscheinlich einzige Person, welche Licht ins Dunkle um die beiden unvorhersehbaren Tode ihrer Schwestern bringen könnte.

Lora steuerte stur auf den kleinen Kirchturm zu. Die Hintertür war allzeit geöffnet da der alte Pfarrer meist seine Schlüssel vergaß und dann nicht zum Gottesdienst läuten konnte. Für Lora bedeutete das eine ungefährliche Möglichkeit, zu Demias zu gelangen. Er hauste meist in Rabenform unter der großen, massiven Turmglocke.

Es war eine Anstrengung wenn nicht sogar Zumutung die vielen engen Stufen hinaufzusteigen, doch es gelang ihr und schon bald erblickte sie den Raben, wessen weißer dünner Strich sich vom Schnabel bis zum Schwanzende des zog und so den Zauberer von einem regulären Tier unterschied.

“Ich habe es versucht Lora”, erschrak er sie durch sein abruptes Anreden. “Nach dem Tod von Lua, war ich schon skeptisch. Schon einmal hatte ich von einem solchen Hergang gehört. Ich wachte die ganze Woche über in den Fichten vor eurem Haus. Beobachtete Lia bei was sie auch tat. Doch trotzdem kam ich zu spät. Alsbald ich den ihren Aufschrei in der Nacht hörte und in das Zimmer spähte, war es bereits geschehen. Die Rose verfärbt und deine Schwester tot.”

“Aber was soll ich nun tun? Ich bin die nächste in der Reihe. Ich werde sterben!”

Demias starrte mit seinen kleinen schwarzen Augen in die verbitterten Loras’. “Nein, das wirst du nicht. Ich sage dir was du tun wirst. Solange du wachsam bist mein Kind, kann niemandem etwas geschehen. Ich spüre die Nähe eines Wesens. Ich weiß nicht was für eines es ist, aber es lebt in dieser Stadt. Womöglich kennt es sein eigen Schicksal nicht.”

Es war der Abend vor Loras vierzehnten Geburtstags. Mutter schlief bereits als Lora aus dem knarzenden Bett kroch und die Treppe hinabschlich. Wie erwartet hatte sie auch für die jüngste eine Rose besorgt, welche wieder unter der Treppe deponiert war. Lora schnappte sich eine Vase, stellte die Rose hinein und nahm sie mit in ihr Zimmer.

Mit weit geöffneten Augen legte sie sich ruhig auf die Seite und schaute hinüber zu der mittlerweile beängstigenden Pflanze.

Einige Zeit verging und die Müdigkeit drängte sich in die Augen des jungen Mädchens. Tapfer hielt sie sich wach und wurde schon bald mit einem Schrecken belohnt.

Ein Schatten zuckte in der Dunkelheit, es war der Schatten der Rose. Wie von Zauberhand begann sie plötzlich zu wachsen. Stieg wie ein schlangenartiges Monster der Zimmerdecke entgegen. Die Blütenblätter öffneten sich und brachten ein erschreckendes Bild zum Vorschein. Aus gehärtetem Wurzelwerk hatte sich in der Blüte eine Art Gebiss, kleine scharfe Zähne gebildet. Ehe Lora die Szene realisierte, von welcher sie ungewollt Teil wurde, schoss die Blüte wie ein Greifvogel auf Beutejagd ihr entgegen.

Im letzten Moment gelang es ihr, zu dem bereitgelegten Küchenmesser zu greifen. Mit von Angst gestärkter Wucht ließ sie die Klinge durch die Blüte schnellen und teilte sie in zwei. Schockiert saß Lora auf ihrer Bettkante. Demias kam durch das offene Fenster ins Zimmer geflogen und verwandelte sich auf der grauen Matratze zu seiner menschlichen, freundlich jungen Herrengestalt. Er nahm die erschrockene Loa in den Arm, wiegte sie auf seinem Schoß und wartete mit ihr, bis die Sonne mit ihren hellen Strahlen den neuen Tag erweckte.

Schon bald kam die von Angst gezeichnete Mutter die Treppe hinaufgeschossen. Sie hatte die Rose unter der Treppe nicht finden können und vermutete Lora als ebenfalls tot. Umso größer war ihre Freude, über das quicklebendige Mädchen, welches neben der zerschnittenen Pflanze auf dem Bett saß und einem kleinen Raben einige Brotkrümel auf die Fensterbank streute.

Mit tränenden Augen umschlang die alte Frau ihre Tochter. Gratulierte ihr und dankte, dass sie am Leben war.

Zusammen mit Berthold und dem Botaniker Gesellen Emil, machten sich Mutter und Tochter noch vor der Feier auf, die mutierte Pflanze Frau Lubé zu präsentieren. Doch was sie vorfanden, war unerwartet verstörend und beängstigend zugleich. Demias kam ihnen aus dem kleinen Geschäft entgegen, riet allen, bis auf Berthold davon ab es zu betreten, doch erntete mit der Bitte keinen Erfolg. Der Laden war gespeißt von einem sauren Geruch, stechend und ungewohnt. Frau Lubé war nicht zu sehen, zuerst nicht. “Es ist hinten”, wies Demias den Weg. Vorsichtig tastete sich Berthold voran durch den engen Durchgang zum Gewächshaus. Er stieß einen dumpfen Schrei aus, als er sah, was sich vor ihm aufbot.

Frau Lubé lag inmitten des großen Rosenbeetes, ihr Kopf war sauber in zwei Hälften gespalten, das Blut floss heraus, mitten in das Beet.

In jenem Bereich wuchsen die Rosen größer und röter als alles andere, sie leuchteten beinahe, so kräftig waren ihre Farben.

Lora warf einen Blick auf ihre geteilte Rose, danach auf Frau Lubé.

“Sie trug keine Schuld, ein wilder Zauber hatte sie befallen”, kam eine versuchte Besänftigung von Demias.

Man hätte sich einbilden können, die Blumen pulsierten ein Wenig, während sie die Rote Lache in sich aufsaugten.

Kleine Welt

Es war früh am Morgen. Langsam erhob sich die Sonne aus ihrem dunklen Wolkenbett und lies ihre Strahlen über die verschlafene kleine Welt scheinen. Sie war noch jung, frisch entstanden, erstrahlte jedoch wunderschön glänzend im gleisenden Licht. Die Konturen der kleinen Fassaden der Welt verschwammen in seichtem Einklang mit dem bleichen, herbstlichen Morgenhimmel. Ein kleines entfärbtes Laubblatt schaukelte sich durch die Luft und landete behutsam auf der Außenwand des neobarocken Kinogebäudes. In großen Lettern war der Titel der aktuellen Vorstellung in die Zeilen der großen Tafel gefügt. Ein Lichtschimmer umrahmte die Buchstaben und lenkte von den rostigen Konturen der kleinen Zeichen ab. Ein alter Herr mit vollem Bart und dicken Bauch taumelte der edlen Flügeltür des Gebäudes entgegen. Rasselnd angelte seine Hand einen großen Schlüsselbund aus der Seitentasche seiner Pelzweste. Gemächlich schloss er die Türe auf und betrat den weiten Flur.

Die Straße der kleinen Welt füllte sich, geschäftliches Treiben erweckte die wenigen Läden und Menschen marschierten ihre Wege entlang. Kleine Tierchen krabbelten vorsichtig den Rand entlang und eine Amsel erquickte sich am lebhaften Trank der kleinen Welt. Ein Rosenblatt fiel ihr entgegen und erzeugte eine besänftigende Schwingung, welche unter der nun früh mittäglichen Sonne die Welt hatte erstrahlen lassen. Es entfloh einem Rosenstrauß der einem überglücklichen jungen Mann gehörte, welcher zu Gast war und aus dem Stande heraus ein paar flüchtige Blicke durch die kleine Welt schweifen ließ, wobei er sich immer wieder durch die gepflegte Haartolle strich. Er winkte, und einen kurzen Moment darauf sprang ihm ein blonder Engel in die Arme. Sie sprang freudig mitten hinein in die Welt und der Tanz der beiden mischte das kleine Stadtbild kunstvoll auf. Es beruhigte sich erst wieder als das Paar sie wieder verlassen hatte. Die kleine Welt war geschrumpft. Es kostete sie eine Menge Lebensenergie, Lebewesen in sich aufzunehmen. Sie war nur klein und unscheinbar im Vergleich zu den Großen auf dem weiten Lande.

Es war Nachmittag geworden, die Sonne hatte sich durch die morgendlichen Wolkenwände kämpfen können und stand nun senkrecht am Himmel. Das junge Paar kehrte für eine letzte Szene wieder. Der Kerl hatte zwei graue Kärtchen in den Händen und wedelte damit vor der strahlenden Dame umher. Sie fiel ihm um den Hals, schwang ihre Beine in die Höhe und wie ein Kreisel wirbelten die beiden umher. Amüsiert öffnete hinter ihnen der korpulente Kinobesitzer eine der dunklen Türen. Mit einem Knarzen schwang sie auf. Ein verbeugender Handschwung des Herren deutete den beiden, dass sie hereinkommen könnten. Sie kamen ihm entgegen, er entwertete die Karten und gefolgt von vielen anderen betrat das Paar den Eingang und verschwand schon bald im dunklen Innenraum.

Der Glanz der kleinen Welt war verschwunden, sie hatte keine Konturen mehr, bestand nur noch aus dunklen Flecken auf dem Grund einer großen Szenerie.

Wolken hatten sich gebildet, die Sonne näherte sich dem Horizont, die Pfütze war vertrocknet.

