Kolumbus

KOLUMBUS

© 2017 by Fabian Lieb

Rohfassung

I.

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„Kommandant Leeson!“

Keuchend gellte die Stimme des Kommunikationsbeauftragten Porky

durch die Steuerkabine, während er sich durch die grauen

Plastikflügel der Türe hechtete. In einem Halbkreis standen seitens des Eingangs eine Reihe Schalensitze in weißem Plastik. Sie waren der kleinen Vertiefung im Boden des überschaulich schlichten, ovalen Raums zugewandt. Ein dunkles, besonder breites glänzendes Steuerpult füllte mit seinen Knöpfen und Bildschirmen die volle Breite der Vertiefung aus.

„Was gibt es denn so wichtiges, dass sie mir keine Mitteilung über

den Kommunikator geben, Porky?“

„Wir sind auf Kollisionskurs, Kommandant–auf Kollisionskurs!“,

prustete er mit letzter Kraft, ehe der drahtige Körper schwach wurde und zu taumeln begann. Seine grünen Augen verdreht und die sonst gepflegten dunklen Haare völlig zerzaust. Leeson eilte zu ihm.

„Haben sie denn kein Ausweichmanöver gestartet? Das sollte doch kein Problem sein?“

Porky packte Leeson an der Schulter, starrte ihm in die Augen. Angst zeichnete sich in ihnen wieder, Angst vor etwas, was der arme Mann in seinem mehrjährigen Dienst bei der Flotte noch nicht erlebt hatte.

„Es geht nicht.“, zwang er die Worte über seine Lippen. „Es ist unser eigenes Schiff, welches–!“

Porky verlor das Bewusstsein. Gebannt starrte ihm Leeson in die Augen, rüttelte an seinem Körper, versuchte ihn zu wecken–nichts half. Wie der Blitz schoss der Kommandant zu seinem überdimensionierten Pult. Unter vielen kleinen Bedienelementen prangerte ein breiter, glänzender Bildschirm. Die Hauptkonsole zur Steuerung; und Optionsdurchgabe an den Autopiloten stach mächtig hervor. Leeson legte mit seinen dicken, zappelnden Fingern einen kleinen Schalter um und ein helles Surren ertönte. Einen Moment lang flackerte der große Bildschirm, ehe sich aus den weißen verpixelten Streifen eine Kontrollanzeige des Schiffes und all seiner Elemente formte.

Ein markantes Aussehen zeichnete Leesons Schiff aus, ringförmig, mit zwei kurzen aber massiven Flügeln an den Seiten und einem Hohlraum in der Mitte. Am Heck leuchteten drei breite, bläulich schimmernde Pulsoren-Turbinen in ihren gestrekten, gewaltigen Quaderformen, welche beim Start innerhalb einer Atmosphäre ein ohrenbetäubendes Tosen verursachten. Auf der gegenüberliegenden Seite bildete die ovale Steuerkabine, in welcher sich der Kommandant zu diesem Zeitpunkt aufhielt, den Kopf des verrückten Weltraumvogels. Zwei schmale schwarze Streifen aus massivem dunklen Glas zogen sich auf zwei Ebenen um die Kapsel, Scheiben welche dem immensen Druck der verschiedensten Kräfte standhielten und den Besatzungsmitgliedern die Freiheit boten, in die Weiten des Weltalls zu blicken.

Es war das modernste Raumschiff der Porux-Flotte. Das dunkelgraue Metall, um ein Vielfaches leichter als Aluminium, welches man in den Minen auf dem Mars abbaute, funkelte im schwachen Lichtschein der entfernten Algebra-Galaxie. Jene Galaxie, welche es für die Flotte zu erkunden galt. Drei Lichtjahre war sie entfernt—mit der Besonderheit, dass man vor einem Jahr eine Antwort auf eine der unzähligen Botschaften erhielt, welche man schon seit zwei Jahrhunderten ins All sandte.

Vier Missionen, hatte die Forschungsgruppe um den Wissenschaftskonzern PORU-X entsandt–alle mit dem Ziel, im Nebel der Algebra-Galaxie, wie man das verworrene und komplizierte System benannte, intelligente Lebensformen auszumachen.

Leeson war der letzte, welcher sich in Housten vor knapp drei Monaten zusammen mit seiner dreizehnköpfigen Besatzung auf den Weg machte. Sie hatten somit das Glück, mit der neuesten Technik ausgestattet zu werden-–aber damit auch den riskantesten Auftrag erhalten: Mitten in den Kern des undurchschaubaren Nebels aus unzähligen Systemen zu steuern.

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„Willkommen Kommander Leeson!“, meldete sich die attraktive weibliche Stimme des künstlichen Assistenzsystems zu Wort.

„Digot-Eintrag der Porux-Vier. Zehn Uhr und sechzehn Minuten irdischer Zeitrechnung. Dauer der Mission gemessen an der Systemabkopplung in Housten am zehnten Juni zweitausendneunundneunzig; einhundertunddrei Tage. Basisfunktionen einwandfrei. Sensoren melden keine Störung. Gesundheitlicher Zustand der Besatzung beträgt zweiundneunzig Prozent.“

Der grauhaarige Leeson ignorierte knurrend die alltägliche Ansprache des Systems–wie unter Drogen tippte der stämmige Mann sich nass vor Schweiß durch die Bedienelemente. Immer weider warf er einen flüchtigen Blick über die Schulter, schaute nach dem Zustand Porkys–doch dieser lag noch immer bewusstlos am Boden.

„System, bitte um Überprüfung des gesundheitlichen Zustands des Besatzungsmitglieds Porky, Kennung–„, Leeson sprang von seinem Sitz auf und bückte sich zu seinem Kommunikationsbeauftragten hinab. Er zog eine verbogene Hornbrille aus seiner Brusttasche, schob sie sich auf die Nase und blickte mit zugekniffenen Augen genau auf das kleine Schild im Brustbereich des steril-weißen Raumanzugs Porkys.

„(…) Kennung C-4-8!“

Gebannte Stille füllte den Raum wie kalter Dunst ein schauriges Moor. Der Adrenalinpegel des Kommandanten stieg.

„Beruhigen sie sich, Sir. Das tut ihrer Gesundheit ungut. Die Überprüfung läuft!“

Leeson griff sich ruckartig an den schmalen schwarzen Kragen. Die Adern des Mannes stauten sich pulsierend an dessen engen Bund. Er begann hektisch einen der Knöpfe zu öffnen.

„Er ist bei einhundert Prozent Sir–kerngesund.“

Die Gesichtszüge des Mannes erstarren. Ein Knopf sprang aus seiner Naht.

„Korrektur an das System!“, Leesons Stimme krächzte schrill.

„C-4-8 liegt bewusstlos am Boden. Räumlichkeit, Steuerkabine. Schicken sie Paulsen! Woher beziehen sie die Info?“

„Negativ, Sir. Beauftragter Porky befindet sich in der Kommunikationszentrale, Deck zwei.“

Leeson wuchtete seinen mächtigen Körper aus der Hocke hinauf zum Steuerpult. Zwei schnelle Klicks, ein Gesichtsscan–ehe ein markerschütternder Alarmton erklang. Die Standartbeleuchtung deaktivierte sich binnen Sekunden–stattdessen aktivierten sich lange Schwarzlichtstrahler und ließen die Uniformen und markanten Konturen des Innenraums gespenstig aufleuchten.

„System! Mögliche Kollisionsobjekte prüfen und Ausweichmanöver einleiten. Kodierten Systembericht in die Kommunikationszentrale senden. Und schicken Sie schleunigst Paulsen hier her!“, gab Leeson der Konsole zu Befehl. Er neigte sich nach vorne und senkte seine Stirn auf die Höhe der schmalen Glasscheibe. Verängstigt suchten seine glänzenden Augen das tiefe Schwarz ab. Nichts, rein gar nichts war zu erkennen. Er kehrte sich um und ging in schnellen Schritten der Tür entgegen.

Mit dem weichen Zischen sich anziehender Druckluftkolben, wichen die beiden Plastikscheiben elegant beiseite. Ein sperlich vom Schwarzlicht erhellter Rundgang offenbarte sich dem Kommandant. Zu seiner Linken führte der circa vier Meter breite Gang eben um eine Kurve, während er zur Rechten des Mannes in selbiger Biegung anstieg. Kurz entschlossen wählte Leeson die rechte Seite. Eilig folgte er der neon-leuchtenden Wegmarkierung am Boden, vorbei an den umrahmten Schleusentüren, andauernd weiter hinauf. Immer schneller wurden die Schritte des Mannes, hinein ins schummrige Unbekannte des Rundgangs–kein Besatzungsmitglied war zu sehen, niemand war zu hören–nur der lautstarke Kollisionsalarm der höchsten Stufe.

Leeson rannte. Auf dem Gang sollte man sich aufhalten während des Alarms um abrufbereit zu sein. Aber es war niemand da. Der spiralförmige Aufgang war auf der Höhe der zweiten Ebene angelangt und ebnete sich wieder für eine Umrundung. Gleich würde der Kommandant vor der Schleuse zur Kommunikationszentrale stehen.

Er stockte. Die Tür zu eben diesem Raum stand offen. Buntes Licht drang auf den, in monotonen neon-Farben leuchtenden Gang. Der Alarm verklang im Hintergrund–leises Murmeln forderte die Aufmerksamkeit Leesons. Langsam näherte er sich dem Raum. Seine Blicke krochen um die Ecke und erblickten ein Bild, welches er bereits erahnt hatte.

Eng beieinander stand der restliche Teil der Besatzung in dem kleinen Raum über der Steuerkabine. Einige drückten ihre blassen Gesichter gegen die dunkle Scheibe, andere starrten gebannt auf die Kontrollinstrumente. Der Kommandant, welcher nun hinter den Besatzungsmitgliedern im Raum stand beeindruckte keinen. Entsetzt wand sich Leeson durch die kleine Menge an Leuten. Marques, der digital-beauftragte Leiter der Mission stand verständnislos am holografischen Ausgabegerät.

„Haben Sie das angefordert Sir?“ Seine Blicke überflogen den kodierten, wirren Text auf der grünlichen Anzeigetafel.

„Ja!“, stieß Leeson hervor und boxte aus Versehen seinen ersten Offizier Fergusson in die Seite, als er sich das letzte Stück zu Marques, seinem mehr als nur gescheiten, französischen Experten durchzwang.

„Porky hat das Bewusstsein verloren, als er mir eine Mitteilung machen wollte. Trotzdem hatte ich die Auskunft bekommen, dass er bei voller Gesundheit sei. Ein Systemfehler?“

„Hat er vor einer Kollision gewarnt?“, kam es Paulsen ungebremst über die Lippen.

