Heimat

Es war schon später Abend in Bretford. Die letzten Strahlen der roten, untergehenden Sonne bohrten sich durch die dicken, schwarzen Rauchschwaden welche über der Jupitanen Kolonie hingen. Zäh quollen sie aus den glatten, von Ruß geschwärzten Kaminen der Fabrik, ehe sie langsam auf die Straßen sanken. Eine metallene Glocke begann zu läuten. In einem irrsinnigen Tempo schlug der kleine goldene Hammer, gegen die blassen roten Backen, welche einen schrillen Ton erzeugten. Nur Sekunden später, zeichneten sich vage, von Licht gerahmte Umrisse von einigen dutzend Menschen in der schwarzen, stinkenden Nebelwolke auf. Sie kamen aus einer breiten Senke, welche den Ein- und Ausgang zu der riesigen, kochenden Fabrik bildete. Auf der rechten Seite befand sich eine kahle und unscheinbare graue Mauer, welche nicht minder denn zehn Meter Höhe verzeichnete. Auf der Linken war das Blickfeld frei. Direkt am Wegesrand, befand sich eine Strum-Allee, jenes Baumartige gewächs, was man auf dem Jupiter so liebgewonnen hatte. Dahinter ein überhängender Zaun mit Spitzen Zacken an der Oberseite. Die weite Fläche dahinter, welche direkt an die Fassade der Fabrikhalle angrenzte, war ein einziger Gastümpel. Jene gefährliche und dennoch nützliche Fläche, welche es eigentlich in Massen gab. Jedoch war nur diese eine umstandslos erreichbar. Alle anderen befanden sich außerhalb der Mauern und gehörten somit der unerforschten Mutationsebene an.

Lui beschleunigte seinen Schritt und stieß aus der Gruppe von Arbeitern hervor. Hinter dem langen Zaun bog er zackig in eine kleine Seitengasse ein, welche zwischen den grauen Betonhäusern hindurch führte. Die Organischen Lichtwände der Gebäude ließen sein Erscheinen aufleuchten. Er war ein kleinerer Mann mit einem Körperbau, welcher eine gute sportliche Genetik aufwies. Seine Haut war grau verfärbt von den Chemikalien der Fabrik, seine Kleidung von Ruß verschmutzt. Die krumme Nase deutete Spitz auf den gepflegten, dunkelbraunen Schnurrbart. Auf dem Kopf trug er eine Nackenkappe welche im selben bläulichen Farbton, wie auch die Funktionsjacke und die, zur Uniform gehörende Hose hatten. Lui krempelte seinen Kragen hoch und lief zügig weiter. An einer kleinen Wegkreuzung, welche sich genau in der Mitte vierer Häuser befand, machte er halt. Die symmetrischen, langen spitzen Kanten der Wohngebilde ließen die Szene wie ein Kunstwerk wirken. Pyramidenförmige Lichtstrahlen zeichneten sich auf dem Boden ab, Lui in deren Mitte. Er wartete.

Nur wenige Sekunden später bewegte sich aus einer Lichtgasse eine Dunkle Gestalt auf die Kreuzung zu. Die Schmale Taille und elegante Gangart ließen das Geschlecht einer Frau unter dem dunkelbraunen Mantel vermuten, wie ihn einst die Militärs auf der Erde trugen. Eine Hand bewegte sie aufmerksam schrittgleich, die andere steckte tief in einer Manteltasche. Die Gestalt betrat die Ebene des Lichtspiels und kam vor der Brust von Lui zum Stehen. Die beiden schauten sich um. Ihre Blicke durchschweiften die Umgebung, ehe sie sicher schien. Die Gestalt hob ihren Kopf und zupfte mit den schlanken Fingern an der Rückseite der Kapuze, bis diese sich ein wenig aus dem Gesicht entfernte. Ein Lichtstreifen strahlte auf die Wangen der Person und erhellte das gesamte Gesicht.

Die glänzend grünen Augen von Aura strahlten Lui an. “Ich habe ihn bekommen, Lui!”, kam es aus ihrem Mund. Die schmalen Lippen schlossen sich und Aura griff erneut in ihre Tasche. Sie zog etwas kleines, gelbes hervor und überreichte es Ihm vorsichtig. Lui hob seine Hand den Lichtstrahlen entgegen um das unbekannte Ding genauer betrachten zu können. Seine Blicke waren skeptisch. Es war ein Exemplar eines Schlüssels.