Lena

Wir saßen am Esstisch, aßen zu abend. Die Rollos waren herabgelassen und die düstere Stimmung umschlung mich mit einem melancholischen Schleier. Zum zweiten Mal die Woche gab es Ratatoulli. Das Gericht mag eine geschmackliche Vielfalt ohnesgleichen sein, jedoch nicht wenn man es zum abertsten Male die Woche aufgetischt bekam. Mutter hatte zu viel für eine selten zusammenkommende Familie gekocht, war immer zu optimistisch bei der Wochenplanung und zu großzügig bei der Zubereitung. Parallel zwangen wir uns die persönlichen Wochenberichte auf und stocherten in dem wiederaufgewärmten Essen herum. Vater hatte wohl zum abertsten Male dieses unangenehme Gespräch mit seinem Abteilungsleiter. Ein wiedergeborenes Wesen der Unterwelt, wie er ihn schimpfte – er beschwerte sich über nicht bearbeitete Auftraggeberprobleme. Es war immer dasselbe. Seitens meiner Mutter war es nicht besser. Ich wollte garnicht zuhören als sie erzählte, wie sie zum schon wieder den Beichtstuhl ausfegen musste da der werte Herr Pfarrer die Kunst des Schuhe Abputzens nicht zu beherrschen wusste. Er war mir allgemein nicht sonderlich sympathisch, ein Unmensch im Umgang mit anderen und das Sprechen war auch keine göttliche Gabe die ihm gegeben war. Was ich zu erzählen hatte war in verhältnismäßig wenigen Sätzen angebracht. Ich hatte die Woche über in meinem Zimmer am Schreibtisch gesessen, gelesen und ab und an eine Partie Schach mit dem berüchtigten Gegner, meiner selbst, gespielt. Ich war an den Rollstuhl gebunden, seit Geburt an konnte ich meine Beine nicht bewegen. Viel mit mir anzufangen wusste ich in den Ferien nicht.

Bei meiner kleinen Schwester wurde die Erzählung jedoch interessant. Sie war zehn Jahre jung und ihr Name ist Mona. Sie räusperte sich sachte, legte ihr kleines Besteck beiseite und schaute erwartungsvoll in die Runde, als würde sie etwas wichtiges verkünden wollen. Mona berichtete, dass sie eine neue Freundin habe. Freudig sprach sie von der Glückseligkeit der uns Unbekannten und dass sie meist zusammen Kekse aßen und Verstecke spielten. Meine Mutter nickte befürwortend, ein schwaches Lächeln zog sich über ihre trockenen Mundwinkel. „Es freut uns sehr, dass du so schön mit deinen Sachen spielst meine Kleine.“, kam es von Vater. Beide waren offensichtlich desinteressiert an der Tatsache, dass Mona das Ganze mit einer besonderen Überzeugung erzählte und durch ihre kleine Nase anschließend erleichtert ausatmete. Wie eine Last die von ihr abfiel.

Es war dunkel, ein Lichtschimmer weckte mich aus meinem traumlosen Schlaf. Die Tür meines kleinen Zimmers war einen Spalt weit geöffnet und gewährte mir einen flüchtigen Blick auf den hölzernen Flur. Wenige Minuten waren es, bis die Uhr zwei Uhr schlagen würde. Ich stand auf, zog mir ein Paar Strümpfe über und erhob mich von der Bettkante. Mit wackeligen Schritten taumelte ich der Tür entgegen und öffnete sie. Ein langer Lichtstreifen zog sich durch den Flur, dem Zimmer meiner Schwester entgegen. Unsicher stapfte ich dessen Tür entgegen. Die beleuchteten Holzdielen knarzten wie gequält unter meinen Sohlen. Die Türe zu Monas Raum stand weit offen so dass es mir möglich war einen vorsichtigen Blick um den Türrahmen zu werfen. Eine einschüchternde Atmosphäre hatte den Raum gefüllt. Die kleine Deckenleuchte strahlte hell und erzeugte schmale leuchtende Umrisse, jedoch waren die restlichen Bereiche des Zimmers düster und liesen keinerlei Anschein dessen, von einer Lampe erhellt zu sein. Mona schien keine Notiz von mir zu nehmen trotz dessen, dass ich mittlerweile offensichtlich auf der Türschwelle stand. Rücksichtslos steuerte ich auf die Mitte des Raumes zu um die eigenartige Leuchte genauer unter Augenschein zu nehmen. Während ich mich nährte vernahm ich ein ruhiges Rieseln oder viel eher Prasseln. Desto näher ich der Lichtquelle kam desto lauter wurde auch das eigenartige Geräusch. Dann sah ich es! Kleine Krümel, winzige Teile von irgeneinem Süßgebäck. Ich ersuchte durch das nähere betrachten mir Klarheit zu verschaffen zu können, formte meine Hand zu einer Schalenform und hob sie unter die Lampe. „Bitte tu‘ ihm nichts, Lena! Er wusste nichts davon. Ich habe ihm nichts gesagt.“ Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter. Mein Blut gefror förmlich in den Adern. Mein Blick erstarrte und ich wagte es nicht, auch nur eine Wimper zucken zu lassen. Wie ein Hilfeschrei kamen die beiden Sätze aus meiner Schwester geschossen. Sie starrte angebannt hinter mich. In die Richtung, aus welcher plötzlich knorrige Laute zu vernehmen waren.

„Albtraum und Gewissen im Schlechten vereint, auch wenn die Jüngste im Raum hier nicht weint. Hab trotzdem Respekt, und seh mich nun an, auf dass ich dir Mut und Gewissheit nehmen kann.“

Meine Glieder zitterten, meine Zähne drohten meine Zunge vor Schaudern zu zerbeisen. Eine krächzende und zittrige helle Stimme war es die zu mir gesprochen hatte, zumindest vermutete ich mich als Adressaten jener Worte. Denn außer meiner Selbst vernahm ich keine weitere Person, welche mit dem Rücken zum Eingang gekehrt war.

In einer zähen Drehung kehrte ich mich in Richtung des riesigen Schrankes, von welchem ich wusste, dass er dort neben der Tür stand. Bedacht senkte ich meinen Blick in der Hoffnung, meinen Schrecken nicht noch zu verschlimmern. Den nun gerade verlaufenden Dielen entnahm ich, dass ich mich nun genau auf den Schrank gerichtet haben musste. Das Knirschen von Zähnen war zu hören und verleitete mich dazu aufzuschauen.

Es war kein Anblick des Schreckens welchen es mir auftat. Es war ein Bild das sich mir als verstörend einprägen würde. Eine Figur in einer Szenerie, wie sie sich ein irrer nicht besser hätte ausdenken können. Leere ovale Augen starrten mich mit ihren nachtschwarzen Pupillen an. Sie stachen wie Stiele aus dem kreidebleichen Gesicht hervor und bohrten sich in mein Gewissen. Die Ohren der Gestalt, welche ich als eine Frau einschätzte wegen ihres markant weiblichen Körperbaus und nicht zuletzt aufgrund des Namensausrufs seitens meiner Schwester, waren spitz und groß wie die einer Fledermaus. Sie stand leicht nach vorne gebeugt in dem großen, zuvor leeren Kleiderschrank, dessen Barocker Stil die Situation auch nicht verharmlosen konnte. Es war genau die Art eines Schrankes, in welchem man seine Albträume immer vernommen hatte wiederzutreffen. Und nun, stand ein nie geträumter in voller Größe da. Umgeben von verstaubten Spinnweben und abgestorbenen Insekten. Doch das schlimmste an ihr waren die Haare, manch einer würde vielleicht sagen, sie gleiche schlichtweg der Figur des Struppelpeters aus dem gleichnamigen Märchen. Es war schlimmer. Schrecklich lange verklebte Haare standen tiefschwarz von ihrer Kopfhaut ab. Wie spitze, bissige Zähne bohrten sie sich in das luftige Nichts über der Gestalt. Sie schien mir alles gesagt zu haben. Kein laut verließ mehr ihre Lippen. Nur das Knirschen der Zähne und das prasseln der Krümel durchbrach die Stille.

Sie starrte mich einen Augenblick lang mit entstellten Gesichtszügen an ehe sie plötzlich unkontrolliert auf mich zuschoss und mich am Arm packte.

Ich fuhr hoch. Verwirrt starrte ich in die Runde der mich anlächelnden Gesichter meiner Familie. Die Sonne schien in das freundliche, helle Esszimmer und man konnte einige Drosseln ihre Lieder trällern hören. „Möchtest du noch ein wenig Pudding mein Schatz?“, fragte Mutter. Die kleine und etwas stabiler gebaute Frau mit den grauen schulterlangen Haaren reichte mir lächelnd die Schale. „Ich habe heute Urlaub beantragt und es sieht gut aus.“, erzählte Vater – „Der Auftraggeber ist wie immer höchst zufrieden mit unserer Leistung!“ Ich griff an die Seiten meines Stuhls. Er hatte keine Räder, es war ein ganz normaler Stuhl. Ich schaute Mona an. Strahlend schaufelte sie sich eine Ladung Pudding in den Mund und grinste mich dabei an. „Mona hat Lena heute zu uns eingeladen, sie ist neu in ihrer Klasse. Könntst du später auf die beiden aufpassen während Vater und ich ein paar Besorgungen machen?“, fragte mich Mutter. Ich legte unentschlossen mein Besteck nieder. Dabei viel mein Blick auf meinen Unterarm. Zwei große lange Kratzer zogen sich vom Handballen aus bis hin zum Ellenbogen. Die Kratzer waren schwarz, Pechschwarz.

Mona schielte grinsend zu mir hinüber.

Kalter Schweiß perlte von meiner Stirn.