Fragend wandte sich Leeson um. „Ja?“

„Ich wäre froh, wenn es einer wäre.“, bekundete Marques, während er sich auf einen der beiden Sitze fallen lies. Selbst seine dunklere Hautfarbe, wurde an den Wangen erschreckend bleich.

„Wie meinen Sie das Marques?“, die Wut des Kommandanten entlud sich. Wut über etwas, wovon er eben noch nichts wusste. „Würde mir mal irgendjemand sagen was hier los ist!“

Marques fuhr sich durch sein wirres Haar, richtete sich auf und ging wieder auf das Hologram zu.

„Schauen sie. All die Angaben und Kodierungen stimmen. Von der Besatzung, über das System hinweg bis hin zu den Statuseigenschaften und dem Informations-Bezugspunkt des Systems.“

„Also bedeutet das, dass unser Computer richtige Informationen bezieht? Aber weshalb sind die richtigen Informationen–„, er stockte einen Moment und schluckte tief. „(…) falsch?“

„Sehen sie diese Zeile hier?“

Marques deutete mit seinen schlanken Fingern in eine Spalte zwischen all den wirr verteilten Zeichen.

„Das sind unsere ‚theoretisch-dreidimensionalen Koordinaten–das sollten sie zumindest sein. Diese Koordinaten sind dem Bezugspunkt zugeschrieben, den Digot-Einträgen.“

Der Kommandant inspizierte die Reihe genau. Versuchte zu verstehen.

„Ich möchte mich nicht festlegen, aber das scheinen mir die richtigen Koordinaten zu sein. Wir waren zuletzt im zu diesen Koordinaten angrenzenden Quadranten unterwegs. Folglich sollten diese hier nicht allzu falsch sein?“

Marques schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Die Koordinaten sind exakt, das hatte uns Porky noch bestätigt ehe es ihn wahrhaftig überwältigte. Es gibt nur einen Fehler!“

Er blickte Leeson an.

„Sie sind negativ, gekehrt!“

Es traf den Kommandanten wie ein Schlag. Seine Knie verloren einen Moment an Kraft, er wankte–Paulsen konnte eben noch seinen Arm ausstrecken um den Mann vor dem Kippen zu bewahren.

„Es ist, als hätte man das Koordinatensystem gekehrt. Als sei man am Mittelpunkt angekommen und darüber hinaus–wo sich x, y und z kreuzen.“, fuhr Marques fort.

Leeson wurde es flau im Magen. Immer weider verschwammen die Konturen um ihn herum.

Eine elegante, kleine Hand zwang sich durch die eng stehende Reihe. Mara, die junge Interstellar-Biologin deutete mit zittrigem Arm auf das Radarfeld.

„Als würde man uns spiegeln!“–Ihre sonst so sanfte Stimme bebte.

Ihr kleiner Körper zwang sich an dem Leesons vorbei. Ihre Augen, rot unterlaufen und die weißen, kurzen Haare zu einem unsauberen Dutt gebunden.

Sie näherte sich dem grün leuchtenden Radar.

„Darf ich?“, richtete sie sich an Marques.

Er löschte in einem schnellen Zug die holografische Anzeige von dem Digitalen Ausgabegerät und gab mit einer wilden Geste Mara den Bereich frei. Interessiert starrten alle auf die Handlungen der jungen Frau.

Sie setzte sich nieder, gab mehrere Befehle in die blinkende Konsole ein, ehe sie eine bestimmte Option auf einem der Bildschirme freigeschaltet hatte. Schnell flitzten ihre Finger zu der kleinen Anzeige und aktivierten eine Funktion.

Das eben noch altmodisch scheinende, zweidimensionale Radar übertrug sich in die Holo-Präsentation und generierte ein dreidimensionales Bild des weiten Umfeldes.

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Es war nicht der Fakt, dass ein ebengroßes Objekt kurz davor war mit ihrem Schiff zu kollidieren, was die Besatzung in einen fürchterlichen Schock versetzte–sonder dieser, dass jenes Objekt ein Raumschiff war, welches dem ihren genau identisch schien und mit seiner Position die negativen Koordinaten genau verzeichnete.

„Das System hat die Daten des falschen Schiffs bezogen.“, kam es ächtzend aus Marques.

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II.

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„Hier spricht die Porux-Vier. Wenn sie diesen Funkspruch erhalten antworten sie!“, donnerte Porkys Stimme in das Funkpult.

Es hatte nicht lange gedauert ihn wieder zu vitalisieren, nachdem Paulsen ihm ein Energieserum injiziert hatte.

„Antworten sie! Wir laufen Gefahr zu kollidieren!“

„Wollen wir es nicht mit einer Universalkodierung versuchen, falls es doch keine Menschen sind?“, warf Marques ein.

„Sie haben eine eindeutig irdische Kennung–und wenn es keine Menschen sind, dann wäre es jetzt sowieso zu spät für alles!“

Er lehnte sich wieder über das Pult. „Porux-Vier an Porux-Kader, bitte um Antwort.“

„Lass es gut sein Porky!“ Leesons Stimme hallte vom Gang her in die hell erleuchtete Kommunikationszentrale.

„Was ist los?“

„Ich bekomme unten unsere eigenen Funksprüche rein, wie auch immer das technisch möglich ist.“

„Wir sind in einer Art Kehrschleife–ein elektromagnetisches Feld könnte der Auslöser sein oder auch ein Materiennebel, den die Instrumente nicht erkennen.“, mischte sich Marques mit ein.

„Nein, es ist noch viel verworrener! Ich habe versucht ein Ausweichmanöver einzuleiten, manuell–der Computer arbeitet nicht mehr. Jede Bewegung die wir machen, wird von unserem mysteriösen Gegenüber imitiert. Nur wenn ich unsere Geschwindigkeit drossel, beschleunigt das andere Schiff. Das selbe auch umgekehrt.“

Porky schiebt das Pult zurück in die Konsole. „Wir sitzen fest?“

„Wir sind eingeschränkt.“

Leeson zieht das Funkpult zu sich hinüber und erntet damit einige misstrauische Blicke der beiden anderen. Er schaltet auf die interne Kommunikation um und beginnt zu sprechen.

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Paulsen war gerade dabei sein Serum für die Spritzen wieder aufzufüllen, als durch den Lautsprecher an der Wand des kleinen, grellen weißen Behandlungsraums die Stimme des Kommandanten ertönte: „Wir sind in diesem Quadranten wie in einem Spinnennetz gefangen, in unseren Handlungen eingeschränkt und kommunikationsunfähig. Jede Aktion die wir durchführen, trifft auf digitaler oder verheerend realer Weiße auf uns zurück. Es gibt nur einen Weg herauszufinden, in welcher verstrickten Situation wir uns hier festhalten–unserem Gegenüber entgegenkommen. Die Durchführung startet in genau einer Stunde. Sämtliche Vorbereitungen müssen bis dato getroffen sein!“

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„Eine radikale Entscheidung, die du vielleicht hättest noch einmal überdenken sollen, bevor du sie an alle durchgibst?“

Schnippisch rümpfte Porky die Nase. Er war kein Bewunderer einer solchen Spontanität.

„Ich möchte handeln, solange ich es noch kann. Vielleicht passiert ja nichts–aber vielleicht sind wir jeden Moment tot, weil wir mit diesem Ding zusammneprallen!“, entgegnete Leeson gereizt.

„Ich möchte, dass du Marques, die Digot-Einträge an Porux-Drei exportierst. Irgendwer soll unsere Informationen erhalten haben, sollte es zum Schlimmsten kommen.“

Maques gesenkter Kopf mit den dunklen, gläsernen Augen nickte schwach, ehe er aus dem Raum eilte.

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Angespannt saß die Besatzung in der Steuerkabine. Leeson zusammen mit Pilot Vander auf den beiden Schalensitzen am Steuerpult. Letzte Einstellungen wurden getätigt, Automatiken deaktiviert die Triebwerke auf maximale Schubkraft vorgeladen.

Leeson deaktivierte jegliche Beleuchtung und Energieverbraucher an Bord und zuletzt auch die Drehung des Hauptrings, womit die Schwerkraft aussetzte–dann war es soweit.

Die Luft war dick und zäh, ließ die Herzen schneller schlagen und die Atemzüge erschweren.

Vorsichtig erhöhte Vander die Energiezufur der Triebwerke, aktivierte den Schub und beschleunigte das Schiff. Er war einer der besten, vielleicht ja sogar der beste Pilot der Flotte–aber in dieser Situation konnte das nicht zwingend eine Hilfe sein.

Immer näher kam die Porux-Vier ihrem sonderbaren Ebenbild. Jenes Ebenbild welches im Gegensatz zu dem ihrem immer langsamer wurde.

„Kollisonsgefahr! Achtung, Kollionsgefahr! Ausweichmanöver bestätigen!“, zischte plötzlich die surreal helle Stimme des Sprachassistenzsystems durch den Raum.

Wie von den Toten erweckt schossen alle aus ihren zermürbenden Haltungen, starrten gen Fenster, verwundert von der plötzlichen Option des Autopiloten, welcher bisher blockiert hatte. Nur noch Sekunden trennten die beiden Raumschiffe von einander.

Leeson wandt sich zu seiner Crew um–niemand hatte damit gerechnte, dass sich der Bordcomputer noch einmal zu Wort melden würde, nachdem die analogen Assistenzssysteme deaktiviert worden waren. Ihr Plan war, sich dem Schiff gezielt zu nähren und genaue Blicke während dem riskanten Anflug zu erhaschen. Doch die Angst vor einem Misslingen des Versuchs siegte.

Bittende Blicke und nickende Gesichter starrten in die leeren Augen des Kommandanten. Er wandte sich zurück zum Pult, gab Vander ein Zeichen. Dann schlug er mit voller Wucht auf die Bestätigung für das Manöver. Unter lautem, schrillen Zischen aktivierten sich die Zusatztriebwerke. Wie versteinert starrten alle nur noch auf das Geschehen draußen vor der Scheibe.

Das andere Schiff war genau vor ihnen, ein oder zwei Flügellängen entfernt. Es kam ihnen vor als hätte man die Zeit gedehnt in welcher sie auf das dunkel glänzende Schiff, in solch irrsinniger Geschwindigkeit zuglitten. Waren dort auch Menschen in der Steuerzentrale? Man sah es nicht.

Nur knapp verfehlten sich die Außenseiten der Schiffe–als plötzlich ein Knall ertönte. Ein hallender Knall, welcher in ein krächzendes Zischen überging. Das Blickfeld verzerrte sich. Licht erschien im dunklen Nichts.

