Berühmter Müll

Es war noch früh am Morgen, als es an der Tür klingelte. Aron schlürfte gemächlich in seinem beigen Morgenmantel zur Tür seiner kleinen Wohnung am Stadtrand von Shefferdsfield. Mit dem öffnen der Wohnungstür, kam ihm der harmonisierende Geruch feuchter, frischer Erde entgegen. Das Gras glänzte im Morgenlicht und der Asphalt war tief schwarz gefärbt von den Regengüssen letzter Nacht. Der Postbote reichte ihm ein kleines Paket und verschwand dann ebenso schnell, wie er gekommen war. Geistesabwesend schloss Aron die Tür hinter sich, fixiert auf den Bereich, auf dem der Absender stehen sollte. Es gab keinen. Es stand lediglich Arons eigene Adresse, die 224 Hollandroad auf dem Paket. Aron ließ sich in seinen weichen Ohrensessel fallen, welchen er vor einigen Jahren von seinem Großvater geerbt hatte und riss unsanft das Päckchen auf. Gut gepolstert lag darin ein kleines Taschenbuch, komplett in weiß, ohne Titel, jedoch mit einer kurzen Widmung. “Dieses Werk ist Aron Moureau gewidmet, meinem liebsten Charakter.” Er stockte, das war sein Name welchen die Widmung inbegriffen hatte. War es ein Bewunderer, ein Fan seiner eigenen Seite? Aron führte seit einigen Jahren eine bescheidene Internetseite, auf welcher er eine Vielzahl an Rezensionen zu Büchern und Texten verfasste. Das Interesse daran stieg in den vergangenen Monaten so rapide, dass er es sich leisten konnte, durch die Seite und einige Sponsoren seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Vorsichtig schlug der junge Mann, welcher einen grauen Haarwuchs mit gleichtönigem Dreitagebart sich hatte wachsen lassen, die erste Seite des Buches auf. Er begann zu lesen.

Eine glanzvolle grüne Oasenstadt tat sich vor Aron auf. Er war ein junger Herr aus edlem Hause mit einem Leben, geschrieben von feinster Feder. Seine Schritte sunken seicht in den weichen Wüstenboden ein, einige Schweißtropfen kullerten seine roten Wangen hinab. Sein Weg führte ihn von Supräa, einer kleinen Wüstenstadt mit weltlichem Drang nach Dulapez, einer imposanten Metropole mit dem schnellsten Anschluss an die nördlichen Länder. Auf dem Rücken trug er einen schweren, von Nutzungsspuren geplagten Rucksack an welchem seitlich eine leere Wasserflasche baumelte. Es war nicht mehr weit, einige hundert Meter bis zum Stadtrand, an welchem die ersten Häuser standen, aber es war eine schiere Qual. Hitzeflimmern markierte die zu erreichende Ferne und die grelle Mittagssonne stand senkrecht am wolkenlosen Himmel. Einige Zeit später erreichte Aron das erste Haus. Ausgelaugt lehnte er sich gegen die Tür und klopfte. Es waren Ferienhäuser reicher Leute aus dem Norden, nicht das beste um nach einem Ruheplatz zu bitten. Die Tür öffnete sich. Aron senkte beschämt seinen Blick. “Guten Tag, mein Name ist Aron, dürfte ich bitte meine Wasserflasche bei ihnen auffüllen und ein Telefonat tätigen?”, sprudelte sein im Voraus durchdachter Text geradewegs aus ihm heraus. Er hob seinen Blick und erstarrte. Eine junge Dame mit gepflegtem, schulterlangem hellblondem Haar und einem schmalen, freundlich lächelnden Gesichtszug, stand vor ihm. “Du darfst gerne hereinkommen Aron, was treibt dich hierher?” Es dauerte einen Moment bis er realisierte, dass ihm der Eintritt gewährt wurde. Vielmehr hatte Aron mit einer arroganten Abweisung eines Herrn mittleren Alters gerechnet, der nicht wusste, wo er seine Millionen investieren sollte. Brav folgte er ihren Schritten in die Küche. “Willst du mir deine Flasche reichen, dann fülle ich sie dir eben auf” – “Aron?” Er war wie verzaubert. “Eine wunderschöne Stimme hast du,…” “Mona, tut mir leid, ich hatte mich nicht vorgestellt, mein Name ist Mona.”

