Lebendig

Es war ein wahrlich schönes Haus auf das ich hier gestoßen war. Eine schmale, kniehohe Natursteinmauer schulterte die Pfähle des fuchsroten Zauns welcher an der ruhigen Landstraße durch verschlafene, kleine Ortschaft im Norden der Toscana führte. Ein kleines Gebüsch drängte seine zarten, grellen grünen Zweige durch die Holzlatten und erfrischte das graue Gemäuer in seiner Farbgebung. Eine schmale Stufe welche aus nichts weiter als einer einzigen Natursteinplatte bestand, bot einen Durchgang zu dem kurvigen Kiesweg, welcher zu dem Anwesen führte. Am Rand wuchsen junge Rosenbüsche welche an den Seiten eine Art kleine Allee bildeten. Durch den gepflegten grünen Rasen bohrten sich einige gelbe Pfauenblumen und weiter hinten wuchsen drei gruppierte Zitronenbäume, wenn es nicht eher Bäumchen waren. Sie schienen das bescheidene Herz des Gartens zu bilden, während einige Akazien beinahe unscheinbar verteilt im Garten wuchsen. Versteckt hinter einem weiten, blühenden Affenbrotbaum versteckte sich schließlich der Eingang. Das Gebäude schied sich in zwei Teile. Der von meiner Position aus Linke, war komplett aus Naturstein gebaut. Über die circa sechs Meter breite Hauswand, erstreckte sich eine weite Flügeltür aus dunklem Eichenholz welche von einem kleinen Ziegeldach geschützt war, das sich wiederum auf zwei dicke Pfeiler stützte, welche von Efeu Strängen umschlungen waren. Die Linke Außenwand besaß einen markanten französischen Balkon welcher, wie ich noch vermutet hatte, eine sagenhafte Aussicht auf die kleine Gebirgskette im entfernten Süden des Anwesens gewähren musste. Der rechte Teil des Hauses war einige Meter höher gelegen, da ein kleiner Hügel direkt hinter dem vorderen Bereich des Gebäudes anstieg. Bis zur Höhe des von alten Eichenpfählen getragenen Schieferdachs des Vorderhauses war auch der Rechte Teil aus Naturstein, darüber jedoch aus einem Standard typischen Gemäuer aus Backstein und Fassade. Es war in etwa doppelter Breite und besaß einen eigenen Eingang, welcher zu der weiter oben parallel verlaufenden Landstraße führte. Ein kleiner Kamin aus grauem, glatt geschmirgelten Beton thronte auf dem selbig konzipierten Dach aus bräunlichen Ziegeln mit der typisch südländischen vertieften Kerben. Der Regenschutz des Kamins ähnelte einem kleinen Vogelhaus, sowohl aufgrund des hölzernen Materials, als auch der hausähnlichen Form. An der Fassade befanden sich auf der zu mir gerichteten Seite zwei Fenster, welche von einem grau geriffelten Betonguss umrahmt waren. Ebenso auch die Gestaltung der beiden auf der Linken, welche anders als die vorderen, übereinander positioniert waren und somit das obere einen noch besseren Weitblick bot als der im Vorbau darunter eingebaute französische Balkon. Die ausgebleichten braunen Fensterläden waren an die Hauswand gelehnt, die Fenster selbst jedoch alle, trotz der kaum auszustehenden Hitze geschlossen. Die kleinere Hellbraune Holztür, welche den Haupteingang zum Oberhaus bildete, war von einem schmalen, gläsernen Lichteinlass umrahmt.

Ich ging um den Böschungsanstieg herum um mich dem unteren Eingang zu nähren. Der momentane Besitzer des Hauses, Adelfio, er war ein Herr hohen Alters und wollte mich hier empfangen und umher führen. Wie aufs Stichwort öffneten sich die beiden Flügel der Tür, sie wurde gar regelrecht aufgestoßen. Ein Mann, welcher wohl Adelfio sein musste trat mit viel Elan hervor und reckte begrüßend seine Arme in die Höhe. “Ciao, Victor, come stai, wie geht es dir?” Ich kam ihm freudig grinsend näher.