Geschwächt vor Schock, sackte einer nach dem anderen zusammen.

Leeson blickte sich angestrengt und erschrocken um, dann verlor auch er das Bewusstsein.

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III.

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Ein heftiger Schlag schüttelte die Porux durch. Das schrille Geräusch von aufeinander reibendem Metall hallte durch die tiefgefrorenen Gänge.

Leeson hob seinen Kopf aus der Senke. Schwer benommen schaute er sich um. Mit dem gelblichen Nahrungsgas–einer Substanz die bei langer Zeit ohne Rückmeldung der Crew in die Innenräume gepumpt wurde und über das einfache Einatmen einen Menschen ernähren konnte, schien die gefrorene Steuerkabine wie ein gespenstiges, metallenes Moor im Spätherbst. Weiß, kalt, mit diesem unangenehmen gelben Dunst. Die Scheibe war komplett gefroren, undurchsichtig. Leeson schnallte sich los, sackte aber sogleich geschwächt auf den Boden.

„System?“, kam es schwach aus seinem kalten Rachen.

Einige Anzeigen leuchteten auf Kommando unter der milchigen Eisfläche auf.

„Bericht!“

„Willkommen Kommander Leeson!“, meldete sich die leicht verzerrte weibliche Stimme des künstlichen Assistenzsystems.

„Digot-Eintrag der Porux-Vier. Siebzehn Uhr und zwölf Minuten irdischer Zeitrechnung. Dauer der Mission gemessen an der Systemabkopplung in Housten am zehnten Juni zweitausendneunundneunzig; dreihundertundvierzig Tage. Basisfunktionen eingeschränkt. Sensoren melden keine Störung. Gesundheitlicher Zustand der Besatzung beträgt fünfzig Prozent, aufgrund der Erhaltungsmaßnahmen.“

Der Kommandant sackte wie ein schlaffes Bündel auf dem Boden zusammen.

Geschwächt kroch er um seinen Stuhl herum, um einen Blick auf den restlichen Bereich zu werfen.

„Wir haben Schwerkraft!“, murmelte Leeson mit verstörter Erkenntnis. „Das dürfte im Erhaltungsmodus nicht der Fall sein und–„, er lauschte, konnte aber keine Geräusche der Generatoren wahrnehmen. Verwundert kroch er weiter.

Wie leere Hüllen hingen die Körper der Besatzung auf den Sitzen. Schlaff, weiß und eißig kalt.

Mit aller Kraft richtete sich Leeson auf, zwang seine Beine ihn aufrecht zu halten. Angestrengt schleppte er sich von Stuhl zu Stuhl, der Tür entgegen. Immer wieder ertönten dumpfe Schläge auf die Ausenwand des Schiffes, welche Leeson aber nur unterbewusst wahrzunehmen vermochte.

Er steuerte den Notfallkasten auf dem Gang an. Eine kleine, in die Wand eingelassene Box mit einem ikonisch roten Kreuz.

Vom Türrahmen aus taumelte er mit unkontrolliert hastigen Schritten dem markanten Symbol entgegen–prallte hart gegen die Wand, konnte den Koffer aber noch packen, ehe er wieder zu Boden stürtzte. Gierig riss er den Verschluss auf, griff sich eine der leuchtend rosa-farbenen Energiespritzen und drückte sie sich ungehindert ins Bein. Ein kurzer Schmerz durchfuhr ihn. Leeson wartete nicht auf die Wirkung. Er griff sich die Zweite und kroch zurück in den Raum. Die suchenden Blicke des Mannes schwiffen unbeholfen umher, krochen die kalten Körper hinauf und starrten den ohnmächtigen Besatzungsmitgliedern in die schlaffen Gesichter.

Da war er, der sauber gestriegelte dunkle Haarschopf Porkys. Leeson wuchtete seinen Körper gequält zu seinem Kommunikationsbeauftragten und rammte auch ihm die Spritze ins Bein.

Wie nach langer Atemnot prustete der junge Mann los, sein Burstkorb pulsierte im Takt der intensiven Atemzüge. Ihm war schwindlig zumute.

„Leeson–Sir, wo–was …“ Porky stotterte überwältigt von der Situation.

Seine angsterfüllten Blicke schauten sich bangend um.

„Was ist passiert? Was ist hier los?“

„Irgendetwas hat uns unmittelbar nach der schieren Kollision schwer zugesetzt. Wir waren Monate ohne Bewusstsein!“

Leeson richtete sich auf, die Wirkung des Serums hatte eingesetzt. Unsicher wankte er auf den gebrechlichen Beinen. Nicht nur sein Geist hatte gelitten–besonders auch sein körperlicher Zustand lies mit den fünfzig Prozent die er lieferte, sehr zu wünschen übrig. Mehrere Monate in der Unbeweglichkeit, in einem schwerelosen Raum–das zehrte an Knochen und Sehnen.

Wieder waren Schläge und ein kratzendes Reiben an der Außenwand zu vernehmen.

Porky schreckte auf.

„Was ist das?“

„Die Schwerkraftsrotation muss sich vor einigen Tagen selbst aktiviert haben, als mein Zustand in die Phase des Aufwachens überging. Es scheint mir, als hätte das Schiff einen Schaden davongetragen–dass etwas am Außenring klemmt oder blockiert.“

Plötzlich hoben die Füße Leesons einige Zentimeter vom Boden ab–ehe er sich im nächsten Moment am Stuhl festklammern musste um nicht zu stürtzen.

„Das ist jetzt schon der zweite Schwerkraftsausfall, was meine Vermutung nur bestätigt.“

Porky nickte traumatisiert.

„Sieht man dort draußen etwas, haben sie die Koordinaten geprüft?“

Leeson verneinte verzweifelt.

„Die Scheiben sind noch vereist–die Instrumente hier geben nicht viel her.“

Wie vom Blitz getroffen, riss Porky die Augen weit auf. Er stürtzte sich regelrecht aus seinem Sitz und wankte stolpernd der Tür entgegen. Leeson versuchte ihm zu folgen, doch es fiel ihm schwer mit Porky mitzuhalten. Dieser humpelte unsicher aus der Schleusentür, welche deaktiviert offen stand und bog nach rechts ab.

„Porky, warten Sie!“, hallte Leesons Stimme dem eilenden jungen Mann nach.

Porky stolperte, fing sich auf allen Vieren ab–krabbelte einige Meter ehe er sich an einem Türgriff wieder aufrichtete. Er spurtete weiter, der Kommunikationszentrale entgegen–seine schlimmste Befürchtung in Gedanken.

Angestrengt zerrte er an der Schleusentür zu dem kleinen Raum. Sie stand nur minimal offen, ließ sich jedoch mit einem heftigen Ruck weiter öffnen. Porky zwang seinen schmalen Körper durch den nun ausreichend weiten Spalt und sah sich kurz um. Der Raum war nur abgekühlt, nicht jedoch gefroren wie die anderen. Ein erneut heftiger Schlag auf das Raumschiff, schleuderte ihn auf einen der Schalensitze. Er schaltete die große Plastikkonsole an und aktivierte alle wichtigen Funktionen zur Lokalisierung. Schalter und Anzeigen begannen zu leuchten und ein langes, kodiertes Protokoll lief den kleinen flackernden Bildschirm hinab.

Im Augenwinkel erhellte plötzlich eine unscheinbare Lichtquelle das sonst schwarze Nichts vor der Scheibe.

Zittrig richtete sich der Kommunikationsbeauftragte auf–nährte sein Gesicht der schmalen Scheibe und schaute hinaus. Seine Gesichtszüge entgleisten.

Er konnte ein Versorgungsschiff aus dem Porux-Geschwader identifizieren, welches einen langen Kopplungsschlauch in Richtung der Porux-Vier gestreckt hatte. Langsam, wie eine mystische Halluszination, erhob sich die blaue Erde aus dem linken Winkel des kleinen Glasstreifens der Zentrale. Porkys Puls stieg ins unermessliche.

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Kommandant Leeson erreichte schleppend die Schleusentür der Kommunikationszentrale und zwang sich durch den engem Türspalt. Eine schaurige Stimmung füllte den kühlen Raum, in welchem der Porky noch immer wie gefesselt von dem Geschehen an der Scheibe klebte. Neben ihm leuchteten, im gelbichen Nebel des Nahrungsgas, groß und grün die Koordinaten der Porux-Vier auf der holografischen Anzeigetafel.

Ein Minuszeichen prangerte vor den Zahlen.–Sie waren ungewollt im gekehrten System angelangt!

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IV.

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Rötliches Gas füllte die Gänge und Räume der Porux. Es srömte aus einem Schlauch, welcher sich wie ein Wurm durch die Außenwand gebohrt hatte. Wieder bewusstlos, betäubt von diesem Gas, lagen Porky und Leeson regungslos beisammen.

Das Schiff der Besatzung glitt, gesteuert von zwei kleinen Schlepper-Drohnen, auf eine große Raumstation zu. Ein verworrener Quader mit einem breiten Hangar, aus welchem eine Art dicke Nadel hervorstand. Auf eben diese, wurde das Schiff, welches aufgrund des Rings über einen passenden Hohlraum verfügte, aufgeschoben. Hinter der Porux schlossen sich die massiven Schleusentore der imposanten Station.

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Kleine Greifer befestigten die metallische Außenhülle des Raumschiffs an der dicken Röhre. Ein lautes Surren, ging von der Station aus–die Schwerkraftsgeneratoren aktivierten sich und Sauerstoff wurde in die Halle gepumpt. Eine Rampe steuerte sich automatisiert auf die Außenschleuße der Porux zu und verankerte sich mit kleinen Wiederhaken an der vorgesehenen Halterung.

Ein Konterminationstrupp in speziellen, weiten, glänzend-roten Raumanzügen von etwa zwei Duzend Mann erschien in dem großen, rustikalen Innenraum und kam der Rampe entgegen. Zwei Männchen der Truppe trugen große Koffer bei sich, während andere mit
Opta-Pistolen bewaffnet waren–einer monekular-Waffe, welche sich in der interstellaren Nutzung, Ende der zweitausendachtziger Jahre etabliert hatte.

Mit einem Kodierungs-Gerät öffnete die Gruppe die Zugangsschleuße und verschwand kurz darauf im Inneren des Schiffs.

Durch die verworrenen Nebelschwaden steuerten sie gezielt auf die beiden übereinander positionierten Zentralen der Porux zu. Durch das Zugangsgerät hatten sie auch die Möglichkeit, auf das System zuzugreifen und von der Identifikation bis hin zu den Aufenthaltspunkten der Besatzung und deren Gesundheitszustände alles festzustellen. Die Männer mit den Koffern trennten sich, beide steuerten auf eine andere Zentrale zu um dort Gebrauch von dem Inhalt der Koffer zu machen. In der Steuerzentrale öffnete der Trupp den Ersten. Handschellen und Spritzen waren darin in genauer Anzahl gestapelt.