Das Sörp

Ein Scharren, ein Ziehen, ein lautes Pfeiffen. Der Höllenschlund hatte sich wieder geöffnet. Langsam zog er sich über die weite ebene Fläche zwischen den markanten und immer anderen Höhen der kleinen Welt. Er sog alles in sich, was nicht groß oder stark genug war sich zu wehren oder davonzukommen. Vorsichtig ließ sich das Sörp auf dem neuen Versorgungsrand nieder. Der Bottich war heute gut gefüllt und man musste nicht in die klebrige Masse steigen. Langsam schlürfte es das rote Elexier in seinen Mundraum und betrachtete nebenbei aufmerksam die raue Umgebung. Das kalte Portal war wieder offen, es war eine ebenso teuflische Sache wie auch der Höllenschlund. Entweder ergriff man seine Chance direkt wenn es sich öffnete oder man prallte schmerzvoll dagegen und holte sich schlimme Verletzungen. Gefahren gab es in jeder Hinsicht genug, nicht abzusehen von den festen Netzen welche zu unbestimmten Zeitpunkten aus dem Nichts erschienen. Jedoch war es ein erfülltes Leben für das Sörp. Man war immer bedient mit Unterhaltung und Nahrung und das in vielfältigster Weiße. Morgens gab es meist einen gut gesüßten Sirup, welcher half nach der anstrengenden Nacht, in der man sich zuerst auf den Leuchtflächen vergnügte und danach einen Schlafplatz ohne Kneifer suchen musste, wieder neue Energie zu tanken. Die Sörps lebten in diesem wohligen Umfeld besser als so manch andere Rasse. Sie hatten sich gut eingelebt und die Gefahren erkannt. Das einzelne Sörp gehörte sogar zu den Erkundern. Sie schwärmten Täglich in kleinen Gruppen aus und kundschafteten die vielen Täler und Hürden aus, im Interesse dessen, möglichst viel zu erfahren in ihrer kurzen Zeit. Wahrlich war ihre Lebenserwartung abgesehen von den oftmals auftretenden Unglücken deutlich höher, als die eines wilden Sörps. Allerdings war ihre Art immernoch in einem frühen Stadium der Evolution, wie es die Woocher zu sagen pflegten. Woocher waren die ältesten einer Gruppe Sörps, sie waren erfahren, wussten über alles bescheid und hatten bereits viele Sörps zur Welt gebracht. Sie belehrten die jungen in den ersten Momenten und wiesen sie in ihre Aufgaben, Bedürfnisse und Pflichten ein. Alles weitere galt es stehts selbst zu erkunden. Das einsame Sörp hatte seine Mahlzeit genossen und starrte weiterhin gespannt dem Höllenschlund zu. Man konnte solche Momente genießen, war man nicht gerade in der Nähe eines solchen Monstrums. Solange der wütete waren nämlich die meisten anderen Gefahren wie ausgenockt. Das Sörp musste sich aufmachen, die Gelegenheit war gut und bot sich nicht oft. Es wollte herausfinden, was die Greifer mit all den Unglücken zu tun hatten. Übermittelt war nur, dass sie stehts in der Nähe von solch unguten Geschehnissen waren. Jedoch kam nie ein Sörp, welches Näheres erfahren hatte zurück, um es persönlich zu erzählen. Alle starben früher oder später bei dem Versuch. Das kleine Sörp wollte das erste sein, es war schnell und flink. Wendig genug um Greifern ausweichen zu können. Während einer derselben mit dem Höllenschlund beschäftigt war, welchen es bis eben beobachtet hatte, schlich sich das Sörp vorsichtig von hinten an. Es war ein weiter Flug, jedoch machbar und ungefährlich. Er führte an mehreren gesschlossenen Portalen entlang und auch an jenem Tal, in welchem sie gestern noch mit den Leuchtflächen gespielt hatten. Es kannte sich hier gut aus. Das Sörp stieg gen Himmel welcher in diesem Tal angenehm beige war und setze sich auf eine der drei Sonnen. Vorsichtig blickte es hinab, wischte sich den Dreck aus den Augen und machte die Flügel bereit für einen frontalen Anflug. Es war bereit, bereit wie nie zuvor. Vielleicht würde es selbst bald ein Woocher sein und den jungen von seinen Erfahrungen berichten können. Es sprang ab, steuerte auf den obrigen Teil des Greifers zu. Alles schien gut zu verlaufen, doch plötzlich geschah etwas unerwartetes. Der Greifer teilte den Hals des Höllenschlundes und richtete ihn den Sonnen entgegen. Ein plötzlicher Sog kam auf, das Sörp flatterte so gut es konnte. Es versuchte zur Seite zu schwenken, doch der Höllenschlund war zu mächtig. Es wurde ihm dunkel vor Augen, alles um das Sörp herum wirbelte, seine Flügel schmerzten. Es fiel dem Schlund entgegen. In seinem letzten Augenblick vernahm es ein Geräusch. Unkontrollierte Laute, welche aus dem Maul des Greifers ausgestoßen wurden. Der Hals des Höllenschlunds wackelte, während das Sörp in ihn hineingezogen wurde. Lachen, Lachen hatte ein Woocher diese laute einst beschrieben. Es war die Freude der Greifer, über ein besonderes Unglück.

Matopia – T.DREI

“Du willst sie sehen Moltron, habe ich Recht? Du willst wissen wer sie ist. Dann komm, ich werde dich aufklären. Komm ruhig zu uns, keiner wird dich aufhalten.” Moltron riss die Augen auf. Seine Blicke streiften durch den kahlen Raum. Jemand hatte zu ihm gesprochen, eine Stimme, welche ihm wohl vertraut war. Moltrons Glieder waren schwach, erschöpft und kraftlos. Vorsichtig richtete er sich auf und setzte sich auf die Bettkante. Erst jetzt realisierte er, dass es nicht die Stimme von Mitaka oder einem der anderen Teufel sein konnte, die ihn geweckt hatte. Vielmehr war es totenstill in dem alten Gebäude. Kein Laut war zu hören, nicht das Rauschen der See, nicht das Pfeifen des Windes. Moltron stand auf, ging zum Fenster und schaute durch das kalte, leicht beschlagene Glas. Seine Pupillen weiteten sich, als er einen kleinen dunklen Vogel in der Luft entdeckte, der sich nicht zu bewegen vermochte. Er war wie festgefroren in seiner Position. Ebenso war es mit dem Meer. Das aufgeschäumte Wasser einer Welle, welche gegen die Brandung schlug. Alles war fest in seiner Position und Haltung.
Moltron wich vom Fenster, versuchte zu realisieren, was um ihn herum geschah als ihm eine Besonderheit ins Auge stich. Die Tür zum Abgang war weit geöffnet und das Schloss entfernt.
Hastig zog er sich seine Sachen über und schlich sich an den Türrahmen heran. Gespannt lugte er die Stufen hinab. Es war dunkel, wie sonst auch. Man konnte die groben Umrisse des Teppenendes erkennen.
“Komm zu mir”, erschrak ihn die sanfte Stimme der Unbekannten aus der Dunkelheit – “Die Tür ist offen, hab keine Angst!” Wie besessen setzte Moltron einen Fuß vor den anderen und wankte schüchtern die Treppe hinab.
Er erreichte die Tür, welche ihm nur zu gut im Gewissen war. Allerdings fehlte das eingeschlagene Loch. Seine Hand griff den Knauf und drehte das Metall gegen den Uhrzeigersinn. Die Tür öffnete sich knarzend in einen dunklen Raum hinein in dessen Mitte eine wunderschöne hübsche Frau schüchtern ihre Arme verschränkte und mit gehobenen Blick zu Moltron blickte. Das kräftige Rot ihres Kleides leuchtete beinahe in der Dunkelheit. “Komm doch näher, ich beiße nicht.” Moltron konnte sich ein Lächeln nicht verdrängen: “Nein, wahrhaftig tust du das nicht, ich würde jedoch behaupten, dass du deine eigenen Methoden entwickelt hast um anderen zu schädigen.” Sie wurde still, antwortete nicht, war wie eingefroren. Mit kritischem Blick und kaltem Schweiß auf der Stirn starrte Moltron ihr in die Augen. Es dauerte nur wenige Sekunden, ein Lichtblitz – das Mädchen verschwand aus Moltrons Blickfeld, stattdessen schoss etwas von hinten an ihn heran und um umschlang seinen Hals. Er vernahm ein rauhes Röcheln, blickte an sich herab. Eine riesige graue Kralle zielte mit ihrer Spitze auf seinen Kehlkopf. Sie glich der eines übergroßen Vogels oder gar eines Drachens. Eine andere hielt seinen Hals so fest, sodass es ihm unmöglich war seinen Angreifer zu identifizieren.
“Was fällt dir ein!”, schrie die Stimme ihm ins Ohr. Es war nicht mehr die helle, freundliche Stimme, mit welcher er sich eben noch unterhalten durfte. Nein, es war jene kratzige und tiefe, welche ihn aus seinem Schlaf gerissen hatte. Matres Stimme.

FORTSETZUNG FOLGT

Matopia – T.ZWEI

Vorsichtig näherte Moltron sich der Tür. “Er ist da meine hübsche, wir haben ihn bis zur Schwelle gebracht. Du kannst loslegen!”, zischte Alnitaks Stimme aus dem Nichts. Moltron ballte gereizt die Fäuste. Eine sanfte Stimme ertönte: “Nana, nicht so boshaft mein Liebster. Leg’ sie lieber auf die Kante.” Es war eine weibliche Stimme, hell und klar. Moltron entblößte seinen Unterarm und legte seine Hand ruhig, mit dem Ballen nach oben gerichtet auf die schmale Kante des Türlochs. Unzählbar viele Narben überzogen seine Haut parallel der blauen Adern. “Nun leg schon los!”, keifte er der Tür entgegen. Nicht lange und etwas helles erschien im Dunkeln des Lochs. Eine bleiche, jedoch wunderschöne und sanfte Hand glitt durch die Öffnung. Die zarte Haut schimmerte beinahe ein wenig im Dämmerlicht des Abgangs. Die lange roten Fingernägel strichen über Moltrons Arm. “Wollen wir loslegen?”, fragte die Stimme – “Ich kann kaum noch warten.” Anstatt etwas zu antworten, richtete Moltron seinen Blick gen Decke und schloss die Augen. Unruhig zappelten die schlanken Finger der Unbekannten. Sie setzten spitz auf Höhe des Ellbogens an. In einem schnellen Akt ritzte sie mit den Nägeln den Unterarm auf. Blut schwall aus dem tiefen Schlitz. “Hol es dir, schnell, nimm es dir bevor es verfliest!”, keuchten die Stimmen der drei unsichtbaren Begleiter. “Nimm es auf und bring uns Matre wieder!” Die Damenhand umgriff fest den Unterarm. Die Finger klammerten sich fest wie der Kiefer eines Raubtiers es tun würde. Nun geschah es, das Blut Moltrons floss langsam über die Finger hinweg über die Hand und ummantelte den schlanken weiblichen Unterarm. Von dort aus verschwand das glänzend rote Lebenselexier in der Dunkelheit des Türlochs. Es dauerte nur wenige Momente, bis alles Blut verschwunden war. Der Griff löste sich und gefühlvoll strich der Zeigefinger über die Wunde hinweg. Wie durch Zauberhand heilte sich die Wunde und es hinterblieb nur eine dunkle Narbe. Seit Moltron in dem Haus auf dem Fels festgehalten wurde, musste er sich jeden Abend jenem Ritual unterziehen. Jeden Abend verlor er mehr und mehr Blut und wurde zusehends entkräftigt. Ein Zauber hielt ihm am Leben, nicht einmal Wasser war ihm gegönnt. Er wusste, wer er war, woher er kam, aber nicht, weshalb er nicht mehr dort war. Er wachte eines Morgens mit verschwommener Erinnerung in jenem einzigen Zimmer auf, welches er immer noch bezog. Geweckt von den Stimmen der drei unsichtbaren Teufel, wie er sie am Anfang zu nennen pflegte, ehe er ihre Stimmen zu unterscheiden wusste und ihnen die Namen der Gürtelsterne des Orion gab. Das einzige Sternzeichen, welches man von dem Dachfenster aus sehen konnte. Das einzige Licht, welches nachts den dunklen Raum erleuchtete. Ein Ende war nicht abzusehen, außer das eine unumgängliche, der Tot. Und mit jedem Blutopfer rückte er näher.