Der alte Mann mit dem spitz gezupften, grauen Schnurrbart, welchen er ebenso sauber gepflegt hatte, wie auch die imposante Haarpracht welche glatt vom Scheitel aus zur linken Seite gekämmt war, trug ein sehr einprägsames Exemplar eines Monokels auf dem Auge. Die Zeitung, welche er in seinen kräftigen Händen hielt, schien nicht gerade von gestern gewesen zu sein, erklärte jedoch, warum er die türkis umrahmte Sehhilfe in jenem Moment noch trug. Er musste Schreiner gewesen sein, darauf deuteten zumindest seine bereits erwähnten Bärenpranken als auch seine breiten Unterarme hin. Vom Ellenbogen aus war er in ein weißes Hemd gekleidet, dessen Ärmel sorgsam hochgekrempelt waren. Darüber hatte er sich eine leichte Weste aus einem sehr feinen Material gezogen. Es mochte Seide sein, jedoch bin ich mir dessen nicht sicher. Der beige Farbton harmonierte jedoch besonders mit der luftigen Hose, welche lässig weit geschnitten war und vom Schwung seiner Schritte und der leichten Brise wild zerflettert wurde. Die Lederschuhe mit den kunstvoll angebrachten Schmucknähten, waren in ihrem Braun etwas ausgebleicht, gaben allerdings trotzdem noch einen schönen Eindruck von sich.

“Danke sehr, mir geht es hervorragend. Ein wundervolles Wetter für eine solche Hausbesichtigung. In München hat es gestern noch stark geregnet, da ist mir das hier doch schon viel lieber!”

“Wollen wir es uns anschauen?”

“Gerne!”, bejahte ich seine Frage und trag über die Türschwelle.

“Dann komm doch gerne herein.”

Wir hatten den Rundgang zu meiner höchsten Zufriedenheit abgeschlossen und saßen nun im gemütlichen Aufenthaltsraum mit dem Blick auf die in der Ferne liegende Bergkette. Ich war sehr beschwingt, da dieses Gebäude genau meinen Vorstellungen eines eigenen Ferienhauses mit seinen großen und hellen Zimmern entsprach. So verzaubernd es auch von außen war, der Innenbereich zeigte sich als noch verwunschener. Eingerichtet wie ein kleines Schloss vom Eingangsbereich bis zu den privaten Gemächern. Ich war fasziniert!

Adelfio hatte einen Barolo aus Piemont mit exzellentem Jahrgang aus dem Keller geholt und schenkte uns beiden ein. Der dunkle Wein sprudelte aus der Flasche heraus und floss mit dem Klang eines kleinen Baches in das rundliche Glas.

Wir stießen an und Adelfio begann die Geschichte zu erzählen, welche er bereits einige Zeit zuvor angekündigt hatte.

“Weißt du Victor, dieses Haus bedeutet viel für mich. Mein Vater baute es damals ganz nach den Wünschen meiner Mutter. Sie hatten von der Bepflanzung des Gartens, über die Natursteine bis hin zur Zimmereinteilung und der Einrichtung alles lange geplant und ganz nach ihren Wünschen gestaltet. Mein Vater, so erzählte man es mir, investierte sehr viel Zeit um selbst am Bau des Hauses zu helfen. Es hätte ein Traum sein können, wäre es nicht zum Krieg gekommen. Mein Vater wurde, bevor er das Ergebnis seiner Arbeiten genießen konnte in den Krieg einberufen, und kämpfte in den erbarmungslosen Stollen des Lagazuoi gegen die österreichischen Kaiserjäger. Er wurde jedoch nicht in einer Kriegshandlung getötet. Er half einer kleinen Gruppe von etwa einem Dutzend Männern, neue Gänge zu sprengen. Eine Sprengladung Dynamit zündete zu früh und mein Vater wurde unter einem Haufen Gestein begraben.”

“Das tut mir sehr leid”, versuchte ich mein Mitleid zu bekunden. Ich war ein wenig verwundert, wie alt mochte Adelfio sein, wenn sein Vater als ein erwachsener Mann im ersten Weltkrieg kämpfte.