Sie begannen mit Paulsen–legten dem bewusstlosen Arzt Handschellen an und drückten ihm die mit Calcium angereicherte Injektion in den Arm, um die Knochen für kommende Aktionen zu stärken. Dann setzten sie das Verfahren mit den anderen fort.

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Eine knappe halbe Stunde später, konnte man beobachten, wie Personen in roten Raumanzügen die Besatzung der Porux-Vier auf Supraleit-Tragen aus dem Raumschiff transportierten.

Nur wenige Meter nach der Rampe, verschwand die Gruppe mit der Besatzung in einer breiten, ovalen Luftschleuse.

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V.

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„Sie sind zurück auf–naja, zumindest bei der Erde!“, polterte der, in förmlich schwarzer konturenloser Uniform gekleidete Offizier durch eine Öffnung in der breiten Panzerglasscheibe. Der grauhaarige Herr mit der kleinen grünen Steckplakette an der Brust, auf welcher der Name ‚Theor Baker‘ und, ‚Erstkommunikator AI.L.‘ des Wirtschaftskonzerns PORU-X leuchtete, saß in einer kleinen, monotonen, grauen Kammer mit einer einzigen schmalen Tür als Fluchtpunkt. Vor ihm die hohe Scheibe, hinter welcher sich eine Kammer des wahrlichen Verderbens befand. Vorgesehen für halluszinierende Astronauten, welche sich hier ausruhen sollten nachdem sie mit den giftigen Gasen in den Mars-Minen in Kontakt kamen. Eine große, sterile Gummizelle mit nur einem kleinen Fensterstreifen, wie es auch in den Zentralen der Porux-Vier der Fall war. Man konnte das beruhigende Blau der Erde sehen, welche sich im Licht der Sonne vor der Station auftat.

Marques starrte als einziger hinaus. Der Rest der Mannschaft, saß gedankenlos auf dem Boden.

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Leeson schlug mit der Faust gegen das Glas–der Herr auf der anderen Seite zuckte kurz zusammen.

„Wir sind die Besatzung der Porux-Vier, welche am zehnten Juni zweitausendneunundneunzig in Housten gestartet ist, um dem Rest der Flotte auf die Erkundung des Algebra-Systems zu folgen!“

„Ja, das kann ich auch bestätigen. Aber …“

Leeson unterbrach ihn.

„Aber wir sind nicht wieder zurück in unserem Sonnensystem! Dies hier ist ein fremdes!“

Schweiß lief seine Wangen hinab und schaumige Spucke sprudelte über seine roten Lippen. Kopfschüttelnd versuchte der Kommandant eine gut klingende Erklärung zu finden.

„Und genau hier wird es komisch.“, fügte Baker ruhig hinzu. „Sie wissen doch bestimmt, wie verrückt das klingt, was sie hier von sich geben?“

„Ich sagte ihnen bereits, dass ich es ihnen gerne näher erklären würde, wenn ich es könnte. Wir sind am Rande des Algebra-Nebels, vor dem eigentlichen Ziel auf ein Ebenbild unseres Schiffes und wahrschienlich sogar unserer Crew gestoßen. Die Systeme haben falsche Daten bezogen und unser Gegenüber hat die unseren Handlungen gespiegelt.“

Baker schüttelte genervt den Kopf.

„Die Digot-Einträge ihres Schiffes fehlen. Womöglich sind sie in ein Elektromagnetischen Nebel geraten und haben eine Digitale Fehlfunktion erlitten, welche auch ihre Lebenserhaltungsmaßnahmen aktiviert hat–was bei Ihnen–„, er macht eine theatralische Pause–„diese Verwirrung hervorgerufen hat.“

Rot vor Wut prustete Leeson heraus: „Die Digot-Einträge wurden an Porux-drei exportiert! Auch das hatte ich bereits erwähnt!“

„Nur dass Porux drei keinen Digot-Export empfangen hat!“, schrie nun auch Baker und richtete sich wütend auf.

Leeson japste nach Luft.

Dann verstummten beide, starrten sich in die Augen.

„Ich werde die Sache mit den Koordinaten prüfen lassen.“, sagte Baker in ruhigem Ton, während er seine Notizen abspeicherte. „Nur können diese nichts beweisen.“, setzte er fort und wandte sich der Tür entgegen.

Leeson entspannte seine Glieder und blickte dem Mann nach.

„Wissen sie -„, Baker kehrte sich noch einmal um und lauschte. „Wir hatten den Auftrag, im Algebra-Nebel nach intelligenten Spezies zu suchen, deren Anzeichen wir zuvor ausgemacht hatten.“

Baker zog ein kleines weißes Tuch aus der Brusttasche und tupfte sich die glänzende Stirn.

Wie ein bissiges Tier fletschte Leeson die Zähne, setzte seinen Satz in zischendem Ton fort:

„Das, auf was wir hier gestoßen sind, ist jedoch keine intelligente Lebensform. Denn diese Spezies begreift nicht, dass es vielleicht etwas gibt, was sie sich noch nicht erklären kann!“

Baker wendete sich verärgert ab und verließ den Raum.

Leeson versuchte seine Atmung wieder zu kontrollieren. Sein Herz raste und seine Adern pulsierten.

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„Wir sind wie Kolumbus, Sir.“, kam es von Marques, der immer noch aus dem Fenster guckte.

Verwirrt drehte sich Leeson um und schaute zu dem jungen Franzosen hinüber.

„Wir wollten eine Welt entdecken, von der wir wussten, dass sie irgendwo dort sein müsste. Doch anstatt dieser Welt sind wir auf eine gestoßen, welche uns so ähnlich ist; und doch, noch gar nicht versteht.“

Stille füllte den Raum.

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Zukunftssterben

Fergusson saß am Boden seines abgedunkelten Apartments. Ein riesiger, leerstehender Raum – monotone Wände und eine einzige, graue Tür als Fluchtpunkt zu jener großen Welt dort draußen. Wie die kleinen Terrarien im Zoo, so sah das aus. Drei dicke Plastikwände und eine gigantische Glasfront zur Straße. Nur fehlte in diesem Fall das Leben – eine Darbietung in dieser kleinen Box – die Präsentation eines Mottos im Inneren, wie ein Theater. Die leeren, strapazierten Augen des jungen Mannes in seinen engen Jeans und weißem Hemd, welcher sich das blonde, glänzende Haar sauber nach hinten gestrichen hatte – sie starrten durch das kalte Fenster hinaus in die pulsierende Welt. Während an der Scheibe dreckige Regentropfen hinabrinnten, füllten auf der breiten Straße verschiedenste Menschen das Viertel. Viele liefen in extravaganten, im Regen schillernden Mänteln umher – andere wiederum in schlichten, gar unscheinbaren Klamotten. Ein vielfältiges Spektrum an Kleidunsgsstilen konnte man in dieser Gegend der Stadt bewundern und das nicht grundlos. Es war einiges passiert seitdem im Jahr zweitausenddreißig der große Umbruch geschah. Man hätte es schon seit anbeginn des Jahrhunderts vorhersehen können, aber das war jenes Jahr, in welchem die Technik- und Unterhaltungsbranchen eine deutliche prozentuale Übermacht auf dem Arbeitsmarkt erlangten. Menschen waren zu Minimalisten geworden, unterhaltungsgierigen Monstern die ihre Zukunft in kleinen digitalen Geräten und einer kodierten Verbundenheit sahen. Von künstlichen, vermütterlichten Assistenten, welche einem das Denken abnahmen, bis hin zu einem ausführlicheren Wissen über das Leben der Bekannten, als viel mehr über das eigene; stellten die Problematik bloß. Die Macht der Einbildung gebildet zu sein, beflügelte das selbstbewusste Handeln und erblindete den Blick auf das große Ganze: Eine Welt für die Zukunft, eine gesunde Welt, ein langes Sein der Menschheit.

Was wurde aus der Blindheit der Schafe, unscheinbare Nutztiere unter der Herrschaft der wohlverdienenden Wölfen. Konzerne welche sich über die Bedürfnisse stellten, die Grundlagen lieferten und die Nachfrage überteuert beantworteten.

Nicht einmal diese Übermacht war im Stande dazu, klar voraus zu blicken – zu sehen, auf was dieses Pack an Lebewesen zusteuerte. Man machte Geld, mehr und mehr. Trillionen schwere Firmen waren schon bald keine Seltenheit mehr. Man produzierte unnütze Neuheiten, verdiente viel, zahlte mehr, gab mehr aus. Inflation, das erste Problem! Aber in welcher Gesellschaft? Wie sah diese aus, als sich die Problematik des vorangegangenen Jahrhunderts wiederholte – wie hatte sich die Welt verändert?

Die Metropolen waren digital mutiert.

Fergusson Hendry richtete sich auf, wie gelähmt wankte er der Tür entgegen und verließ die Wohnbox.

Gelangweilt wandelte er durch eine kleine Nebenstraße, mitten in NewYork. Der Hunger hatte den dürren Mann gepackt und zwang ihn, an diesem späten Abend noch einen Imbiss oder den Standort einer, vieler Fastfoodketten aufzusuchen. Hohe, dunkle Wände aus rauem Plastik stachen an den Seiten der knapp zwei Meter breiten Gasse empor. An deren Ende stach grelles, buntes Licht zusammen mit einem Rauschen aus Schritten, triebwerken und wilden Unterhaltungen hervor. Leuchtende Konturen zogen sich um seinen Körper, den hohen Kragen des langen Mantels, dessen grelles grün im Dunkeln der Gasse nicht zu erkennen war – und seine weiten Hosenbeine, deren Jeansstoff er an den Enden sorgfältig nach oben gefaltet hatte.

Fergusson bog aus der Gasse, ein in den wirren Trubel beschäftigter Menschen. Jede Person hatte etwas leuchtendes bei sich – Geräte, digitale Hilfsmittel.

Weit verbreitet waren Smartcards, kleine randlose Bildschirme welche alle wichtigen persönlichen Dokumente und alltägliche Programme speicherten, Nachfolger der ehemaligen Smartphones. Man hatte mittlerweile alles online, von Geld das in Papier- und Münzform nicht mehr akzeptiert wurde, bis hin zu der altbekannten Telefonfunktion – welche in einer solch überdigitalisierten Welt nicht mehr von nöten war. Manche trugen aber auch digitale Brillen – die wahrlich intelligente Alltagshilfe, versehen mit den verschiedenen Assistenten. Wenn man mal nicht auf menschlichen Kontakt aus war – und das waren reichlich wenige Leute, dann musste man nur mit seiner Brille sprechen. Überweisungen, Umgebungsinformationen, Stadtpläne oder auch das Reservieren von Restaurantplätzen. Paare analysierten während ihren Dates die Emotionen des Gegenüber, kommentierten nebenbei Urlaubserlebnisse der Besten und Politiker schauten belustigt Komödien während wichtigen Debatten.