Fortsetzung folgt …

Matopia – T.EINS

“Matre schläft schon wieder mit offenen Augen!” – “Stoß ihn um, dann spricht er wieder.”
“Ein Rumpeln, ein Schlag auf dumpfes Holz. Der riesige Wandschrank wankt, kippt plötzlich und neigt sich dem eisernen Bettgestell entgegen. Ein mächtiger Mann liegt darin, ein Mann mit grauem Haar- und Bartwuchs, ein Mann mit starken Händen und vernarbtem Gesicht, ein Mann mit weißer Iris und rabenschwarzen Pupillen”, quiekte eine Stimme aus dem Nichts. – “Ein Mann, dessen Name nicht Matre ist!” Wütend schoss Moltrons Hand in die Höhe, durchstieß die massive Kiefertür und stoppte den Koloss eines barocken Schranks.
“Deine Beschreibung meiner Selbst in allen Ehren Mintaka, aber ich bin es leid jeden Tag auf dieselbe Art aus meiner Ruhe gerissen zu werden. Mein Name ist Moltron, Herrscher von Stogmen und Matre wird keinen Fuß in dieses Haus setzen, solange wir noch die selbe Luft einatmen. Das wisst ihr genau und braucht nicht jeden neuen Tag dafür eine Erinnerung.” Er schwung seine Beine aus dem Bett und richtete ruhig seinen Oberkörper auf. Das Bettgestell knarzte unter der Last, welche auf der alten Federmatratze lastete. Die Beine des Mannes steckten in zwei dünnen Hosenbeinen aus altem Stoff, sein Oberkörper war von einem hellen, zerlumpten Hemd bedeckt. Moltron schlürfte um sein Bett herum, hinüber zu dem einzigen Fenster der Mansarde. Auf der kleinen hellblauen Kommode unterhalb des Sims lag eine goldene, mit roten Smaragden verzierte Krone. Moltron griff sie sich, polierte sie mit einem Fetzen seines Hemdes und betrachtete sein Spiegelbild. “Alt bin ich geworden, Körper und Geist. Ich hätte die Tage zählen sollen, welche ich hier verbracht habe. Dann wüsste ich nun wenigstens, wie es um die Welt da draußen steht.”
Er donnerte das Gusseisen gegen die Wand. Seine Wut spiegelte sich in den feucht glänzenden Augen und entlud sich in wütenden Phrasen: “Mit drei unsichtbaren Kreaturen in einem verwunschenen Haus. Mit was um alles im Reiche des Stoog habe ich das verdient?” Moltron blickte aus dem Fenster. Ein rauer Fels stach weit unter ihm ins Bild, Wellen klatschten gegen die Brandung der kleinen Insel.
Die drei Gürtelsterne des Orion waren nun genau im Blickbereich des Fensters gerahmt. “Es ist gleich wieder soweit. Wenn ihr drei so gütig wäret und mir die Türe öffnet.”, wendete er sich an seine unsichtbaren Quälgeister. Die große Standuhr an der Wand links des Bettes, direkt neben dem zerbrochenen Schrank begann zu läuten.
“Sobald die Uhr ihr Liede singt,” begann Mintak. Alnilam setzte auf den zweiten Gong fort: “Und wir hier beisammen sind.” – “Dann Moltron ihr sein Blut erbringt”, schloss Alnitak den Reim ab.
Alsbald die drei ihren Spruch in hämischem Klang vollendet hatten, glitt wie von Zauberhand die hölzerne Tür zum Treppenhaus auf. Moltron blickte dem dunklen Abgang mit den gefährlich kurzen Stufen entgegen. Er wusste, was ihn erwartete. Was er jeden Tag zur selben Uhrzeit als Opfer geben musste. Und was ihn dennoch so faszinierte und gar ein wenig anmachte.
Er tastete sich das Geländer entlang hinunter und ignorierte dabei die höhnischen Gespräche der drei Stimmen, welche er nach den drei Gürtelsternen des Orion benannt hatte. Tot würden sie ihn gerne sehen. Wie nutzlose Lakaie hatten sie einen inneren Drang, alsbald es ihnen möglich war zu Matre zurückzukehren. Doch das war nur über den Tot Moltrons machbar. Sie hatten die Aufsicht, sie mussten ihn kontrollieren.
Moltron hatte die letzte Stufe der Treppe erreicht. An deren Ende war nichts außer einer hölzernen Tür. Ein faustgroßes Loch war auf Brusthöhe in die Latten gebrochen. Kahle, feuchte, gemusterte Tapeten drapierten den Abgang. Irgendjemand hatte mit feinem Pinselstrich ein breit grinsendes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen an die Wand gemalt. Moltron konnte sich noch genau an das erste Mal erinnern, an welchem er von den Teufeln in den Keller geführt wurde. Er hatte Todesangst. Mittlerweile war diese vergangen, er hatte sich damit abgefunden, dass er verdammt war hier zu sterben.

Fortsetzung folgt …

Rätsel

Gegeben ward es gar nicht jedem,

vermuten mag es jeder nur.

Doch zu sehen ist es stehts,

gestützt von Überzeugung nur.

Wer es hat der weiß es schon

und muss es nicht bekunden,

der and’re der begehrt es nur,

doch gibt aus frohe Kunde.

Gespalten ist die Menschheit doch,

so war es immer schon.

Denn wer am Ende oben steht,

den führte es auf den Thron.

Nun erhebet euch aus eurer Kluft

und schaut über den Wall,

den man sich baut aus Kissen

welche stechen bitter kalt.

So kommt ihr drauf dann seid ihr schonein kleiner Teil davon

Was wohl der größte Reichtum ist,es selbst zu haben lohnt.

Lebendig

Es war ein wahrlich schönes Haus auf das ich hier gestoßen war. Eine schmale, kniehohe Natursteinmauer schulterte die Pfähle des fuchsroten Zauns welcher an der ruhigen Landstraße durch verschlafene, kleine Ortschaft im Norden der Toscana führte. Ein kleines Gebüsch drängte seine zarten, grellen grünen Zweige durch die Holzlatten und erfrischte das graue Gemäuer in seiner Farbgebung. Eine schmale Stufe welche aus nichts weiter als einer einzigen Natursteinplatte bestand, bot einen Durchgang zu dem kurvigen Kiesweg, welcher zu dem Anwesen führte. Am Rand wuchsen junge Rosenbüsche welche an den Seiten eine Art kleine Allee bildeten. Durch den gepflegten grünen Rasen bohrten sich einige gelbe Pfauenblumen und weiter hinten wuchsen drei gruppierte Zitronenbäume, wenn es nicht eher Bäumchen waren. Sie schienen das bescheidene Herz des Gartens zu bilden, während einige Akazien beinahe unscheinbar verteilt im Garten wuchsen. Versteckt hinter einem weiten, blühenden Affenbrotbaum versteckte sich schließlich der Eingang. Das Gebäude schied sich in zwei Teile. Der von meiner Position aus Linke, war komplett aus Naturstein gebaut. Über die circa sechs Meter breite Hauswand, erstreckte sich eine weite Flügeltür aus dunklem Eichenholz welche von einem kleinen Ziegeldach geschützt war, das sich wiederum auf zwei dicke Pfeiler stützte, welche von Efeu Strängen umschlungen waren. Die Linke Außenwand besaß einen markanten französischen Balkon welcher, wie ich noch vermutet hatte, eine sagenhafte Aussicht auf die kleine Gebirgskette im entfernten Süden des Anwesens gewähren musste. Der rechte Teil des Hauses war einige Meter höher gelegen, da ein kleiner Hügel direkt hinter dem vorderen Bereich des Gebäudes anstieg. Bis zur Höhe des von alten Eichenpfählen getragenen Schieferdachs des Vorderhauses war auch der Rechte Teil aus Naturstein, darüber jedoch aus einem Standard typischen Gemäuer aus Backstein und Fassade. Es war in etwa doppelter Breite und besaß einen eigenen Eingang, welcher zu der weiter oben parallel verlaufenden Landstraße führte. Ein kleiner Kamin aus grauem, glatt geschmirgelten Beton thronte auf dem selbig konzipierten Dach aus bräunlichen Ziegeln mit der typisch südländischen vertieften Kerben. Der Regenschutz des Kamins ähnelte einem kleinen Vogelhaus, sowohl aufgrund des hölzernen Materials, als auch der hausähnlichen Form. An der Fassade befanden sich auf der zu mir gerichteten Seite zwei Fenster, welche von einem grau geriffelten Betonguss umrahmt waren. Ebenso auch die Gestaltung der beiden auf der Linken, welche anders als die vorderen, übereinander positioniert waren und somit das obere einen noch besseren Weitblick bot als der im Vorbau darunter eingebaute französische Balkon. Die ausgebleichten braunen Fensterläden waren an die Hauswand gelehnt, die Fenster selbst jedoch alle, trotz der kaum auszustehenden Hitze geschlossen. Die kleinere Hellbraune Holztür, welche den Haupteingang zum Oberhaus bildete, war von einem schmalen, gläsernen Lichteinlass umrahmt.