Aron zuckte zusammen, als seine er den Name las. Es war Mona, seine Mona. Aber das war noch vor seiner Zeit in England, das waren Erlebnisse aus einer Zeit ohne Kontakte, wie konnte, wer auch immer er war, davon wissen. Mona war tot, schon lange.

Sanft streichelte Aron durch Lenias dunkles Haar, sie lächelte ihn verschlafen an. Es wurde gerade erst hell in London, schlanke Sonnenstrahlen stachen durch die dicke Wolkenschicht und zeichneten hübsche Lichtspiele auf die gemeinsame Bettdecke der beiden. Verliebt drückte Aron ihr einen Kuss auf die Stirn und ging leicht bekleidet zum Französischen Balkon des kleinen Hotelzimmers. Er zog die seidenen Vorhänge beiseite und lies seinen Blick über die Weite der Stadt streifen. Die Albträume machten ihm zu schaffen. Sie waren nicht wirklich schlimm in ihrem Dasein, vielmehr in ihrer Bedeutung. Ein frischer Wind wehte durch die Schlitze des gekippten Fensters.

Mona war seine große Liebe, sie hatten gemeinsam ihr Leben geplant. Sie war nach seiner schweren Kindheit in der Arbeiterklasse einer modernen, Klassen-orientierten Gesellschaft die reiche Rettung gewesen. Durch sie erlangte er vollste Erfüllung und genoss dies in vollen Zügen. Doch Mona wurde schwanger. Monas reicher Vater drohte, den Geldhahn abzudrehen, würde ein Kind aus dieser entsetzlichen Liebe resultieren, wie er es beschrieb. Noch nie war er begeistert davon gewesen, dass Mona sich einen Freund aus ungleichen Schichten gesucht hatte. Doch sie war stur, stellte sich gegen ihren Vater und plante ein eigenes Leben. Nur sie, Aron und das Kind sollten darin vorkommen. Doch Aron weigerte sich. Das Geld war zu verlockend, nie hätte er so viel haben können, und das Kind, das würde nur kosten, jedoch nichts erbringen. Mona wurde depressiv, wandte sich von allen ab und nahm sich wenig später das Leben. Aron war ihre Oase, eine Oase die auf einmal vertrocknet war. Ihr Vater wandte sich von ihm ab. Und Aron begann von neuem. Er suchte in seinen Schichten und fand Lenia. Sie war noch jung aber makellos. Ein Wunderwerk der Natur und glücklich wie man nur sein konnte. Ihr unverwechselbares Lächeln ließ Aron am Tage jegliche Gedanken an Mona verschwinden, und erquickte seinen Geist. Er erlangte alles wieder was er einst hatte, bekam einen guten Job bei einem großen Verlag und konnte sich und Lenia alle Wünsche erfüllen.

Es wurde ihm unheimlich, das Buch erzählte die Vergangenheit in einer Wahrhaftigkeit, welche es nicht wiedergeben können sollte. Es war als würde der Autor Aron bei jedem Schritt beobachtet haben. Auch Lenia war nicht mehr bei ihm. Was würde wohl darüber erzählt werden.

Es war eines späten Abends, Aron kam von einem nächtlichen Spaziergang aus dem Hyde Park zurück. Die herbstliche Stimmung der Stadt war im entspannten Einklang von den orange-roten Lichtern, welche aus den vielen Fenstern drangen und das feucht-windige Klima deutete an, dass es sich um eine der letzten warmen Nächte handeln musste.