Und all das wissen über die eignetliche Persönlichkeit trat man wiederwillig in den grollenden Schlund der Institutionen und Konzerne.

Solange man Geld für Unterhaltung hatte, lebte man ein zufriedens Leben und war bereit auf mehr zu verzichten, als man für möglich hielt. Und genau das hatten sich die großen Wirtschaftskonzerne zum Vorteil gemacht.

Jeder wollte ein Star sein, jeder wollte ein eigenes Statussymbol des Wohlstands präsentieren können. Jeder wollte so viel Geld machen, um sorglos zu leben. Die Antwort der Wölfe – eine kolossale Wendung.

Durch den eben erst im Bauwesen etablierten 3D-Druck angetrieben, stampfte man binnen kurzer Zeit rießige Gebäude aus dem Boden. In Großstädten und Vorstädten entstanden die Unterhaltungsterrarien, wie sie von Kritikern des Projekts geschimpft wurden. Wie die durchsichtigen Süßigkeiten-Regale in Kinos und Supermärkten, aus welchen man sich selbst schöpfen konnte, so sahen diese gigantischen Bauten aus. Quaderförmige Blockbauten, welche zu einer Seite komplett gläsern waren. Hinter den großen quadratischen Scheiben, welche die ebene Außenseite strukturierten, befanden sich kleine Wohnungen. Jeder der darin lebte, präsentierte sich, Tag und Nacht. Gestaffelt über drei Stockwerke, durchdacht, aufgeteilt in funktionale Etagen.

Wer etwas direkt präsentieren wollte, ein Geschick, eine Kunst, eine sonstige Begabung – der richtete sich in der unteren Etage ein. Aber auch Lokale oder Markteketten nutzten diese Präsentationsflächen. Man begann mit dem aktiven Geschäft zu werben – man sah in den Räumen der Fastfoodketten, wie sich Leute das Essen hinter verzierten Fenstern schmecken liesen und reagierte selbst interessiert. So konnte man direkt, mit den potentiellen Interessenten auf der Straße interagieren und diesen jene Aktion präsentieren, welche man so selbstsicher vertrat.

In der Mitte brachten sich digitale Sportler unter, einflussreiche Personen welche Mitteilungen machen wollten und kleine moderierte Gesprächsrunden, welche über beliebige Themen debattierten.

Die obere Etage war vergleichse privat. Man verkaufte seine freie Sicht auf die Stadt für gut bezahlte Werbeanzeigen, welche auf die Scheiben projeziert wurden und so eine gewisse Privatsphäre hinter verschwommen-leuchtenden Farben einer Werbeanzeige über das Neueste-vom-Neuen gewährleisteten.

Manche schalteten zusätzlich noch spezielle Kodierungen auf die Scheiben, über welche man an die jeweilige Darbietung Geld spenden konnte.

Wie Käfige zogen sich diese leuchtenden Mauern an den Seiten der Straßen und Gassen in die Höhe, bedrängten einen mit visueller Freiheit; und Vielfalt wurde neben all den Gleichgesinnten zu einem einseitigen Erlebnis.

Über die Jahre hinweg wurde dieses System der allzeitigen Unterhaltung immer beliebter, Interessenfelder schlossen sich der Präsentation an und die Geschmäcker weiteten sich ins absurde. Von Tieren, welche man in blinkenden Boxen einsperrte und sich an ihrem folglichen Verhalten amüsierte, über Eltern welche ihre Kinder öffentlich großzogen, bis hin zu erotischen Darbietungen über ganze Blocks hinweg. Man staffelte die Themengebiete in verschiedene Stadtteile und band die Gegenden an den öffentlichen Verkehr an. Gen Himmel protzten schon bald die breiten Schienen der Supraleitbahnen und verdunkelten die Gassen noch mehr.

Kinder drückten ihre kleinen Gesichter gegen die feuchten Scheiben der Bahnen, um einen Blick in die für sie verbotenen Unterhaltungsviertel zu werfen, während auf den kleinen implantierten Ohrstöpseln Hörbüchern über Stars und Sternchen liefen.

Fergusson ging es schlecht. Er gehörte einer der Aktivisten an, welche sich gruppiert hatten, um gegen dieses System anzutreten. Den Menschen wollten sie klar machen, dass dies nicht die Zukunft sein dürfte, schlimme Folgen haben würde und was es in dieser Welt für Alternativen Gäbe. Sie taten sich zusammen, mieteten ganze Straßenzüge um die Boxen dunkel zu halten. Eine ruhige Gegend, ohne all den digitalen Drang.

Doch es führte zu nichts, es machte ihn krank – jeden Tag dort zu sitzen, zu sehen wie die Menschen vorbeizogen – keinen Sinneswandel zeigten. Selbst als sie für längere Zeit ein überwältigendes Bild eines Waldes projezierten, welches sich über das Gesamte Bauwerk streckte war die einzige Reaktion der Masse, welche ein solches Naturwunder zum Teil noch nie bestaunt hatte, einen Schnappschuss zu machen und schnell weiter zu ziehen.

Die Inflation hatte auch Fergusson gepackt, sein Gehalt stieg nicht im Gegensatz zu den der meisten anderen. Von Tag zu Tag musste er mehr einsparen. Eine langsame Zermürbnis, der mit Wiederstand nichts entgegenzusetzen war.

Er würde bald ausziehen, hatte er sich vorgenommen. Ein kleines Haus auf dem Land drucken lassen und sich der Lebensmittelgenerierung anschließen.

Die Technik hatte den Menschen das Denken abgenommen. Aber sie dachte nicht mehr, als es die Menschen taten. Eine Schleife die ins Nichts führen würde mit der einzigen Möglichkeit sich zu retten – den eigenen Lebensstil dem leblosen Trend zu entziehen.

2098

Es regnet. Kalte Tropfen prasseln auf die etlichen, verrußten Rotorblätter der Windräder. Eine schleimige, schwarze Soße tropft wie Pech von den Bauwerken herab und sammelt sich in der dreckigen Gosse unter den Gebilden.

Ein kleiner Junge stapft entschlossen durch die kleinen Gassen des deutschen Arbeiterörtchens. Vorbei an den schäbigen Bungalows, welche die Industriekonzerne hatten aufstellen lassen, um alle unterzubringen. Graue Fassaden neben vertrockneten Büschen. Der kleine ist auf dem Weg zu seiner Frühschicht, bevor es am Mittag für wenige Stunden in die Schule geht. Das Geld für die neue Digitale Gesamtausstattung, welche alle zwei Jahre verkauft wird, können seine Eltern noch nicht auftreiben, was ihn zu dieser nicht ganz unüblichen Frühschicht treibt. Triefnass von dem unerwarteten Wetterwechsel, schlürft er am matschigen Straßenrand entlang und hält Ausschau nach einem Sorba der neuen, siebten Generation. Nur wenige können sich diesen Wagen leisten, seitdem die gesellschaftliche Situation sich vor zwanzig Jahren durch Inflation und Bildungsmangel so sehr verschlechtert hatte. Große Konzerne gingen Pleite und trieben einige der großen europäischen Länder in eine schwere, wirtschaftliche Lage. Wie ein Blutegel saugte damals der Automobil-Konzern Sorba mit seinen Niederlassungen die verbliebenen Arbeiter ein und half die Lage mit Unterkünften und guten Bezahlungen wieder einzuschaukeln. Wie nach einem Krieg, gilt es für Politik und verbliebene Wirtschaft nun, alles wieder ins Lot zu bringen und die Unterschicht in Richtung des Wohlstands zu leiten.

Für den kleinen Jungen wird all dies zu spät kommen. Genau jetzt bräuchte seine Familie die Hilfe um den Bungalow an Sorba abzahlen zu können, stattdessen arbeitet er nun ‚dank‘ der Gesetzesänderung mit seinen jungen Jahren in der örtlichen Textilfabrik. T-Shirts falten und verpacken ist seine Aufgabe – was einst Maschinen taten, muss jetzt von günstigeren Arbeitskräften erledigt werden. Und er ist einer davon. Export ist der eine Ansatz der Industrie; sich wieder an die Standards heran zu wagen. Man exportiert in die neu-industrialisierten Lande, nach Indien, China, Neom in Saudi Arabien, Brasilien und viele weitere – man wirbt mit der angeblich immer noch unvergleichlich guten, deutschen Qualität, obwohl der Standard schon lange gesunken ist. Vielleicht war man einmal in der Situation, von der nationalen Industrie ein solches Monopol bewerben zu können. Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Junge blickt auf. In seinen müden kleinen Augen schimmert eine verschwommene, silberne Reflektion. Er läuft schneller und erblickt eine Einfahrt weiter, einen Sorba-Sechs. Nicht wie erhofft der Neueste, aber dafür wunderbar gepflegt. Durch den verunreinigten Regen verschmiert, glänzt die Oberfläche des silber-schwarzen Wagens nur leicht. Doch das stört den Jungen nicht, er bestaunt seelenruhig die beeindruckenden Supraleit-Motoren. Elegant ziehen sie sich wie die Kufen eines Schlittens am Wagen entlang und runden das futuristische Aussehen wunderbar ab. Er streicht mit seinen kleinen, ausgebleichten Arbeiterfingern über das windschnittige Gefährt. Dem Querschnitt eines Flugzeug-Flügels hat man es nachempfunden, matt, schlank, elegant, wie einer der majestätischen Raubvögel aus den Schuldokumenten. Nachdenklich setzt er seinen Weg fort.

Durch leere Straßen, mit leeren Geschäften, von armen Menschen, mit leeren Börsen. Den Luxus lebt jeder mit Digital-Ausstattungen und Wagen mit Glanz, obwohl auch die Geldbörse digital, mit bitterer Leere dankt. Von den Herzen der Menschen bis hin zum Materiellen, nichts stützt mehr die Herzen, alles will überleben. Der Junge schlendert durch den Matsch der Stadt. Monotone Reklamen, lenken ihn nicht ab. Der Glanz des Wagens ist verschwunden. Nun brennen wieder alte Wunden. Zukunft, hatte man geplant. Simplizität ganz digital – doch wenn diese Säule einmal bricht, Gewesenes keinen Wert mehr verspricht.