Ich ging um den Böschungsanstieg herum um mich dem unteren Eingang zu nähren. Der momentane Besitzer des Hauses, Adelfio, er war ein Herr hohen Alters und wollte mich hier empfangen und umher führen. Wie aufs Stichwort öffneten sich die beiden Flügel der Tür, sie wurde gar regelrecht aufgestoßen. Ein Mann, welcher wohl Adelfio sein musste trat mit viel Elan hervor und reckte begrüßend seine Arme in die Höhe. “Ciao, Victor, come stai, wie geht es dir?” Ich kam ihm freudig grinsend näher.

Der alte Mann mit dem spitz gezupften, grauen Schnurrbart, welchen er ebenso sauber gepflegt hatte, wie auch die imposante Haarpracht welche glatt vom Scheitel aus zur linken Seite gekämmt war, trug ein sehr einprägsames Exemplar eines Monokels auf dem Auge. Die Zeitung, welche er in seinen kräftigen Händen hielt, schien nicht gerade von gestern gewesen zu sein, erklärte jedoch, warum er die türkis umrahmte Sehhilfe in jenem Moment noch trug. Er musste Schreiner gewesen sein, darauf deuteten zumindest seine bereits erwähnten Bärenpranken als auch seine breiten Unterarme hin. Vom Ellenbogen aus war er in ein weißes Hemd gekleidet, dessen Ärmel sorgsam hochgekrempelt waren. Darüber hatte er sich eine leichte Weste aus einem sehr feinen Material gezogen. Es mochte Seide sein, jedoch bin ich mir dessen nicht sicher. Der beige Farbton harmonierte jedoch besonders mit der luftigen Hose, welche lässig weit geschnitten war und vom Schwung seiner Schritte und der leichten Brise wild zerflettert wurde. Die Lederschuhe mit den kunstvoll angebrachten Schmucknähten, waren in ihrem Braun etwas ausgebleicht, gaben allerdings trotzdem noch einen schönen Eindruck von sich.

“Danke sehr, mir geht es hervorragend. Ein wundervolles Wetter für eine solche Hausbesichtigung. In München hat es gestern noch stark geregnet, da ist mir das hier doch schon viel lieber!”

“Wollen wir es uns anschauen?”

“Gerne!”, bejahte ich seine Frage und trat über die Türschwelle.

“Dann komm doch gerne herein.”

Wir hatten den Rundgang zu meiner höchsten Zufriedenheit abgeschlossen und saßen nun im gemütlichen Aufenthaltsraum mit dem Blick auf die in der Ferne liegende Bergkette. Ich war sehr beschwingt, da dieses Gebäude genau meinen Vorstellungen eines eigenen Ferienhauses mit seinen großen und hellen Zimmern entsprach. So verzaubernd es auch von außen war, der Innenbereich zeigte sich als noch verwunschener. Eingerichtet wie ein kleines Schloss vom Eingangsbereich bis zu den privaten Gemächern. Ich war fasziniert!

Adelfio hatte einen Barolo aus Piemont mit exzellentem Jahrgang aus dem Keller geholt und schenkte uns beiden ein. Der dunkle Wein sprudelte aus der Flasche heraus und floss mit dem Klang eines kleinen Baches in das rundliche Glas.

Wir stießen an und Adelfio begann die Geschichte zu erzählen, welche er bereits einige Zeit zuvor angekündigt hatte.

“Weißt du Victor, dieses Haus bedeutet viel für mich. Mein Vater baute es damals ganz nach den Wünschen meiner Mutter. Sie hatten von der Bepflanzung des Gartens, über die Natursteine bis hin zur Zimmereinteilung und der Einrichtung alles lange geplant und ganz nach ihren Wünschen gestaltet. Mein Vater, so erzählte man es mir, investierte sehr viel Zeit um selbst am Bau des Hauses zu helfen. Es hätte ein Traum sein können, wäre es nicht zum Krieg gekommen. Mein Vater wurde, bevor er das Ergebnis seiner Arbeiten genießen konnte in den Krieg einberufen, und kämpfte in den erbarmungslosen Stollen des Lagazuoi gegen die österreichischen Kaiserjäger. Er wurde jedoch nicht in einer Kriegshandlung getötet. Er half einer kleinen Gruppe von etwa einem Dutzend Männern, neue Gänge zu sprengen. Eine Sprengladung Dynamit zündete zu früh und mein Vater wurde unter einem Haufen Gestein begraben.”

“Das tut mir sehr leid”, versuchte ich mein Mitleid zu bekunden. Ich war ein wenig verwundert, wie alt mochte Adelfio sein, wenn sein Vater als ein erwachsener Mann im ersten Weltkrieg kämpfte.

“Das muss es nicht, ich denke, es war so beinahe besser. Er hätte qualvoll im Gefecht sterben können, so hatte er einen beinahe friedlichen Tot. Meine Mutter zog mich danach alleine groß und heiratete kein weiteres Mal. Ich fragte damals oft nach meinem Vater, wo er sei, ob er zurückkommen würde. Als Antwort gab man mir stets, dass er unter uns lebe. Er habe sich ein eigenes Zimmer gebaut und würde nachts durch unser Haus wandern, um auf uns aufzupassen. Oft hatte ich nach der Türe gesucht, oder war wach geblieben, um ihn wiederzusehen. Natürlich passierte nichts, was ich irgendwann auch begriff. Meine Mutter starb mit dem Erreichen meines achtzehnten Lebensjahres, auf dem Sterbebett erzählte sie mir, dass ihr ihre Pflicht erfüllt habe und sie nun mit in das Zimmer meines Vaters ziehen wollte. Ich hatte den Auftrag bekommen gut auf das Haus aufzupassen und wenn die Zeit kommen sollte, einen würdigen Nachfolger zu finden.

Nun, Victor, ich habe nie Kinder bekommen – daher möchte ich das Haus jemand anderem anvertrauen. Nicht nur, dass es nur wenige Interessenten gibt. Du bist mir auch sehr sympathisch – ein würdevoller Nachfolger – und wenn du mir erlauben würdest, dich ab und an noch zu besuchen, ließe ich es dir hiermit offen, den Preis zu bestimmen”

Ich war vollkommen perplex. Ich hatte eine familiäre Geschichte erwartet, jedoch nicht eine solch emotionale, gar verwunschene. Ich glaubte nicht an Geister, oder verfolge einen sonstigen Aberglauben. Jedoch fiel es mir schwer, eine passende Antwort zu finden.

“Mein guter Adelfio”, setze ich zögerlich an. “Ich danke dir sehr dafür, dass du mir deine Geschichte anvertraust. Ich bin überaus begeistert von dem Gebäude und beabsichtige daher auch es zu kaufen. Aber einen Preis festzulegen, das fällt mir doch sehr schwer, gerade weil du so emotional daran hängst. Wenn es für dich in Ordnung wäre, würde ich mir die Freiheit nehmen, und darüber zuvor noch eine Nacht schlafen und dann morgen alles weitere mit dir besprechen.”

Ich nahm einen letzten Schluck aus meinem Weinglas und machte ein Anzeichen, dass ich es nun dabei belassen wollte und die Rückkehr ins Hotel antreten würde. Adelfio nickte mir zu. Er erhob sich langsam.

“Ich bin sehr erfreut das zu hören. Natürlich darfst du dir die Zeit nehmen, aber bedenke, ich bin ein Alter Mann, Victor. Wir wollen das doch gerne abschließen, ehe auch das vorbei ist.”

“Davon sollte man nicht sprechen”, gab ich belehrend zurück.

Ich bat ihn sitzen zu bleiben, die enge Treppe zum tiefer gelegenen Ausgang wollte ich ihm am späten Abend nicht noch aufzwingen. Eine verabschiedende Umarmung, ehe ich den Raum verließ und die Treppe hinab ging. An der vorletzten Stufe stockte ich. Ein Kratzen, als schiebe jemand etwas Schweres umher, war zu hören. Im Augenwinkel meinte ich, einen bewegten Stein zu sehen. Verwarf diesen Unsinn jedoch recht bald.

Neben der Tür hing ein kleines, gerahmtes Bild. Ich hatte es am Nachmittag nicht sehen könne, da es vom linken Flügel der Tür verdeckt war. Ich kam näher heran. Es war ein Bild von Adelfio, ich erkannte es umgehend an den gepflegten Haaren und dem Monokel, welches er, wie er mir erzählte, mit dem Schmuck seiner verstorbenen Mutter hatte verzieren lassen. Mir blieb der Atem stehen, als ich die Bildunterschrift las. Auf schwarzem Hintergrund war mit weißer Schrift gedruckt: “Ruhe in Frieden – Adelfio Grattoni – zehnter Mai, neunzehnhundertsechsundachtzig”. Ich kehrte um, ging in eiligen Schritten die Treppe hinauf und huschte in den Aufenthaltsraum, in welchem wir uns eben noch unterhielten. Adelfio war verschwunden. Ebenso war es auch der Wein und nur das Sitzkissen des Stuhles, auf welchem ich selbst saß, war eingedrückt.

Erneut hörte ich ein kratzendes Geräusch aus der Richtung, in welcher das Treppenhaus lag. Das Treppenhaus, in dem die Todesurkunde des Mannes hing, welcher eben noch quicklebendig mit mir sprach.

Wie ein Blitz schoss ich zur Haustür, riss diese mit einer unsäglichen Wucht auf und rannte soweit meine Beine mich trugen.