Er stieg die Treppen zum Eingang des imposanten Hotels hinauf und ging, während er sich seiner Jacke entledigte, auf den gläsernen Aufzug zu. Dreizehnte Etage, die Türen der Kabine öffneten sich und offenbarten den langen, von weichen Teppichböden gezierten Gang, der zu den nummerierten Räumlichkeiten führte. Aron begann eben nach seinem Schlüssel zu suchen, als er sah, dass die Zimmertür nicht verriegelt war. Ein angestrengtes Stöhnen drang aus dem Spalt auf den Gang. Aron wurde kreidebleich im Gesicht. Vorsichtig drückte er die Tür auf, spähte um sie herum. Lenia stand am Fenster, bedrängt von einem riesigen Mann, wessen Gestalt monströs und einschüchternd war. Die Beiden küssten sich, genüsslich umschlangen sich ihre Zungen. Entsetzt betrat Aron das Zimmer, das Fenster war weit geöffnet und keiner machte Anschein vom Eintritt Arons Notiz zu nehmen. “Wer bist du?”, rief Aron argwöhnisch. “Mein Name ist Tropé, ER schickt mich um deiner Geschichte ein Ende zu bereiten. Schau nicht weg!” Seine Stimme war respektlos und einschüchternd. Doch ehe Aron auch nur die Chance hatte, über etwas nachzudenken geschah es. Tropé packte Lenia und sprang mit ihr aus dem Fenster. Er hechtete zum Sims und blickte herab, es dauerte einen Moment, bis man den dumpfen Aufschlag der menschlichen Körper auf dem harten Asphalt hörte. Aron sank zusammen. Er verstand nicht, was eben passiert war.

Nervös lief Aron mit dem Buch in der Hand in seinem Zimmer auf und ab. Schon oft hatte Aron absurde und gar miserable Texte mit unmenschlichen Handlungen lesen müssen. Aber hier handelte es sich offenbar um eine Art überdrehte Biographie seiner selbst, was ihm selbstverständlich missfiel. Er würde den Autor aufsuchen, sich erkundigen welchem Gedankengang dies zugrunde liege. Rasch rief er Pedro an, er wollte eine zweite Meinung einholen, bevor er etwas unternehmen würde, und da war Pedro die beste Wahl. Ein erfahrener Polizeibeamter, Kommissar und Familienvater. Eine offene Persönlichkeit mit einer besonders gutmütigen und hilfsbereiten Seite. Schon oft hatte er ihn beraten oder Insiderwissen vermittelt, um Arons eigene Kriminalgeschichten realistischer wirken zu lassen. Das Taxi war gerufen. Während Aron die Tür abschloss, fuhr der dunkle Wagen vor. Das gelb leuchtende Schild auf dem Dach stach kontrastreich aus der Umgebung hervor. Aron ging den gepflasterten Gartenweg entlang und stieg in das Taxi. “Zu Pedro also?” Aron erstarrte. “Er wird es nicht sehen können, das Buch.” “Wer sind sie?” Aron versuchte, die kleine Klappe zum Fahrerbereich aufzuschieben. “Ich bin niemand, ich arbeite im Auftrag von IHM, ich werde ihrer Geschichte ein Ende bereiten!” Das Auto fuhr los, wie wild rüttelte Aron an dem kleinen Griff. Das Blut gefror ihm in den Adern, als es ihm gelang, die Klappe zu öffnen. Der Wagen war fahrerlos. “Lassen sie mich hier raus!”, gellte es verzweifelt aus seiner Kehle. Es kam keine Antwort – langsam versank Aron in einen tiefen Schlaf.Es war dunkel, ein Lichtschein zwängte sich durch die kleine Luke, welche immer noch geöffnet war. Die Scheiben waren schwarz verfärbt. Langsam richtete sich Aron von der Rückbank auf. Er schaute sich um, suchte panisch nach dem Türöffner. Er ertastete ihn und riss die Tür auf. Geschwächt stolperte er aus dem Wagen und fand sich auf einem weiten Acker wieder. Er sprang auf, wandte sich zum Auto, doch es war weg. Nicht einmal Spuren von dem Rädern waren mehr zu sehen. Aron versuchte sich zu beruhigen, regulierte seine Atmung, fokussierte sich auf das Geschehen, die Umgebung. Doch Unmengen an Adrenalinmachten es ihm nicht zu einem Leichten.

“Hallo Aron”, ertönte es von hinten. Wie ein Blitz kehrte er sich um. Einige Meter entfernt saß ein Alter Mann mit weißem Haar, fülligem Gesicht und einer grauen Weste auf einem alten Bürostuhl, mitten im Acker. Vor ihm, ein massiver Schreibtisch aus wunderschön poliertem Eichenholz. Darauf stand eine alte Schreibmaschine und ein Stapelbedruckter Blätter. “Komm ruhig näher.” Kam es von dem Mann und Aron befolgte die Bitte ohne nachzudenken. Es war, als würde er von der Szene angezogen werden. “Nimm doch bitte Platz, Aron, es ist so unangenehm wenn der Gegenüber steht.” Ehe Aron sich auch nur umsehen konnte, wurde ihm ein Stuhl untergeschoben, auf dessen Sitzfläche er sich sinken ließ.