Es ist das Jahr zweitausendachtundneunzig. Zeit ist vergangen…

Perfold

„…Symptome waren Gelenkschmerzen, Hautausschlag und Fieber.“ – las Agnus laut aus dem verstaubten Buch. Er fand es auf dem Dachboden, während er in den Sachen stöberte, welche seine Eltern dort aufbewahrten. Es war ein beeindruckendes Sammelsurium von interessanten und weniger interessanten Dingen, welche lange vor seiner Zeit relevant waren. Gelangweilt suchte er nach etwas, um die Zeit zu vertreiben. Beim Lesen wandte er sich ständig an seinen persönlichen Kommunikator, ein kleines, handliches Gerät, um nach der Bedeutung bestimmter Wörter zu suchen. Vieles aus den alten Schriftstücken des einundzwanzigsten Jahrhunderts, gehörte in seiner Zeit nicht mehr zum üblichen Sprachgebrauch. Seine Eltern erzählten ihm von damaligen Symptomen und Krankheiten, von denen er nie etwas gewusst hatte. Hautreizungen, Fieber und vielem mehr. Nie hatte er etwas solches erfahren müssen – und wollte dies auch nicht wirklich.

Es war aber eine seltsame Aufregung in ihm, jene Gefühle hervorzurufen, die er, wie auch ein Großteil seiner Mitmenschen, noch nie gespürt hatte. Wie konnte all das gewesen sein? Was waren chronische Schmerzen? Wie sind die Symptome aufgetreten? Wie haben die Ärzte sie verschwinden lassen?

Der Kommunikator begann zu summen.

Wenn man einen Anruf erhielt und Sie einen ins Drogenzentrum einberiefen, dann wusste man, dass etwas falsch mit dem eigenen Körper war. Dies war das erste Mal, dass Agnus den Anruf als vollends berechtigter Bürger erhielt. Bisher regelten diese Prozedur seine Eltern, er hatte keine Ahnung, was er erwarten sollte. Es war der Kommunikator, welcher inmitten einer Erklärung die Meldung bekundete. Jeder Bürger musste in weniger als drei Stunden nach dem Aufruf eingecheckt haben, andernfalls würde man ernsthaft bestraft werden. Niemand aus dem Bekanntenkreis des Jungen hatte es je riskiert. Er war nervös – gespannt und zugleich verängstigt von dem, was gleich auf ihn zukommen könnte. Vielleicht würde er die unbekannten Gefühle viel eher erfahren, als es ihm lieb war?

Ein Mann mit schwarzem Arztkittel durchsuchte einen Stapel schwarzer Boxen nach einer bestimmten Markierung. Als er die kleine Schachtel fand, auf welche ein weißer Strich aufgezeichnet war, wendete er sich damit zurück zu Agnus, welcher mit schweißigen Händen am Schalter des Wartebereichs stand. Er war der erste in einer langen Reihe von Menschen. Der Mann entnahm mit seinen dicken Fingern der kleinen Box drei rote Pillen und reichte sie dem Jungen.

„Das ist für dich.“

„Aber ich bin nicht krank.“ – erwiderte Agnus unzufrieden. Er betrachtete den Mann, der hinter dem breiten Schreibtisch voller Sensoren stand. Ausrüstung, die aussah wie eine wissenschaftliche Dokumentation und viele Bildschirme mit Informationen türmten sich im Hintergrund.

„Ich dachte, das war nur ein Check-up.“ – Er blickte unsicher um sich.

„Jetzt,…“ – betonte der Arzt, „jetzt sind sie noch gesund, das stimmt. Aber aufgrund Ihres Berichts sind Sie das in weniger als zwei Tagen nicht mehr. Berichte sind niemals irreführend und wir können kein Risiko eingehen. Ich bin sicher, Sie verstehen das.“

Agnus starrte ihn verständnislos an. Seine entgeisterten Blicke bohrten sich in die kalten, gelangweilten des Mannes.

„Was, wenn der Algorithmus fehlerhaft oder mein Bericht falsch ist?“

„Seien Sie nicht lächerlich! Sie kennen die Regeln. Die Vorsorge ist zum Wohl aller verpflichtend und unumgänglich!“, machte der Arzt deutlich.

„Bitte überprüfen Sie meinen Bericht noch einmal und lassen Sie mich meine Eltern anrufen.“

„Sie müssen diese Pillen nehmen. Jetzt! Oder ich muss die Offiziere rufen junger Mann.“, verdeutlichte er seine Aussage mit festem Tonfall.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Agnus keine Befehle befolgen will.

Es gibt einen Grund, warum Menschen ihn nie verstanden hatten.

Ohne Krankheiten, Schmerz, Armut und Kriminalität ist jeder in dieser schönen neuen globalisierten Welt zufrieden. Mit der Technologie von PERFOLD kann man erkennen, welche Krankheiten Menschen einnehmen, welche Merkmale sie haben und welche Entscheidungen sie treffen, basierend auf dem Code in ihrer DNA und allen Biomarkern vom Blut bis hin zu jeglichen Vitalzeichen. Alles ist mit Leichtigkeit vorhersehbar und die Gesellschaft kann sich auf jede Ungereimtheit vorbereiten. Seit Jahren haben Algorithmen keinen einzigen Fehler gemacht, so dass ihre Erfolgsbilanz beinahe eine gewisse Perfektion erreicht hat.

Seit über einer Generation gibt es keine Krankheiten mehr – über vier Jahrzehnte. Mit der Fertigstellung des individualisierten Genomprojekts im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wurde schließlich verstanden, wofür die menschliche DNA bestimmt ist. Jede Krankheit kann behandelt und später für immer verhindert werden, außerdem können Krankheiten, die bereits in die DNA codiert sind, rückentwickelt werden. Die Menschheit lernte, wie man das Leben programmiert und die Menschen gesund hält.

Ganze Industrien hatten sich gebildet, die auf dieser Idee aufbauen, und sich auf die Produktion der Wunderpillen und Seren spezialisiert hatten, um den Bauplan, welcher im Blut eingeprägt ist, zu ändern. Jeder kann ohne die Angst leben, krank zu werden oder nicht zu wissen, wann man sterben würde. Alle zukünftigen Lebensereignisse und Gesundheitsprobleme sind im persönlichen PERNOTE enthalten, den die Menschen am Tag ihrer Geburt zugeschrieben bekommen. Jeder lebt mit seinen Benachrichtigungen und folgt seinen Anweisungen.

 

Das Leben ist zum Programm geworden.

Und die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, Codes zum Leben zu erwecken. Niemand muss jemals wieder leiden aufgrund einer Allergie, einer unerwarteten Erkrankung oder einer schlechten Lebensstilentscheidung. Der Fortschritt, den die Menschheit seit Tausenden von Jahren versucht hat zu erreichen, ist endlich real.

Agnus wuchs darin auf, doch als Teenager fühlte er sich machtlos gegenüber diesem System aus Pharmazeutischer Kontrolle. Er begann zu rebellieren. Informierte sich über die Weltlage vor seiner Zeit und lehnte jegliche Behandlungen ab, soweit ihm die rechtliche Freiheit gegeben war.

Selbst seine Familie konnte nicht verstehen, warum er gegen all die Wunder war, welche die moderne Gesellschaft bereitstellte. Selbst wenn jemand bestimmte Befehle befolgen muss, scheint ein gesundes und langes Leben eine gute Belohnung zu sein. Die meisten Menschen denken so.

Agnus warf die Pillen weg und ging, während der nächste Patient schon eifrig seine Parameter dem stutzigen Arzt vorlegte.

Es ist seit Jahren eine zwanghafte Routine seines Lebens gewesen.

„Ich möchte nur meine eigenen Entscheidungen treffen.“, rief er, während ihm stämmige Offiziere nacheilten, wahrscheinlich um ihn ein paar Nächte in einer Zelle einzusperren und zu lehren, weshalb PERFOLD hier ist…

…um ihm zu helfen. (?)

Verlorene Empathie

Die vibrierende SmartCard lenkte meine Aufmerksamkeit von der Arbeit ab.
Ich blinzelte in den scharfen Strahlen der Nachmittagssonne und war überrascht, dass das Konzert, welches ich am Abend mit Freunden hätte besuchen sollen, abgesagt wurde. Oder besser gesagt, POX, mein virtueller, künstlich intelligenter Assistent, hat es für mich abgebrochen. Das war vollkommen normal, da er Dinge früher wusste als ich. Mit den meisten Lebenszeichen und medizinischen Aufzeichnungen der Bevölkerung vernetzt, war er damit beauftragt, einen Großteil der entwickelten Welt gesund und kampffrei zu halten. Er ist wie ein allgegenwärtiges Sicherheitsnetz, das perfekt informierte Entscheidungen trifft.

So wie ich es in Erinnerung hatte, war in meinem Kalender ein Termin mit einem Onkologen für den Zeitraum nach dem Konzert eingetragen. POX macht Dinge nur absichtlich und erlaubt sich keinen Fehler. Genauso wie beim Einkaufen oder Organisieren meiner Arbeitstage. Aber ich war verblüfft – meine Genomsequenzierung zeigte keine Vorliebe für Krebs. Trotzdem konnte der riesige Reichtum an Daten, den POX über Lebensweise und Vitalzeichen vorweisen konnte, die Krankheit vorhersagen, bevor sie sich selbst manifestierte.

Ich klopfte die Benachrichtigung an, nur um herauszufinden, dass es mehr als nur ein einfacher Termin war. Er suchte und fand das Krankenhaus mit der höchsten Erfolgsrate bei der Behandlung von Lungenkrebs im Frühstadium. Lungenkrebs? Ich hatte keine Symptome und der Tropfen Blut, den ich bei meinem letzten geplanten Check-up gegeben hatte, kam vor ein paar Monaten wieder normal zurück. POX bestätigte noch immer meine Verwunderung und merkte an, dass mein Versicherungsplan dies deckte. Er hatte bereits vorangedacht, aber ich hatte Angst, Angst vor jener Erkrankung, welche er mir so plötzlich angekündigt hatte.

Ich wünschte, ich hätte eine menschliche Person nach der Diagnose fragen können. In einem persönlichen Gespräch darauf eingehen.

POX trifft Entscheidungen automatisch und seine Algorithmen stellen sicher, dass keine menschliche Interaktion während des Betriebs benötigt wird. Bisher habe ich immer die technische Eleganz, seine praktikable Art bestaunt. Aber diesmal stank die Effizienz, die ich schätzte, nur nach kalter, narkotischer Präzision. Er bot keinen Trost für meine unruhigen Gedanken.