Ein Schlüssel, wie ihn jeder Jupitane Kolonialist hatte haben sollen. Es war ein kleines Stück Plastik, nur wenige Zentimeter lang. Mittig des dünnen Schlüssels, war ein unscheinbarer Chip integriert. Es war keine Sache, der man gerne traute. Eine Sache, welche man nicht einmal gerne in den Händen hielt. Aber sie war revolutionär, genial – und vor allem Platz- und Geldsparend. Es handelte sich dabei um den Zugangsschlüssel zu den Privaten Räumlichkeiten der Kolonialisten. Sobald man ihn an der Türe eines Betonblocks einsteckte, wandelte sich das Innere des Hauses zu einer materiellen Illusion der eigenen vier Wände. Der Chip speicherte alles ab, was beim letzten Verlassen des Hauses vorhanden war und welche Zustände herrschten. So konnte man überall daheim sein, ohne einen Umzug zu organisieren. Doch auch eine geniale Idee hatte ihre negativen Seiten. So kam es, dass Menschen verschwanden, die beim Abschließen und somit Ausloggen noch in der Wohnung waren. Und wer seinen Schlüssel verlor, verlor sein ganzes Heim dazu und landete auf der Straße. Nur selten war es der IT möglich, Wohnungen wiederherzustellen. In ein Haus konnten sich unendlich viele Menschen einloggen, jedoch nicht zur selben Zeit. Gelöst hatte die Regierung der Jupitanen Kolonie dieses Problem sehr einfach. Es wurden achtzehn-Stunden-Tage eingeführt. Somit schoben die Menschen lange Schichten und hatten alle nur einen viertel Tag um in ein Gebäude einzukehren. Es gab regelmäßige Proteste dagegen.

Doch Lui und auch Aura hatten ganz andere Sorgen.

Sie beide waren keine Kolonialisten erster Ordnung, sondern sie gehörten der Zweiten an. Die neue Generation, welche nie die Erde gesehen hatte, stattdessen in einer kleinen Praxis in der Kolonie geboren worden waren. Die Erde hatte man ihnen erzählt, sei eine blaue Natur voller Freiheiten. Man konnte gehen so weit man wollte, durch Ländereien und mit Booten über Ozeane. Mit Tieren und Pflanzen in einer ungewissen Vielfalt.

Auf dem Jupiter war dies unmöglich. Gefangen, war man in dieser beengten Zelle, welche sich Kolonie schimpfte. Umgeben von einer massiven Mauer, welche vollzeit bewacht war. Weshalb, das wusste keiner der normalen Bewohner. Man erzählte sich Geschichten von Geistern aus Gasen, mutierten Lebewesen und abstrakten, furchigen Landschaften. Doch keiner hatte je auch nur einen Blick darauf geworfen. Jeder der es schaffte, einen Blick hinter die Mauern zu werfen, kam nicht wieder zurück.

Lui und Aura wollten die Welt hinter der Mauer kennenlernen. Egal was passieren würde, selbst der Tod war für die beiden die Erfahrung wert. Einmal die Weite sehen.

Es gab die Schlüssel in Grau, für den üblichen Kolonialist – und in blau, für die hochrangigen Bewohner, welchen damit ein vollzeit Zutritt zu ihren Eigenheimen gewährt war.

Der Schlüssel, den Lui in der Hand hielt war gelb. Jemand musste ihn angemalt haben. Der Jemand, welcher auch in krakeliger, schwarzer Schrift das Wort ‘Paradies’ darauf geschrieben hatte.

“Es ist der richtige, lass uns gehen, die Sachen stehen hinter dem Block.” Lui steckte den Schlüssel in seine Innentasche und griff nach Auras Hand. Das Paar bog in eine der vier beleuchteten Gassen ein. Ihre Umrisse wurden in der Ferne vom grellen Licht verschluckt.

Einige Minuten später erreichten sie eine der ältesten Straßen der Kolonie. Sie wurde am Anfang als Start- und Landeplatz für die Frachtschiffe genutzt, bevor später die Monotonen Betonbauten an den Seiten platziert wurden. Strum-Halme wuchsen wie Unkraut aus dem Asphalt und die Häuser besaßen noch nicht die angenehm gerade Anordnung, wie es in den modernen Gebieten der Fall war. Sie waren krumm und schief gebaut, wie es die Natur damals zugelassen hatte. Es war eine gespenstische Gegend. Betonblöcke mit schweren Türen, jedoch ohne Fenster. Verwucherte Wegränder. Kaputte Laternen und flackernde Türknäufe.

Lui steuerte gezielt auf einen Block etwas weiter abseits der Straße zu. Er lag im Schatten der Mauer, das einzige Licht ging vom glasklaren Sternenhimmel aus, als auch von dem neon-grün leuchtenden Türknauf. Er signalisierte, dass momentan niemand in das Gebäude eingeloggt war. Das war in dieser Ecke sowiso unwahrscheinlich. Die meisten Eingänge waren defekt, blinkten rot, wechselten die Farben oder waren gar komplett deaktiviert.