Verdutzt starrte Aron den misteriösen Herr an, aus der Nähe wirkte das Gesicht vertraut, nett. Ein wohliges Gefühl durchdrang ihn bis er aus seinen Gedanken gerissen wurde: “Wie fandest du das Buch, Aron?” “Nun, es war eher ein Text – und auch davon nicht besonders viel. Schlecht geschrieben, aber…”, stotterte Aron. “Nur eine Spielerei das Ganze, ich bin kein Autor, ich bin ein Spieler, Aron. Ein Spieler und Gott, wie ihr das wohl nennen würdet.” Der Mann lehnte sich zurück und verschlang entspannt die Arme hinterm Kopf. “Ein omnipotentes Nichts, das ist, was ich bin. Diese Gestalt und Sprache, sind kein festes Sein meiner Selbst. Alle fünfzig Jahrewird ein Neuer unserer Art erschaffen und löst den Vorgänger bei seinen Aufgaben ab. Wir erschaffen nichts Materielles, wir kreieren die Vergangenheit, Gegenwart und sogar die Zukunft. Alle fünfzig Jahre neu; wie wir es für nötig halten. Sterne und Sonnensysteme waren schon immer existent, nicht jedoch ihre Geschichten und Lebewesen. Wir können Evolution und Geschehen verändern, wie es uns liegt. Mein Vorgänger hatte einst die Geschichte der Erde und somit auch euch entworfen. Er wurde damit unglaublich berühmt, da er etwas ganz neues Erschaffen hatte – eine richtige Zivilisation, wie er es euch nennen ließ. Ich selbst habe einen makellosen und schönen Planeten im Prias-System gedeihen lassen und die bescheidene Spezies der Saip entworfen. Aber auch ich wollte das Wunderwerk Erde betrachten. Es war ein Versuchsobjekt. Getestet wurde, wie sich eine Spezies mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Wie weit sie gehen könnte und wie sie sich verändert, wenn man sie um bestimmte Szenarien erweitert. Ihr wurdet berühmt unter meinesgleichen. Aber das Ganze ist nun in einer gigantischen Müllhalde resultiert. Ihr macht alles kaputt und wollt immer mehr.”

“Warum werde ausgerechnet ich herbeigerufen?”, fragte Aron, sichtlich überfordert mit der Erzählung.

“Du Aron, bist der einzige Mensch auf dieser Erde, welcher von mir entworfen wurde. Du solltest mein Beitrag zu dieser Welt sein. Ich hatte dir versucht, einen wunderbaren Höhepunkt in dein Leben zu geben, eine Pointe. Ich wollte erfahren, wie es verläuft, wenn einer von euch ein Maximum erreichen darf und beinahe alles erlangt. Aber selbst dann, regieren noch Habgier und Ansehen. Und das hat mich enttäuscht. Mona war komplett auf dich abgestimmt, es hätte ein verwirklichter Traum für dich sein können und du hast ihn für Geld vernichtet. Lenia ließ ich dich nur kennenlernen, um sie dir zu nehmen. Du hattest fühlen sollen, wie es gehen kann.”

Aron saß stocksteif und geistesabwesend auf seinem Sessel.

“Ich hatte erhoffte, durch dich der Erde noch eine Chance zu geben, ich hatte dich liebgewonnen und versucht, dir ein geordnetes Leben gutzuschreiben. Aber nun erscheint mir das Ganze als vollkommen sinnlos. Die Erde wird in diesem Zustand nicht mehr gebraucht, wir werden etwas neues, besseres kreieren. Ihr seid zu einer berühmten Müllhalde geworden, ihr und euer Planet – habt alles mit in den Abgrund gerissen. Aber es wird mir eine Lehre sein, für die Arbeit an den Saips, die Erfahrung, welche ich aus euch schöpfen durfte.”

Er nahm einen Stift und schrieb in krakeliger Handschrift einen Titel auf das Deckblatt des zuvor blanken Taschenbuchs: “Berühmter Müll”

Danach schlug er die letzte Seite des Buches auf und verfasste ein neues Kapitel: „Wie die Menschen verdarben“.

Er begann zu schreiben.

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