Es gab nichts zu tun, als zum Onkologie-Termin zu gehen, um die Antworten zu bekommen, die ich auf verzweifelte Weise sehnte. Bevor ich die Einrichtung betrat, wurden alle Datenpunkte von den Sensoren in meiner schicken Kleidung, die digitalen Tätowierungen, die meine Arme und die Chips unter meiner Haut trugen, mit den Krankenakten synchronisiert, die sie über mich hatten.

Ich sah meine körperliche Aktivität, Schlafmustern, Essgewohnheiten, Blutdruck und Körpertemperatur – notiert ständig ohne meine Interaktion – auf dem Bildschirm, den ich im Wartezimmer vor mir aufleuchten hatte. Relevante Artikel aus meiner Krankengeschichte, eingenommene Medikamente und wichtige Gesundheitsereignisse meines Lebens erschienen und wiesen auf grundlegende Fragen hin, während ich auf die Krebsdiagnose wartete. Die Ergebnisse zeigten, dass ich zu oft mit Freunden trinke und am Tag danach nicht genug trainiere. Er kam zu dem Schluss, dass dieses Verhalten nicht zu meinem körperlichen Wohlbefinden beiträgt. Ich war anderer Meinung, das waren meine Lieblingstage.

Mir wurde ein PET-Scan verschrieben, den ein medizinischer Roboter sofort durchführte. Die Kombination der PET-Scan-Ergebnisse mit Biomarkern aus meinem Blut dauerte nur Sekunden für POX. Ich hatte Anzeichen von Lungenkrebs im Frühstadium. Ich fühlte mich am Boden zerstört.

Ich wusste, Krebs war nur eine chronische Krankheit.

Sicher, es könnte mit einer personalisierten Kombination von Therapien behandelt werden, aber ich fühlte mich immer benommen von der Tatsache. Der Raum um mich drehte sich und meine Knie wurden weich. Ich setzte mich. Die Roboter-Krankenschwester, die an meinem Befund Beileid bekundete, war darauf programmiert, aufmerksam und unterstützend zu sein, aber ich wollte nur ein menschliches Gesicht, mit dem ich sprechen konnte.

Ich erhielt eine Nachricht auf meiner SmartCard mit einer langen Liste von Dingen, welche es zu tun gab. POX sagte mir, welche personalisierten Medikamente ich zu nehmen hatte, wo sich die nächste automatisierte Apotheke, die dreidimensional drucken kann befand, wie viel sie kosten würden und wie effektiv sie sein sollten, basierend auf verschiedenen Studien.

Mein Kalender wurde sofort neu angeordnet, um sicherzustellen, dass mein Lebensstil die Chancen auf einen Schlag gegen die Krankheit maximierte. Keine Kampfkünste mehr für mich in absehbarer Zeit, aber tägliche, leichte Bewegung und eine bessere Ernährung, um die Nebenwirkungen der Medikamente zu mindern, falls es welche geben sollte.

Meine Versicherung wurde auf das Krebs-Paket aufgerüstet, was bedeutete, dass POX Zugang zu privaten Details meines Lebens bekam, von Urinqualität, sexuellen Gewohnheiten und vollständiger Kontrolle über meinen Tagesablauf. Es ist alles erledigt. Ich muss nur Anweisungen befolgen und auf Benachrichtigungen achten. Es schien, als würde ich die bestmögliche Behandlung erhalten, die auf meine molekulare Zusammensetzung und persönliche Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich war in guten Händen.

Ich wollte nichts mehr als meinen Freunden beizutreten – freundliche, einfühlsame Gesichter zu sehen.

Auf dem Bildschirm vor mir blinkte eine Anfrage auf, welche mit meinem Fingerabdruck zu bestätigen war. Ich zögerte, aber wusste, dass meine Versicherungsprämie hoch springen würde, wenn ich nicht den optimalen Behandlungsplan befolge. Also streckte ich meinen Finger auf das kalte Glas des Displays und wurde in wenigen Minuten zum Krebspatienten, während ich meiner Lieblingsband hätte zuhören sollen.

Ich sollte mich erleichtert fühlen, aber alles geschah so schnell und ich hatte keine Zeit, die Neuigkeiten zu verdauen. Etwas fehlte. Vielleicht ein Wort mit jemandem, der nach einer solchen Diagnose weiß, was er sagen soll. Aber das Krankenhaus hatte kein medizinisches Personal, das mich trösten konnte.

Mein Großvater war ein Arzt in den 2000er Jahren, als es einer der am höchsten und geachteten Jobs war. Vater erzählte mir Geschichten darüber, wie der alte Mann Menschen behandelte und wie sehr sie ihn mochten. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Zeit barbarisch war. Opa musste sogar grundlegende gesundheitliche Parameter in der Klinik messen und die besten Behandlungsentscheidungen treffen, die auf ein paar Jahren Training und ein paar Dutzend Studien und medizinischen Fachzeitschriften basierten. Er hatte keine Ahnung, ob Patienten seine Therapie einhielten, weil es keine implantierten Mikrochips gab. Ohne POX konnten sie Krankheiten nicht frühzeitig erkennen. Das hat mich zuversichtlich in meine Gesundheit und die Aufmerksamkeit von POX gemacht. Aber aus irgendeinem Grund, mache ich mir nun Sorgen. Es wäre toll, mit jemandem zu sprechen, der das durchgemacht hat. Es gibt niemanden, der anruft. Ich weiß, meine Freunde haben eine Benachrichtigung über meine Diagnose erhalten, aber sie wissen auch, dass ich in guten Händen bin. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt. Sie werden vielleicht nicht einmal anrufen. Vielleicht haben wir auf dem Weg zu einem besseren Leben etwas verloren. Empathie. Vor POX gab es Apps, die Angst vor Patienten mit ernsthaften Diagnosen reduzieren sollten, indem sie sie durch den Prozess leiteten und Fragen sprechend beantworteten. Aber es war keine echte Person und eine App konnte Empathie nicht imitieren. Es hat nur die Benutzer sich nicht so alleine mit ihrer Situation fühlen lassen.

Als die künstliche Intelligenz unsere Gesundheit übernahm, stellte sich heraus, dass das Programmieren von empathischem Verhalten schwieriger war, als ein Programm zu lehren, wie man ein Flugzeug fliegt oder chirurgische Pläne entwirft. Ich denke, trotz aller technologischen Fortschritte sind wir immer noch Menschen im Inneren. Wir wollen immer noch, dass ein Mensch uns tröstet, wenn wir verletzlich sind und unser Leben sich gerade komplett verändert. Meine SmartCard vibrierte wieder. Meine Medikamente lagen an der Apotheke zur Abholung bereit.

Wir

Gegeben ward es gar nicht jedem,

vermuten mag es jeder nur.

Doch zu sehen ist es stehts,

gestützt von Überzeugung nur.

Wer es hat der weiß es schon

und muss es nicht bekunden,

der and’re der begehrt es nur,

doch gibt aus frohe Kunde.

Gespalten ist die Menschheit doch,

so war es immer schon.

Denn wer am Ende oben steht,

den führte es auf den Thron.

Nun erhebet euch aus eurer Kluft

und schaut über den Wall,

den man sich baut aus Kissen

welche stechen bitter kalt.

So kommt ihr drauf dann seid ihr schonein kleiner Teil davon

Was wohl der größte Reichtum ist,es selbst zu haben lohnt.

Heimat

Es war schon später Abend in Bretford. Die letzten Strahlen der roten, untergehenden Sonne bohrten sich durch die dicken, schwarzen Rauchschwaden welche über der Jupitanen Kolonie hingen. Zäh quollen sie aus den glatten, von Ruß geschwärzten Kaminen der Fabrik, ehe sie langsam auf die Straßen sanken. Eine metallene Glocke begann zu läuten. In einem irrsinnigen Tempo schlug der kleine goldene Hammer, gegen die blassen roten Backen, welche einen schrillen Ton erzeugten. Nur Sekunden später, zeichneten sich vage, von Licht gerahmte Umrisse von einigen dutzend Menschen in der schwarzen, stinkenden Nebelwolke auf. Sie kamen aus einer breiten Senke, welche den Ein- und Ausgang zu der riesigen, kochenden Fabrik bildete. Auf der rechten Seite befand sich eine kahle und unscheinbare graue Mauer, welche nicht minder denn zehn Meter Höhe verzeichnete. Auf der Linken war das Blickfeld frei. Direkt am Wegesrand, befand sich eine Strum-Allee, jenes Baumartige gewächs, was man auf dem Jupiter so liebgewonnen hatte. Dahinter ein überhängender Zaun mit Spitzen Zacken an der Oberseite. Die weite Fläche dahinter, welche direkt an die Fassade der Fabrikhalle angrenzte, war ein einziger Gastümpel. Jene gefährliche und dennoch nützliche Fläche, welche es eigentlich in Massen gab. Jedoch war nur diese eine umstandslos erreichbar. Alle anderen befanden sich außerhalb der Mauern und gehörten somit der unerforschten Mutationsebene an.

Lui beschleunigte seinen Schritt und stieß aus der Gruppe von Arbeitern hervor. Hinter dem langen Zaun bog er zackig in eine kleine Seitengasse ein, welche zwischen den grauen Betonhäusern hindurch führte. Die Organischen Lichtwände der Gebäude ließen sein Erscheinen aufleuchten. Er war ein kleinerer Mann mit einem Körperbau, welcher eine gute sportliche Genetik aufwies. Seine Haut war grau verfärbt von den Chemikalien der Fabrik, seine Kleidung von Ruß verschmutzt. Die krumme Nase deutete Spitz auf den gepflegten, dunkelbraunen Schnurrbart. Auf dem Kopf trug er eine Nackenkappe welche im selben bläulichen Farbton, wie auch die Funktionsjacke und die, zur Uniform gehörende Hose hatten. Lui krempelte seinen Kragen hoch und lief zügig weiter. An einer kleinen Wegkreuzung, welche sich genau in der Mitte vierer Häuser befand, machte er halt. Die symmetrischen, langen spitzen Kanten der Wohngebilde ließen die Szene wie ein Kunstwerk wirken. Pyramidenförmige Lichtstrahlen zeichneten sich auf dem Boden ab, Lui in deren Mitte. Er wartete.

Nur wenige Sekunden später bewegte sich aus einer Lichtgasse eine Dunkle Gestalt auf die Kreuzung zu. Die Schmale Taille und elegante Gangart ließen das Geschlecht einer Frau unter dem dunkelbraunen Mantel vermuten, wie ihn einst die Militärs auf der Erde trugen. Eine Hand bewegte sie aufmerksam schrittgleich, die andere steckte tief in einer Manteltasche. Die Gestalt betrat die Ebene des Lichtspiels und kam vor der Brust von Lui zum Stehen. Die beiden schauten sich um. Ihre Blicke durchschweiften die Umgebung, ehe sie sicher schien. Die Gestalt hob ihren Kopf und zupfte mit den schlanken Fingern an der Rückseite der Kapuze, bis diese sich ein wenig aus dem Gesicht entfernte. Ein Lichtstreifen strahlte auf die Wangen der Person und erhellte das gesamte Gesicht.