Heimat

Es war schon später Abend in Bretford. Die letzten Strahlen der roten, untergehenden Sonne bohrten sich durch die dicken, schwarzen Rauchschwaden welche über der Jupitanen Kolonie hingen. Zäh quollen sie aus den glatten, von Ruß geschwärzten Kaminen der Fabrik, ehe sie langsam auf die Straßen sanken. Eine metallene Glocke begann zu läuten. In einem irrsinnigen Tempo schlug der kleine goldene Hammer, gegen die blassen roten Backen, welche einen schrillen Ton erzeugten. Nur Sekunden später, zeichneten sich vage, von Licht gerahmte Umrisse von einigen dutzend Menschen in der schwarzen, stinkenden Nebelwolke auf. Sie kamen aus einer breiten Senke, welche den Ein- und Ausgang zu der riesigen, kochenden Fabrik bildete. Auf der rechten Seite befand sich eine kahle und unscheinbare graue Mauer, welche nicht minder denn zehn Meter Höhe verzeichnete. Auf der Linken war das Blickfeld frei. Direkt am Wegesrand, befand sich eine Strum-Allee, jenes Baumartige gewächs, was man auf dem Jupiter so liebgewonnen hatte. Dahinter ein überhängender Zaun mit Spitzen Zacken an der Oberseite. Die weite Fläche dahinter, welche direkt an die Fassade der Fabrikhalle angrenzte, war ein einziger Gastümpel. Jene gefährliche und dennoch nützliche Fläche, welche es eigentlich in Massen gab. Jedoch war nur diese eine umstandslos erreichbar. Alle anderen befanden sich außerhalb der Mauern und gehörten somit der unerforschten Mutationsebene an.

Lui beschleunigte seinen Schritt und stieß aus der Gruppe von Arbeitern hervor. Hinter dem langen Zaun bog er zackig in eine kleine Seitengasse ein, welche zwischen den grauen Betonhäusern hindurch führte. Die Organischen Lichtwände der Gebäude ließen sein Erscheinen aufleuchten. Er war ein kleinerer Mann mit einem Körperbau, welcher eine gute sportliche Genetik aufwies. Seine Haut war grau verfärbt von den Chemikalien der Fabrik, seine Kleidung von Ruß verschmutzt. Die krumme Nase deutete Spitz auf den gepflegten, dunkelbraunen Schnurrbart. Auf dem Kopf trug er eine Nackenkappe welche im selben bläulichen Farbton, wie auch die Funktionsjacke und die, zur Uniform gehörende Hose hatten. Lui krempelte seinen Kragen hoch und lief zügig weiter. An einer kleinen Wegkreuzung, welche sich genau in der Mitte vierer Häuser befand, machte er halt. Die symmetrischen, langen spitzen Kanten der Wohngebilde ließen die Szene wie ein Kunstwerk wirken. Pyramidenförmige Lichtstrahlen zeichneten sich auf dem Boden ab, Lui in deren Mitte. Er wartete.

Nur wenige Sekunden später bewegte sich aus einer Lichtgasse eine Dunkle Gestalt auf die Kreuzung zu. Die Schmale Taille und elegante Gangart ließen das Geschlecht einer Frau unter dem dunkelbraunen Mantel vermuten, wie ihn einst die Militärs auf der Erde trugen. Eine Hand bewegte sie aufmerksam schrittgleich, die andere steckte tief in einer Manteltasche. Die Gestalt betrat die Ebene des Lichtspiels und kam vor der Brust von Lui zum Stehen. Die beiden schauten sich um. Ihre Blicke durchschweiften die Umgebung, ehe sie sicher schien. Die Gestalt hob ihren Kopf und zupfte mit den schlanken Fingern an der Rückseite der Kapuze, bis diese sich ein wenig aus dem Gesicht entfernte. Ein Lichtstreifen strahlte auf die Wangen der Person und erhellte das gesamte Gesicht.

Die glänzend grünen Augen von Aura strahlten Lui an. “Ich habe ihn bekommen, Lui!”, kam es aus ihrem Mund. Die schmalen Lippen schlossen sich und Aura griff erneut in ihre Tasche. Sie zog etwas kleines, gelbes hervor und überreichte es Ihm vorsichtig. Lui hob seine Hand den Lichtstrahlen entgegen um das unbekannte Ding genauer betrachten zu können. Seine Blicke waren skeptisch. Es war ein Exemplar eines Schlüssels.

Ein Schlüssel, wie ihn jeder Jupitane Kolonialist hatte haben sollen. Es war ein kleines Stück Plastik, nur wenige Zentimeter lang. Mittig des dünnen Schlüssels, war ein unscheinbarer Chip integriert. Es war keine Sache, der man gerne traute. Eine Sache, welche man nicht einmal gerne in den Händen hielt. Aber sie war revolutionär, genial – und vor allem Platz- und Geldsparend. Es handelte sich dabei um den Zugangsschlüssel zu den Privaten Räumlichkeiten der Kolonialisten. Sobald man ihn an der Türe eines Betonblocks einsteckte, wandelte sich das Innere des Hauses zu einer materiellen Illusion der eigenen vier Wände. Der Chip speicherte alles ab, was beim letzten Verlassen des Hauses vorhanden war und welche Zustände herrschten. So konnte man überall daheim sein, ohne einen Umzug zu organisieren. Doch auch eine geniale Idee hatte ihre negativen Seiten. So kam es, dass Menschen verschwanden, die beim Abschließen und somit Ausloggen noch in der Wohnung waren. Und wer seinen Schlüssel verlor, verlor sein ganzes Heim dazu und landete auf der Straße. Nur selten war es der IT möglich, Wohnungen wiederherzustellen. In ein Haus konnten sich unendlich viele Menschen einloggen, jedoch nicht zur selben Zeit. Gelöst hatte die Regierung der Jupitanen Kolonie dieses Problem sehr einfach. Es wurden achtzehn-Stunden-Tage eingeführt. Somit schoben die Menschen lange Schichten und hatten alle nur einen viertel Tag um in ein Gebäude einzukehren. Es gab regelmäßige Proteste dagegen.

Doch Lui und auch Aura hatten ganz andere Sorgen.

Sie beide waren keine Kolonialisten erster Ordnung, sondern sie gehörten der Zweiten an. Die neue Generation, welche nie die Erde gesehen hatte, stattdessen in einer kleinen Praxis in der Kolonie geboren worden waren. Die Erde hatte man ihnen erzählt, sei eine blaue Natur voller Freiheiten. Man konnte gehen so weit man wollte, durch Ländereien und mit Booten über Ozeane. Mit Tieren und Pflanzen in einer ungewissen Vielfalt.

Auf dem Jupiter war dies unmöglich. Gefangen, war man in dieser beengten Zelle, welche sich Kolonie schimpfte. Umgeben von einer massiven Mauer, welche vollzeit bewacht war. Weshalb, das wusste keiner der normalen Bewohner. Man erzählte sich Geschichten von Geistern aus Gasen, mutierten Lebewesen und abstrakten, furchigen Landschaften. Doch keiner hatte je auch nur einen Blick darauf geworfen. Jeder der es schaffte, einen Blick hinter die Mauern zu werfen, kam nicht wieder zurück.

Lui und Aura wollten die Welt hinter der Mauer kennenlernen. Egal was passieren würde, selbst der Tod war für die beiden die Erfahrung wert. Einmal die Weite sehen.

Es gab die Schlüssel in Grau, für den üblichen Kolonialist – und in blau, für die hochrangigen Bewohner, welchen damit ein vollzeit Zutritt zu ihren Eigenheimen gewährt war.

Der Schlüssel, den Lui in der Hand hielt war gelb. Jemand musste ihn angemalt haben. Der Jemand, welcher auch in krakeliger, schwarzer Schrift das Wort ‘Paradies’ darauf geschrieben hatte.

“Es ist der richtige, lass uns gehen, die Sachen stehen hinter dem Block.” Lui steckte den Schlüssel in seine Innentasche und griff nach Auras Hand. Das Paar bog in eine der vier beleuchteten Gassen ein. Ihre Umrisse wurden in der Ferne vom grellen Licht verschluckt.

Einige Minuten später erreichten sie eine der ältesten Straßen der Kolonie. Sie wurde am Anfang als Start- und Landeplatz für die Frachtschiffe genutzt, bevor später die Monotonen Betonbauten an den Seiten platziert wurden. Strum-Halme wuchsen wie Unkraut aus dem Asphalt und die Häuser besaßen noch nicht die angenehm gerade Anordnung, wie es in den modernen Gebieten der Fall war. Sie waren krumm und schief gebaut, wie es die Natur damals zugelassen hatte. Es war eine gespenstische Gegend. Betonblöcke mit schweren Türen, jedoch ohne Fenster. Verwucherte Wegränder. Kaputte Laternen und flackernde Türknäufe.

Lui steuerte gezielt auf einen Block etwas weiter abseits der Straße zu. Er lag im Schatten der Mauer, das einzige Licht ging vom glasklaren Sternenhimmel aus, als auch von dem neon-grün leuchtenden Türknauf. Er signalisierte, dass momentan niemand in das Gebäude eingeloggt war. Das war in dieser Ecke sowiso unwahrscheinlich. Die meisten Eingänge waren defekt, blinkten rot, wechselten die Farben oder waren gar komplett deaktiviert.

“Warte hier”, zischte Lui Aura zu. Wie ein Schatten huschte er um die Ecke, an der Wand entlang in Richtung der Rückseite des Hauses. Er stockte, hielt die Luft an. Es war kein Laut zu hören. Direkt vor ihm befand sich die Mauer, doch kein Laut drang hindurch. Er griff nach dem braunen Lederrucksack, welchen er im grünen Gestrüpp am vergangenen Tag versteckt hatte und ging den Weg zurück zur Türe. “Ist uns jemand gefolgt?” “Nein, wir können loslegen. Endlich!”, antwortete Aura. Lui nickte ihr zu und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Er blickte sich nochmals um, ehe er das gelbe Plastikteil in Richtung Türknauf führte. Keiner der beiden wusste, was sie in der Simulation erwarten würde. Sicher war, in dieser Speicherung gab es einen Gang, welcher durch die Wand führte und somit die Flucht ermöglichte. Aura hatte den Schlüssel über mehrere Kontaktpersonen zugespielt bekommen. Man rumorte, dass er von den Sicherheitsleuten selbst in den Umlauf gebracht wurde. Jedoch konnte sich niemand einen sinnvollen Grund erdenken.

Das klicken eines Relays ertönte, als Lui den dünnen Stift des Schlüssels in den Knauf schob. Die Farbe wechselte von neon-grün zu einem grell leuchtenden blau, blinkte kurz. Nach einigen Sekunden färbte sich der Knauf rot und die Tür sprang einige Zentimeter auf. Es hatte funktioniert, sie waren drin.