“Warte hier”, zischte Lui Aura zu. Wie ein Schatten huschte er um die Ecke, an der Wand entlang in Richtung der Rückseite des Hauses. Er stockte, hielt die Luft an. Es war kein Laut zu hören. Direkt vor ihm befand sich die Mauer, doch kein Laut drang hindurch. Er griff nach dem braunen Lederrucksack, welchen er im grünen Gestrüpp am vergangenen Tag versteckt hatte und ging den Weg zurück zur Türe. “Ist uns jemand gefolgt?” “Nein, wir können loslegen. Endlich!”, antwortete Aura. Lui nickte ihr zu und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Er blickte sich nochmals um, ehe er das gelbe Plastikteil in Richtung Türknauf führte. Keiner der beiden wusste, was sie in der Simulation erwarten würde. Sicher war, in dieser Speicherung gab es einen Gang, welcher durch die Wand führte und somit die Flucht ermöglichte. Aura hatte den Schlüssel über mehrere Kontaktpersonen zugespielt bekommen. Man rumorte, dass er von den Sicherheitsleuten selbst in den Umlauf gebracht wurde. Jedoch konnte sich niemand einen sinnvollen Grund erdenken.

Das klicken eines Relays ertönte, als Lui den dünnen Stift des Schlüssels in den Knauf schob. Die Farbe wechselte von neon-grün zu einem grell leuchtenden blau, blinkte kurz. Nach einigen Sekunden färbte sich der Knauf rot und die Tür sprang einige Zentimeter auf. Es hatte funktioniert, sie waren drin.

Lui und Aura warfen letzte verabschiedende Blicke zurück, keiner wusste ob oder wann sie zurückkehren würden. Dann öffneten sie die große Metalltüre und schlichen sich ins Innere.

Die Tür schlug zu. Sie standen im Dunkeln. Ein Lichtschalter war nicht zu finden, dafür war ein lautes rattern von der rechten Seite aus zu hören. Lui kramte eine Taschenlampe aus einer der Seitentaschen und schaltete sie an. Der Lichtkegel wanderte den kahlen Boden ab, suchte nach etwas markanten. Die Wände waren Fensterlos und grau, bis auf eine. Diese eine Wand, welche direkt gegenüber des Eingangs lag schien defekt. Sie wechselte in kurzen Intervallen zwischen verschiedene Aussehen und kam nicht zum Stillstand. Es war genau die Wand, welche in Richtung der Mauer gerichtet war. Das Paar näherte sich ihr. Lui schaute eine Weile dem Spektakel zu bis ihm etwas markantes auffiel. Es gab zwei Faustgroße Stellen, welche immer gleich blieben. Er drückte Aura die Lampe in die Hand und legte vorsichtig seine Hand an die Stellen. Mit seinen Handballen übte er Druck aus.

Ein Knarzen, Rattern, die Wand spaltete sich in der Mitte und wie eine edle Flügeltüre klappte die Wand auf. Aura und Lui schlangen sich durch den schmalen Spalt. Hinter ihnen schloss sich die Wand und sie fanden sich in einem dunklen Raum wieder. Es war der Bereich, in dem die Mauer durchgraben sein musste. Durch ein kleines Loch drang ein schwaches Licht. Auf allen Vieren kroch Lui, dicht gefolgt von Aura hindurch. Ein Schmerz durchzog seinen Körper, ein anhaltender Schmerz. Schonend gekrümmt versuchte er sich aufzurichten. Auch Aura begann über Schmerzen zu klagen, ihre Haut brannte schrecklich. Lui holte tief Luft, hob seinen Blick und betrachtete die Umgebung. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, matschige, dunkelbraune Landschaft. Der unebene Boden führte zu ihrer Linken zu einem kahlen Waldstück. Wie eine Insel erhob sich der kleine, saftig grün bewachsene Hügel aus der Landschaft. In wenigen Metern Entfernung entdeckte er etwas Ungewöhnliches. Er näherte sich dem Gebilde, sein Herz stockte als er sah und las. Ein einsames Schild stand mitten in der Landschaft. In ausgebleichter Schrift stand darauf gedruckt: “Nuklear verseuchtes Gebiet – Paris Zone 3”. Er wollte sich umdrehen, etwas knackte unter seinen Stiefeln. “Aura!” Lui blickte nach unten, hob seinen Fuß. Ein zerbrochener, grauer Knochen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er auf, blickte zur Mauer. Aura tat es ihm gleich. Menschliche Skelette klammerten sich an die Wand, braune Blutspuren überdeckten das monotone Grau. Erst jetzt entdeckten die Beiden die riesige Kuppel, welche über der Kolonie angebracht war. Von innen war sie nie ersichtlich gewesen.

Lui versuchte den schock zu überwinden, sprintete zur Luke, in den dunklen Raum. Doch der Eingang war verschlossen.

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