Die glänzend grünen Augen von Aura strahlten Lui an. “Ich habe ihn bekommen, Lui!”, kam es aus ihrem Mund. Die schmalen Lippen schlossen sich und Aura griff erneut in ihre Tasche. Sie zog etwas kleines, gelbes hervor und überreichte es Ihm vorsichtig. Lui hob seine Hand den Lichtstrahlen entgegen um das unbekannte Ding genauer betrachten zu können. Seine Blicke waren skeptisch. Es war ein Exemplar eines Schlüssels.

Ein Schlüssel, wie ihn jeder Jupitane Kolonialist hatte haben sollen. Es war ein kleines Stück Plastik, nur wenige Zentimeter lang. Mittig des dünnen Schlüssels, war ein unscheinbarer Chip integriert. Es war keine Sache, der man gerne traute. Eine Sache, welche man nicht einmal gerne in den Händen hielt. Aber sie war revolutionär, genial – und vor allem Platz- und Geldsparend. Es handelte sich dabei um den Zugangsschlüssel zu den Privaten Räumlichkeiten der Kolonialisten. Sobald man ihn an der Türe eines Betonblocks einsteckte, wandelte sich das Innere des Hauses zu einer materiellen Illusion der eigenen vier Wände. Der Chip speicherte alles ab, was beim letzten Verlassen des Hauses vorhanden war und welche Zustände herrschten. So konnte man überall daheim sein, ohne einen Umzug zu organisieren. Doch auch eine geniale Idee hatte ihre negativen Seiten. So kam es, dass Menschen verschwanden, die beim Abschließen und somit Ausloggen noch in der Wohnung waren. Und wer seinen Schlüssel verlor, verlor sein ganzes Heim dazu und landete auf der Straße. Nur selten war es der IT möglich, Wohnungen wiederherzustellen. In ein Haus konnten sich unendlich viele Menschen einloggen, jedoch nicht zur selben Zeit. Gelöst hatte die Regierung der Jupitanen Kolonie dieses Problem sehr einfach. Es wurden achtzehn-Stunden-Tage eingeführt. Somit schoben die Menschen lange Schichten und hatten alle nur einen viertel Tag um in ein Gebäude einzukehren. Es gab regelmäßige Proteste dagegen.

Doch Lui und auch Aura hatten ganz andere Sorgen.

Sie beide waren keine Kolonialisten erster Ordnung, sondern sie gehörten der Zweiten an. Die neue Generation, welche nie die Erde gesehen hatte, stattdessen in einer kleinen Praxis in der Kolonie geboren worden waren. Die Erde hatte man ihnen erzählt, sei eine blaue Natur voller Freiheiten. Man konnte gehen so weit man wollte, durch Ländereien und mit Booten über Ozeane. Mit Tieren und Pflanzen in einer ungewissen Vielfalt.

Auf dem Jupiter war dies unmöglich. Gefangen, war man in dieser beengten Zelle, welche sich Kolonie schimpfte. Umgeben von einer massiven Mauer, welche vollzeit bewacht war. Weshalb, das wusste keiner der normalen Bewohner. Man erzählte sich Geschichten von Geistern aus Gasen, mutierten Lebewesen und abstrakten, furchigen Landschaften. Doch keiner hatte je auch nur einen Blick darauf geworfen. Jeder der es schaffte, einen Blick hinter die Mauern zu werfen, kam nicht wieder zurück.

Lui und Aura wollten die Welt hinter der Mauer kennenlernen. Egal was passieren würde, selbst der Tod war für die beiden die Erfahrung wert. Einmal die Weite sehen.

Es gab die Schlüssel in Grau, für den üblichen Kolonialist – und in blau, für die hochrangigen Bewohner, welchen damit ein vollzeit Zutritt zu ihren Eigenheimen gewährt war.

Der Schlüssel, den Lui in der Hand hielt war gelb. Jemand musste ihn angemalt haben. Der Jemand, welcher auch in krakeliger, schwarzer Schrift das Wort ‘Paradies’ darauf geschrieben hatte.

“Es ist der richtige, lass uns gehen, die Sachen stehen hinter dem Block.” Lui steckte den Schlüssel in seine Innentasche und griff nach Auras Hand. Das Paar bog in eine der vier beleuchteten Gassen ein. Ihre Umrisse wurden in der Ferne vom grellen Licht verschluckt.

Einige Minuten später erreichten sie eine der ältesten Straßen der Kolonie. Sie wurde am Anfang als Start- und Landeplatz für die Frachtschiffe genutzt, bevor später die Monotonen Betonbauten an den Seiten platziert wurden. Strum-Halme wuchsen wie Unkraut aus dem Asphalt und die Häuser besaßen noch nicht die angenehm gerade Anordnung, wie es in den modernen Gebieten der Fall war. Sie waren krumm und schief gebaut, wie es die Natur damals zugelassen hatte. Es war eine gespenstische Gegend. Betonblöcke mit schweren Türen, jedoch ohne Fenster. Verwucherte Wegränder. Kaputte Laternen und flackernde Türknäufe.

Lui steuerte gezielt auf einen Block etwas weiter abseits der Straße zu. Er lag im Schatten der Mauer, das einzige Licht ging vom glasklaren Sternenhimmel aus, als auch von dem neon-grün leuchtenden Türknauf. Er signalisierte, dass momentan niemand in das Gebäude eingeloggt war. Das war in dieser Ecke sowiso unwahrscheinlich. Die meisten Eingänge waren defekt, blinkten rot, wechselten die Farben oder waren gar komplett deaktiviert.

“Warte hier”, zischte Lui Aura zu. Wie ein Schatten huschte er um die Ecke, an der Wand entlang in Richtung der Rückseite des Hauses. Er stockte, hielt die Luft an. Es war kein Laut zu hören. Direkt vor ihm befand sich die Mauer, doch kein Laut drang hindurch. Er griff nach dem braunen Lederrucksack, welchen er im grünen Gestrüpp am vergangenen Tag versteckt hatte und ging den Weg zurück zur Türe. “Ist uns jemand gefolgt?” “Nein, wir können loslegen. Endlich!”, antwortete Aura. Lui nickte ihr zu und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Er blickte sich nochmals um, ehe er das gelbe Plastikteil in Richtung Türknauf führte. Keiner der beiden wusste, was sie in der Simulation erwarten würde. Sicher war, in dieser Speicherung gab es einen Gang, welcher durch die Wand führte und somit die Flucht ermöglichte. Aura hatte den Schlüssel über mehrere Kontaktpersonen zugespielt bekommen. Man rumorte, dass er von den Sicherheitsleuten selbst in den Umlauf gebracht wurde. Jedoch konnte sich niemand einen sinnvollen Grund erdenken.

Das klicken eines Relays ertönte, als Lui den dünnen Stift des Schlüssels in den Knauf schob. Die Farbe wechselte von neon-grün zu einem grell leuchtenden blau, blinkte kurz. Nach einigen Sekunden färbte sich der Knauf rot und die Tür sprang einige Zentimeter auf. Es hatte funktioniert, sie waren drin.

Lui und Aura warfen letzte verabschiedende Blicke zurück, keiner wusste ob oder wann sie zurückkehren würden. Dann öffneten sie die große Metalltüre und schlichen sich ins Innere.

Die Tür schlug zu. Sie standen im Dunkeln. Ein Lichtschalter war nicht zu finden, dafür war ein lautes rattern von der rechten Seite aus zu hören. Lui kramte eine Taschenlampe aus einer der Seitentaschen und schaltete sie an. Der Lichtkegel wanderte den kahlen Boden ab, suchte nach etwas markanten. Die Wände waren Fensterlos und grau, bis auf eine. Diese eine Wand, welche direkt gegenüber des Eingangs lag schien defekt. Sie wechselte in kurzen Intervallen zwischen verschiedene Aussehen und kam nicht zum Stillstand. Es war genau die Wand, welche in Richtung der Mauer gerichtet war. Das Paar näherte sich ihr. Lui schaute eine Weile dem Spektakel zu bis ihm etwas markantes auffiel. Es gab zwei Faustgroße Stellen, welche immer gleich blieben. Er drückte Aura die Lampe in die Hand und legte vorsichtig seine Hand an die Stellen. Mit seinen Handballen übte er Druck aus.

Ein Knarzen, Rattern, die Wand spaltete sich in der Mitte und wie eine edle Flügeltüre klappte die Wand auf. Aura und Lui schlangen sich durch den schmalen Spalt. Hinter ihnen schloss sich die Wand und sie fanden sich in einem dunklen Raum wieder. Es war der Bereich, in dem die Mauer durchgraben sein musste. Durch ein kleines Loch drang ein schwaches Licht. Auf allen Vieren kroch Lui, dicht gefolgt von Aura hindurch. Ein Schmerz durchzog seinen Körper, ein anhaltender Schmerz. Schonend gekrümmt versuchte er sich aufzurichten. Auch Aura begann über Schmerzen zu klagen, ihre Haut brannte schrecklich. Lui holte tief Luft, hob seinen Blick und betrachtete die Umgebung. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, matschige, dunkelbraune Landschaft. Der unebene Boden führte zu ihrer Linken zu einem kahlen Waldstück. Wie eine Insel erhob sich der kleine, saftig grün bewachsene Hügel aus der Landschaft. In wenigen Metern Entfernung entdeckte er etwas Ungewöhnliches. Er näherte sich dem Gebilde, sein Herz stockte als er sah und las. Ein einsames Schild stand mitten in der Landschaft. In ausgebleichter Schrift stand darauf gedruckt: “Nuklear verseuchtes Gebiet – Paris Zone 3”. Er wollte sich umdrehen, etwas knackte unter seinen Stiefeln. “Aura!” Lui blickte nach unten, hob seinen Fuß. Ein zerbrochener, grauer Knochen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er auf, blickte zur Mauer. Aura tat es ihm gleich. Menschliche Skelette klammerten sich an die Wand, braune Blutspuren überdeckten das monotone Grau. Erst jetzt entdeckten die Beiden die riesige Kuppel, welche über der Kolonie angebracht war. Von innen war sie nie ersichtlich gewesen.

Lui versuchte den schock zu überwinden, sprintete zur Luke, in den dunklen Raum. Doch der Eingang war verschlossen.