Lui und Aura warfen letzte verabschiedende Blicke zurück, keiner wusste ob oder wann sie zurückkehren würden. Dann öffneten sie die große Metalltüre und schlichen sich ins Innere.

Die Tür schlug zu. Sie standen im Dunkeln. Ein Lichtschalter war nicht zu finden, dafür war ein lautes rattern von der rechten Seite aus zu hören. Lui kramte eine Taschenlampe aus einer der Seitentaschen und schaltete sie an. Der Lichtkegel wanderte den kahlen Boden ab, suchte nach etwas markanten. Die Wände waren Fensterlos und grau, bis auf eine. Diese eine Wand, welche direkt gegenüber des Eingangs lag schien defekt. Sie wechselte in kurzen Intervallen zwischen verschiedene Aussehen und kam nicht zum Stillstand. Es war genau die Wand, welche in Richtung der Mauer gerichtet war. Das Paar näherte sich ihr. Lui schaute eine Weile dem Spektakel zu bis ihm etwas markantes auffiel. Es gab zwei Faustgroße Stellen, welche immer gleich blieben. Er drückte Aura die Lampe in die Hand und legte vorsichtig seine Hand an die Stellen. Mit seinen Handballen übte er Druck aus.

Ein Knarzen, Rattern, die Wand spaltete sich in der Mitte und wie eine edle Flügeltüre klappte die Wand auf. Aura und Lui schlangen sich durch den schmalen Spalt. Hinter ihnen schloss sich die Wand und sie fanden sich in einem dunklen Raum wieder. Es war der Bereich, in dem die Mauer durchgraben sein musste. Durch ein kleines Loch drang ein schwaches Licht. Auf allen Vieren kroch Lui, dicht gefolgt von Aura hindurch. Ein Schmerz durchzog seinen Körper, ein anhaltender Schmerz. Schonend gekrümmt versuchte er sich aufzurichten. Auch Aura begann über Schmerzen zu klagen, ihre Haut brannte schrecklich. Lui holte tief Luft, hob seinen Blick und betrachtete die Umgebung. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, matschige, dunkelbraune Landschaft. Der unebene Boden führte zu ihrer Linken zu einem kahlen Waldstück. Wie eine Insel erhob sich der kleine, saftig grün bewachsene Hügel aus der Landschaft. In wenigen Metern Entfernung entdeckte er etwas Ungewöhnliches. Er näherte sich dem Gebilde, sein Herz stockte als er sah und las. Ein einsames Schild stand mitten in der Landschaft. In ausgebleichter Schrift stand darauf gedruckt: “Nuklear verseuchtes Gebiet – Paris Zone 3”. Er wollte sich umdrehen, etwas knackte unter seinen Stiefeln. “Aura!” Lui blickte nach unten, hob seinen Fuß. Ein zerbrochener, grauer Knochen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er auf, blickte zur Mauer. Aura tat es ihm gleich. Menschliche Skelette klammerten sich an die Wand, braune Blutspuren überdeckten das monotone Grau. Erst jetzt entdeckten die Beiden die riesige Kuppel, welche über der Kolonie angebracht war. Von innen war sie nie ersichtlich gewesen.

Lui versuchte den schock zu überwinden, sprintete zur Luke, in den dunklen Raum. Doch der Eingang war verschlossen.

Berühmter Müll

Es war noch früh am Morgen, als es an der Tür klingelte. Aron schlürfte gemächlich in seinem beigen Morgenmantel zur Tür seiner kleinen Wohnung am Stadtrand von Shefferdsfield. Mit dem öffnen der Wohnungstür, kam ihm der harmonisierende Geruch feuchter, frischer Erde entgegen. Das Gras glänzte im Morgenlicht und der Asphalt war tief schwarz gefärbt von den Regengüssen letzter Nacht. Der Postbote reichte ihm ein kleines Paket und verschwand dann ebenso schnell, wie er gekommen war. Geistesabwesend schloss Aron die Tür hinter sich, fixiert auf den Bereich, auf dem der Absender stehen sollte. Es gab keinen. Es stand lediglich Arons eigene Adresse, die 224 Hollandroad auf dem Paket. Aron ließ sich in seinen weichen Ohrensessel fallen, welchen er vor einigen Jahren von seinem Großvater geerbt hatte und riss unsanft das Päckchen auf. Gut gepolstert lag darin ein kleines Taschenbuch, komplett in weiß, ohne Titel, jedoch mit einer kurzen Widmung. “Dieses Werk ist Aron Moureau gewidmet, meinem liebsten Charakter.” Er stockte, das war sein Name welchen die Widmung inbegriffen hatte. War es ein Bewunderer, ein Fan seiner eigenen Seite? Aron führte seit einigen Jahren eine bescheidene Internetseite, auf welcher er eine Vielzahl an Rezensionen zu Büchern und Texten verfasste. Das Interesse daran stieg in den vergangenen Monaten so rapide, dass er es sich leisten konnte, durch die Seite und einige Sponsoren seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Vorsichtig schlug der junge Mann, welcher einen grauen Haarwuchs mit gleichtönigem Dreitagebart sich hatte wachsen lassen, die erste Seite des Buches auf. Er begann zu lesen.

Eine glanzvolle grüne Oasenstadt tat sich vor Aron auf. Er war ein junger Herr aus edlem Hause mit einem Leben, geschrieben von feinster Feder. Seine Schritte sunken seicht in den weichen Wüstenboden ein, einige Schweißtropfen kullerten seine roten Wangen hinab. Sein Weg führte ihn von Supräa, einer kleinen Wüstenstadt mit weltlichem Drang nach Dulapez, einer imposanten Metropole mit dem schnellsten Anschluss an die nördlichen Länder. Auf dem Rücken trug er einen schweren, von Nutzungsspuren geplagten Rucksack an welchem seitlich eine leere Wasserflasche baumelte. Es war nicht mehr weit, einige hundert Meter bis zum Stadtrand, an welchem die ersten Häuser standen, aber es war eine schiere Qual. Hitzeflimmern markierte die zu erreichende Ferne und die grelle Mittagssonne stand senkrecht am wolkenlosen Himmel. Einige Zeit später erreichte Aron das erste Haus. Ausgelaugt lehnte er sich gegen die Tür und klopfte. Es waren Ferienhäuser reicher Leute aus dem Norden, nicht das beste um nach einem Ruheplatz zu bitten. Die Tür öffnete sich. Aron senkte beschämt seinen Blick. “Guten Tag, mein Name ist Aron, dürfte ich bitte meine Wasserflasche bei ihnen auffüllen und ein Telefonat tätigen?”, sprudelte sein im Voraus durchdachter Text geradewegs aus ihm heraus. Er hob seinen Blick und erstarrte. Eine junge Dame mit gepflegtem, schulterlangem hellblondem Haar und einem schmalen, freundlich lächelnden Gesichtszug, stand vor ihm. “Du darfst gerne hereinkommen Aron, was treibt dich hierher?” Es dauerte einen Moment bis er realisierte, dass ihm der Eintritt gewährt wurde. Vielmehr hatte Aron mit einer arroganten Abweisung eines Herrn mittleren Alters gerechnet, der nicht wusste, wo er seine Millionen investieren sollte. Brav folgte er ihren Schritten in die Küche. “Willst du mir deine Flasche reichen, dann fülle ich sie dir eben auf” – “Aron?” Er war wie verzaubert. “Eine wunderschöne Stimme hast du,…” “Mona, tut mir leid, ich hatte mich nicht vorgestellt, mein Name ist Mona.”

Aron zuckte zusammen, als seine er den Name las. Es war Mona, seine Mona. Aber das war noch vor seiner Zeit in England, das waren Erlebnisse aus einer Zeit ohne Kontakte, wie konnte, wer auch immer er war, davon wissen. Mona war tot, schon lange.

Sanft streichelte Aron durch Lenias dunkles Haar, sie lächelte ihn verschlafen an. Es wurde gerade erst hell in London, schlanke Sonnenstrahlen stachen durch die dicke Wolkenschicht und zeichneten hübsche Lichtspiele auf die gemeinsame Bettdecke der beiden. Verliebt drückte Aron ihr einen Kuss auf die Stirn und ging leicht bekleidet zum Französischen Balkon des kleinen Hotelzimmers. Er zog die seidenen Vorhänge beiseite und lies seinen Blick über die Weite der Stadt streifen. Die Albträume machten ihm zu schaffen. Sie waren nicht wirklich schlimm in ihrem Dasein, vielmehr in ihrer Bedeutung. Ein frischer Wind wehte durch die Schlitze des gekippten Fensters.

Mona war seine große Liebe, sie hatten gemeinsam ihr Leben geplant. Sie war nach seiner schweren Kindheit in der Arbeiterklasse einer modernen, Klassen-orientierten Gesellschaft die reiche Rettung gewesen. Durch sie erlangte er vollste Erfüllung und genoss dies in vollen Zügen. Doch Mona wurde schwanger. Monas reicher Vater drohte, den Geldhahn abzudrehen, würde ein Kind aus dieser entsetzlichen Liebe resultieren, wie er es beschrieb. Noch nie war er begeistert davon gewesen, dass Mona sich einen Freund aus ungleichen Schichten gesucht hatte. Doch sie war stur, stellte sich gegen ihren Vater und plante ein eigenes Leben. Nur sie, Aron und das Kind sollten darin vorkommen. Doch Aron weigerte sich. Das Geld war zu verlockend, nie hätte er so viel haben können, und das Kind, das würde nur kosten, jedoch nichts erbringen. Mona wurde depressiv, wandte sich von allen ab und nahm sich wenig später das Leben. Aron war ihre Oase, eine Oase die auf einmal vertrocknet war. Ihr Vater wandte sich von ihm ab. Und Aron begann von neuem. Er suchte in seinen Schichten und fand Lenia. Sie war noch jung aber makellos. Ein Wunderwerk der Natur und glücklich wie man nur sein konnte. Ihr unverwechselbares Lächeln ließ Aron am Tage jegliche Gedanken an Mona verschwinden, und erquickte seinen Geist. Er erlangte alles wieder was er einst hatte, bekam einen guten Job bei einem großen Verlag und konnte sich und Lenia alle Wünsche erfüllen.