“Das muss es nicht, ich denke, es war so beinahe besser. Er hätte qualvoll im Gefecht sterben können, so hatte er einen beinahe friedlichen Tot. Meine Mutter zog mich danach alleine groß und heiratete kein weiteres Mal. Ich fragte damals oft nach meinem Vater, wo er sei, ob er zurückkommen würde. Als Antwort gab man mir stets, dass er unter uns lebe. Er habe sich ein eigenes Zimmer gebaut und würde nachts durch unser Haus wandern, um auf uns aufzupassen. Oft hatte ich nach der Türe gesucht, oder war wach geblieben, um ihn wiederzusehen. Natürlich passierte nichts, was ich irgendwann auch begriff. Meine Mutter starb mit dem Erreichen meines achtzehnten Lebensjahres, auf dem Sterbebett erzählte sie mir, dass ihr ihre Pflicht erfüllt habe und sie nun mit in das Zimmer meines Vaters ziehen wollte. Ich hatte den Auftrag bekommen gut auf das Haus aufzupassen und wenn die Zeit kommen sollte, einen würdigen Nachfolger zu finden.

Nun, Victor, ich habe nie Kinder bekommen – daher möchte ich das Haus jemand anderem anvertrauen. Nicht nur, dass es nur wenige Interessenten gibt. Du bist mir auch sehr sympathisch – ein würdevoller Nachfolger – und wenn du mir erlauben würdest, dich ab und an noch zu besuchen, ließe ich es dir hiermit offen, den Preis zu bestimmen”

Ich war vollkommen perplex. Ich hatte eine familiäre Geschichte erwartet, jedoch nicht eine solch emotionale, gar verwunschene. Ich glaubte nicht an Geister, oder verfolge einen sonstigen Aberglauben. Jedoch fiel es mir schwer, eine passende Antwort zu finden.

“Mein guter Adelfio”, setze ich zögerlich an. “Ich danke dir sehr dafür, dass du mir deine Geschichte anvertraust. Ich bin überaus begeistert von dem Gebäude und beabsichtige daher auch es zu kaufen. Aber einen Preis festzulegen, das fällt mir doch sehr schwer, gerade weil du so emotional daran hängst. Wenn es für dich in Ordnung wäre, würde ich mir die Freiheit nehmen, und darüber zuvor noch eine Nacht schlafen und dann morgen alles weitere mit dir besprechen.”

Ich nahm einen letzten Schluck aus meinem Weinglas und machte ein Anzeichen, dass ich es nun dabei belassen wollte und die Rückkehr ins Hotel antreten würde. Adelfio nickte mir zu. Er erhob sich langsam.

“Ich bin sehr erfreut das zu hören. Natürlich darfst du dir die Zeit nehmen, aber bedenke, ich bin ein Alter Mann, Victor. Wir wollen das doch gerne abschließen, ehe auch das vorbei ist.”

“Davon sollte man nicht sprechen”, gab ich belehrend zurück.

Ich bat ihn sitzen zu bleiben, die enge Treppe zum tiefer gelegenen Ausgang wollte ich ihm am späten Abend nicht noch aufzwingen. Eine verabschiedende Umarmung, ehe ich den Raum verließ und die Treppe hinab ging. An der vorletzten Stufe stockte ich. Ein Kratzen, als schiebe jemand etwas Schweres umher, war zu hören. Im Augenwinkel meinte ich, einen bewegten Stein zu sehen. Verwarf diesen Unsinn jedoch recht bald.

Neben der Tür hing ein kleines, gerahmtes Bild. Ich hatte es am Nachmittag nicht sehen könne, da es vom linken Flügel der Tür verdeckt war. Ich kam näher heran. Es war ein Bild von Adelfio, ich erkannte es umgehend an den gepflegten Haaren und dem Monokel, welches er, wie er mir erzählte, mit dem Schmuck seiner verstorbenen Mutter hatte verzieren lassen. Mir blieb der Atem stehen, als ich die Bildunterschrift las. Auf schwarzem Hintergrund war mit weißer Schrift gedruckt: “Ruhe in Frieden – Adelfio Grattoni – zehnter Mai, neunzehnhundertsechsundachtzig”. Ich kehrte um, ging in eiligen Schritten die Treppe hinauf und huschte in den Aufenthaltsraum, in welchem wir uns eben noch unterhielten. Adelfio war verschwunden. Ebenso war es auch der Wein und nur das Sitzkissen des Stuhles, auf welchem ich selbst saß, war eingedrückt.

Erneut hörte ich ein kratzendes Geräusch aus der Richtung, in welcher das Treppenhaus lag. Das Treppenhaus, in dem die Todesurkunde des Mannes hing, welcher eben noch quicklebendig mit mir sprach.

Wie ein Blitz schoss ich zur Haustür, riss diese mit einer unsäglichen Wucht auf und rannte soweit meine Beine mich trugen.

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