Es wurde ihm unheimlich, das Buch erzählte die Vergangenheit in einer Wahrhaftigkeit, welche es nicht wiedergeben können sollte. Es war als würde der Autor Aron bei jedem Schritt beobachtet haben. Auch Lenia war nicht mehr bei ihm. Was würde wohl darüber erzählt werden.

Es war eines späten Abends, Aron kam von einem nächtlichen Spaziergang aus dem Hyde Park zurück. Die herbstliche Stimmung der Stadt war im entspannten Einklang von den orange-roten Lichtern, welche aus den vielen Fenstern drangen und das feucht-windige Klima deutete an, dass es sich um eine der letzten warmen Nächte handeln musste.

Er stieg die Treppen zum Eingang des imposanten Hotels hinauf und ging, während er sich seiner Jacke entledigte, auf den gläsernen Aufzug zu. Dreizehnte Etage, die Türen der Kabine öffneten sich und offenbarten den langen, von weichen Teppichböden gezierten Gang, der zu den nummerierten Räumlichkeiten führte. Aron begann eben nach seinem Schlüssel zu suchen, als er sah, dass die Zimmertür nicht verriegelt war. Ein angestrengtes Stöhnen drang aus dem Spalt auf den Gang. Aron wurde kreidebleich im Gesicht. Vorsichtig drückte er die Tür auf, spähte um sie herum. Lenia stand am Fenster, bedrängt von einem riesigen Mann, wessen Gestalt monströs und einschüchternd war. Die Beiden küssten sich, genüsslich umschlangen sich ihre Zungen. Entsetzt betrat Aron das Zimmer, das Fenster war weit geöffnet und keiner machte Anschein vom Eintritt Arons Notiz zu nehmen. “Wer bist du?”, rief Aron argwöhnisch. “Mein Name ist Tropé, ER schickt mich um deiner Geschichte ein Ende zu bereiten. Schau nicht weg!” Seine Stimme war respektlos und einschüchternd. Doch ehe Aron auch nur die Chance hatte, über etwas nachzudenken geschah es. Tropé packte Lenia und sprang mit ihr aus dem Fenster. Er hechtete zum Sims und blickte herab, es dauerte einen Moment, bis man den dumpfen Aufschlag der menschlichen Körper auf dem harten Asphalt hörte. Aron sank zusammen. Er verstand nicht, was eben passiert war.

Nervös lief Aron mit dem Buch in der Hand in seinem Zimmer auf und ab. Schon oft hatte Aron absurde und gar miserable Texte mit unmenschlichen Handlungen lesen müssen. Aber hier handelte es sich offenbar um eine Art überdrehte Biographie seiner selbst, was ihm selbstverständlich missfiel. Er würde den Autor aufsuchen, sich erkundigen welchem Gedankengang dies zugrunde liege. Rasch rief er Pedro an, er wollte eine zweite Meinung einholen, bevor er etwas unternehmen würde, und da war Pedro die beste Wahl. Ein erfahrener Polizeibeamter, Kommissar und Familienvater. Eine offene Persönlichkeit mit einer besonders gutmütigen und hilfsbereiten Seite. Schon oft hatte er ihn beraten oder Insiderwissen vermittelt, um Arons eigene Kriminalgeschichten realistischer wirken zu lassen. Das Taxi war gerufen. Während Aron die Tür abschloss, fuhr der dunkle Wagen vor. Das gelb leuchtende Schild auf dem Dach stach kontrastreich aus der Umgebung hervor. Aron ging den gepflasterten Gartenweg entlang und stieg in das Taxi. “Zu Pedro also?” Aron erstarrte. “Er wird es nicht sehen können, das Buch.” “Wer sind sie?” Aron versuchte, die kleine Klappe zum Fahrerbereich aufzuschieben. “Ich bin niemand, ich arbeite im Auftrag von IHM, ich werde ihrer Geschichte ein Ende bereiten!” Das Auto fuhr los, wie wild rüttelte Aron an dem kleinen Griff. Das Blut gefror ihm in den Adern, als es ihm gelang, die Klappe zu öffnen. Der Wagen war fahrerlos. “Lassen sie mich hier raus!”, gellte es verzweifelt aus seiner Kehle. Es kam keine Antwort – langsam versank Aron in einen tiefen Schlaf.Es war dunkel, ein Lichtschein zwängte sich durch die kleine Luke, welche immer noch geöffnet war. Die Scheiben waren schwarz verfärbt. Langsam richtete sich Aron von der Rückbank auf. Er schaute sich um, suchte panisch nach dem Türöffner. Er ertastete ihn und riss die Tür auf. Geschwächt stolperte er aus dem Wagen und fand sich auf einem weiten Acker wieder. Er sprang auf, wandte sich zum Auto, doch es war weg. Nicht einmal Spuren von dem Rädern waren mehr zu sehen. Aron versuchte sich zu beruhigen, regulierte seine Atmung, fokussierte sich auf das Geschehen, die Umgebung. Doch Unmengen an Adrenalinmachten es ihm nicht zu einem Leichten.

“Hallo Aron”, ertönte es von hinten. Wie ein Blitz kehrte er sich um. Einige Meter entfernt saß ein Alter Mann mit weißem Haar, fülligem Gesicht und einer grauen Weste auf einem alten Bürostuhl, mitten im Acker. Vor ihm, ein massiver Schreibtisch aus wunderschön poliertem Eichenholz. Darauf stand eine alte Schreibmaschine und ein Stapelbedruckter Blätter. “Komm ruhig näher.” Kam es von dem Mann und Aron befolgte die Bitte ohne nachzudenken. Es war, als würde er von der Szene angezogen werden. “Nimm doch bitte Platz, Aron, es ist so unangenehm wenn der Gegenüber steht.” Ehe Aron sich auch nur umsehen konnte, wurde ihm ein Stuhl untergeschoben, auf dessen Sitzfläche er sich sinken ließ.

Verdutzt starrte Aron den misteriösen Herr an, aus der Nähe wirkte das Gesicht vertraut, nett. Ein wohliges Gefühl durchdrang ihn bis er aus seinen Gedanken gerissen wurde: “Wie fandest du das Buch, Aron?” “Nun, es war eher ein Text – und auch davon nicht besonders viel. Schlecht geschrieben, aber…”, stotterte Aron. “Nur eine Spielerei das Ganze, ich bin kein Autor, ich bin ein Spieler, Aron. Ein Spieler und Gott, wie ihr das wohl nennen würdet.” Der Mann lehnte sich zurück und verschlang entspannt die Arme hinterm Kopf. “Ein omnipotentes Nichts, das ist, was ich bin. Diese Gestalt und Sprache, sind kein festes Sein meiner Selbst. Alle fünfzig Jahrewird ein Neuer unserer Art erschaffen und löst den Vorgänger bei seinen Aufgaben ab. Wir erschaffen nichts Materielles, wir kreieren die Vergangenheit, Gegenwart und sogar die Zukunft. Alle fünfzig Jahre neu; wie wir es für nötig halten. Sterne und Sonnensysteme waren schon immer existent, nicht jedoch ihre Geschichten und Lebewesen. Wir können Evolution und Geschehen verändern, wie es uns liegt. Mein Vorgänger hatte einst die Geschichte der Erde und somit auch euch entworfen. Er wurde damit unglaublich berühmt, da er etwas ganz neues Erschaffen hatte – eine richtige Zivilisation, wie er es euch nennen ließ. Ich selbst habe einen makellosen und schönen Planeten im Prias-System gedeihen lassen und die bescheidene Spezies der Saip entworfen. Aber auch ich wollte das Wunderwerk Erde betrachten. Es war ein Versuchsobjekt. Getestet wurde, wie sich eine Spezies mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Wie weit sie gehen könnte und wie sie sich verändert, wenn man sie um bestimmte Szenarien erweitert. Ihr wurdet berühmt unter meinesgleichen. Aber das Ganze ist nun in einer gigantischen Müllhalde resultiert. Ihr macht alles kaputt und wollt immer mehr.”

“Warum werde ausgerechnet ich herbeigerufen?”, fragte Aron, sichtlich überfordert mit der Erzählung.

“Du Aron, bist der einzige Mensch auf dieser Erde, welcher von mir entworfen wurde. Du solltest mein Beitrag zu dieser Welt sein. Ich hatte dir versucht, einen wunderbaren Höhepunkt in dein Leben zu geben, eine Pointe. Ich wollte erfahren, wie es verläuft, wenn einer von euch ein Maximum erreichen darf und beinahe alles erlangt. Aber selbst dann, regieren noch Habgier und Ansehen. Und das hat mich enttäuscht. Mona war komplett auf dich abgestimmt, es hätte ein verwirklichter Traum für dich sein können und du hast ihn für Geld vernichtet. Lenia ließ ich dich nur kennenlernen, um sie dir zu nehmen. Du hattest fühlen sollen, wie es gehen kann.”

Aron saß stocksteif und geistesabwesend auf seinem Sessel.

“Ich hatte erhoffte, durch dich der Erde noch eine Chance zu geben, ich hatte dich liebgewonnen und versucht, dir ein geordnetes Leben gutzuschreiben. Aber nun erscheint mir das Ganze als vollkommen sinnlos. Die Erde wird in diesem Zustand nicht mehr gebraucht, wir werden etwas neues, besseres kreieren. Ihr seid zu einer berühmten Müllhalde geworden, ihr und euer Planet – habt alles mit in den Abgrund gerissen. Aber es wird mir eine Lehre sein, für die Arbeit an den Saips, die Erfahrung, welche ich aus euch schöpfen durfte.”

Er nahm einen Stift und schrieb in krakeliger Handschrift einen Titel auf das Deckblatt des zuvor blanken Taschenbuchs: “Berühmter Müll”

Danach schlug er die letzte Seite des Buches auf und verfasste ein neues Kapitel: „Wie die Menschen verdarben“.

Er begann zu schreiben.